Von der Kunst, Jacob Böhme zu lesen

Der Schriftsteller Hermann Hesse sagte Anfang des 20. Jahrhunderts über Jakob Böhme: „Er ist nicht nur schwer zu lesen, so wie etwa Kant in vielen Kapiteln schwer zu lesen ist. Er ist überhaupt nicht zu lesen, wenn die Einstellung fehlt.“

Jacob Böhme (1575‑1624) zu studieren, ist eigentlich ein Widerspruch in sich. Es ist, als wollte man ein Erdbeben beschreiben, während man in seinem Büro bequem eine Tasse Tee genießt, oder als wollte man die Farbe der Jasminblüte schildern. So etwas ist eher ein Angriff, der sich gegen Böhmes Werk richtet. Sein Werk jedoch entzieht sich dieser Bemühung. Mit großer Heftigkeit greift er den ‚toten Buchstaben‘ an, die ‚Mauerkirche‘, das geschnitzte Bild, die Gemütsruhe der Autoritätsgläubigen, die Eitelkeit der Gelehrsamkeit des Hauptes, die Lippen- und Namen-Christen:

„Siehe, du blinder Heide, siehe, du Schriftzerrer und -dehner [d.h. der die Bibel manipuliert], tue deine Augen weit auf und schäme dich nicht vor dieser Einfachheit, denn Gott liegt im Zentrum verborgen und ist noch viel einfacher, aber du siehst Ihn nicht.“ 1)

Werke wie geistiges Dynamit

Böhme griff in seinem Werk nach der lebendigen Essenz des menschlichen Lebens, des Menschen selbst. Er rang wie der alttestamentliche Jakob mit dem ‚Mann Gottes‘ und ließ nicht ab, bevor er gesegnet wurde. Er suchte die Verbindung zwischen ‚dem Bild‘, der äußeren, materiellen Seite, und dem Inneren, dem Bildlosen des Geistes.

Und jeder, der sich in sein Werk vertiefen will, wird in diesen revolutionären Kampf hineingezogen. Er wird erfahren, dass er wie von einem Wirbel in ein noch dunkles Chaos herabgezogen wird. Er ‚liest‘ ein Buch, in dem alle bestehenden Begriffe und Bilder eine andere, vorher nicht gekannte Bedeutung erhalten, weil er in einem lebendigen Buch liest. Wer daher sagt, er verstehe Böhme (wie man zum Beispiel einen Sachbuchautor versteht), hält sich selbst und andere zum Narren. Er irrt, denn Böhme zwingt den Menschen zu einer eingreifenden Selbsterforschung.

Jacob Böhme rüttelt an den Fundamenten der akzeptierten Erkenntnis und erprobt ihre Echtheit. Ihn nachplappern und zitieren reicht nicht aus. Jedes Zitat fordert den Geist heraus, aus dem der Görlitzer sprach, wirkte und schrieb. Darum sind ‚Böhme‘ und ‚Unverbindlichkeit‘ ein scharfer Kontrast. Sein Werk ist geistiges Dynamit. Die Explosion, die es verursacht, wirkt in Schockwellen weiter, in Generationen, Kulturen und in jedem, der Böhme „begegnet“.

„Ihr werdet von wunderlichen Dingen hören, denn die Zeit ist geboren, von der mir durch ein Gesicht gesagt wurde, nämlich die Reformation. Das Ende befehle ich Gott; denn ich weiß es noch nicht.“

Entscheidend ist die Frage:
Wer bin ich?

Jeder Mensch wird mit Gut und Böse, Wahrheit und Lüge, Licht und Finsternis konfrontiert. Diese Gegensätze sind unlösbar miteinander verbunden. Wo und was ist aber dann das absolut Gute? Was ist die Wahrheit? Und was treibt einen Menschen zum Suchen? Warum fragt er, verlangt er nach der einen Wahrheit? Auf der Basis der Gegensätze wie Gut und Böse, Licht und Dunkel, Leben und Tod werden immer wieder spekulative Gedankensysteme entworfen, die Gut und Böse so erklären, dass bestimmte Menschen es akzeptieren können. Mit diesen Normen können sie sich identifizieren, daran können sie sich halten.

Wer sich in dem System, dem er anhängt, sicher fühlt, wird keine neue, höhere Wahrheit mehr suchen. Unser System hält uns am Leben. Es nährt uns, und wir ernähren es. Dieser Energieaustausch lässt wenig oder keinen Raum für die Frage nach dem Wirklichkeitsgehalt des Systems, dem der Betreffende angehört, denn es ist ein Stück der eigenen Identität! Die Frage: „Wer oder was bin ich?“ wird dann nicht mehr oder noch nicht gestellt.

Das Denken aufbrechen

Wer in die tiefgründige Kenntnis eintaucht, von der Jacob Böhme mit jedem Federstrich zeugte, tut gut daran, auf eine theoretische und systematische Annäherung zu verzichten. Wer Böhmes Schriften lesen will, wird mit einer Terminologie, einer Sprache, einer Symbolik und einer Komplexität der Begriffe konfrontiert, die für den, der komfortable Systeme schätzt oder gänzlich praktisch orientiert ist, nahezu unzugänglich sind.

Um den inspirierten Görlitzer Schuster verstehen zu können, muss man die äußere Form seines Denkens aufbrechen. Lesen allein reicht nicht aus. Man muss in seine Gedanken eindringen, sie begreifen – das ist die erste Forderung. Es muss eine Seelenverwandtschaft bestehen, um etwas von diesem unerschöpflichen Schatz an geistigen Werten und Tiefen auch nur vermuten zu können, die er wiederzugeben versucht. Ein Bewusstsein, das nur auf das irdische Dasein abgestimmt ist, wird daran scheitern.

Nach einem ersten Versuch, Böhme zu verstehen, kann man entweder beschließen, ihn zu lassen, wie er ist, oder mit Hilfe des Intellekts das Geheimnis oder System des Philosophus Teutonicus zu erfassen suchen oder sich selbst erforschen, warum man Böhme so schwierig findet.

Das Geheimnis liegt im Menschen

Böhme drängte zu Selbsterforschung, zu Selbsterkenntnis und zur Einkehr in das Selbst. In seinem Theosophischen Sendbrief Nr. 20 erklärte er, was die Basis für die reine Selbsterkenntnis sein muss. „Denn das Buch, in dem alle Geheimnisse liegen, ist der Mensch selbst. ... Das große Arcanum liegt in ihm. Allein die Offenbarung geschieht durch den Geist Gottes.“

Der Verstand darf nicht bei der Außenwelt stehenbleiben, sonst findet er nur, dass es eine verborgene Kraft und Macht geben muss, die unergründlich und nicht zu durchforschen ist, welche alle Dinge so geschaffen hat. Dabei lässt er es dann bleiben und „läuft in der Schöpfung hin und her, so wie ein Vogel in der Luft fliegt, und schaut sie an wie die Kuh eine neue Stalltür und betrachtet sich selbst niemals, nicht was er selbst ist“. Er kommt selten so weit, dass er erkennt, dass der Mensch ein Bild aus allen diesen Wesen ist. Er will seinen Schöpfer nicht kennenlernen. Und wenn es geschieht, dass ein Mensch doch dazu kommt, Ihn kennenzulernen, dann nennt der Verstand ihn närrisch und verbietet ihm das eitle Begreifen Gottes und rechnet ihn noch zu den Sündern und verspottet ihn. 1)

Böhmes Grundlage für das geistige Schauen war der Übergang von der Natur zum Menschen, der Übergang vom Menschen als allgemeine Erscheinung zu seinem allgemeinen Quell, dem Geist, dem Bild Gottes – und der Übergang vom Bild Gottes zu Gott selbst.

Das Verlangen nach Kenntnis

So betrachtete er alles als einen dynamischen Prozess der Geburt und der Offenbarung des Göttlichen. Stets kehrte er zurück zum Menschen im aktuellen Leben. Er fragte jeden Menschen, ob er wirklich bereit war, ob er nach Kenntnis verlangte, die weiter und tiefer reicht als bis zu den äußeren Dingen. Und wenn dann die Fähigkeit zu erkennen vorhanden war, sagte er: „Ists nun so, dass du tun willst, allen Dingen gleich zu werden, so musst du alle Dinge verlassen und deine Begierde von ihnen abwenden und sie nicht begehren ...“ 2)

Von diesem Punkt aus wird einsichtig, was Hermann Hesse über die Kunst, Jacob Böhme zu lesen, schrieb:

„Er ist überhaupt nicht zu lesen, wenn die Einstellung fehlt. Am schwersten kommt der gebildete Vielleser in ihn hinein. Seine Lektüre erfordert, könnte man sagen, gerade dieselben Vorbedingungen wie das mystische Erleben selber. – Sie fordert ein vorübergehendes ‚Leerwerden’, eine völlig freie Aufmerksamkeit und Seelenstille. In den Stunden, wo diese uns fehlt, spricht Böhme nicht zu uns, ist er uns tot und öde, denn der Neugierde und dem bloßen intellektuellen Spieltrieb gibt er nichts. Aber in Stunden, wo wir reif für ihn sind, sehen wir in seinem mystischen Abbild der Welt die Sterne kreisen und ordnen uns in seinen Kosmos lebendig mit ein.“ (3)


Reproduktionen aus Böhmes Werken mit freundlicher Genehmigung der Bibliotheca Philosohica Hermetica, Amsterdam

Quellen:

  1. Vom übersinnlichen Leben, Ogham-Verlag, Stuttgart 1986, S. 40
  2. Vom übersinnlichen Leben, a.a.O., S. 28
  3. zitiert nach Gauger, Andreas: Jakob Böhme und das Wesen seiner Mystik. Berlin 2000, S. 9

Empfehlenswerte Bücher über Jacob Böhme:

  • Wehr, Gerhard: Jakob Böhme. Reinbek 1971, rororo-Monographie
  • Gauger, Andreas: Jakob Böhme und das Wesen seiner Mystik. Berlin 2000
  • Ferstl, Frank: Jacob Boehme – der erste deutsche Philosoph. Berlin 2001

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