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Das Geheimnis des blauen Vogels (2)

Der Vogel aus dem goldenen Ei und seine Bestimmung.

Der rätselhafte Vogel, der im 4. Stockwerk des Turms von Olympus aus dem goldenen Ei geschlüpft war und im 5. Stockwerk von Christian Rosenkreuz und seinen Gefährten gefüttert und aufgezogen wurde, erfährt im 6. Stockwerk die Erfüllung seiner Bestimmung.

Der Turm von Olympus ist der finale Schauplatz der "Chymischen Hochzeit des Christian Rosenkreuz“ (Alchimische Hochzeit) am fünften und sechsten Tag des insgesamt sieben Tage dauernden Geschehens. In den acht Stockwerken dieses Turms arbeiten CRC und seine Gefährten am OPUS MAGNUM, der großen alchimischen Verwandlung oder Transfiguration des sterblichen Menschen zum unsterblichen, göttlichen Menschen. Ihre Arbeit in den Laboratorien des Turms hat zwei Aspekte. Sie betrifft gleichzeitig die Materie (Außenwelt) und ihre eigene innere Entwicklung (Innenwelt). Bei dem rätselhaften Vogel handelt es sich nicht um ein Tier aus Fleisch und Blut, sondern er ist ein Symbol für die geläuterte, neu geborene Menschenseele, die einen alchimischen Prozess der Veränderung (Transmutation) durchmacht.

Der magische Altar im sechsten Stockwerk

Das Geschehen der Alchimischen Hochzeit ist nun in die Endphase eingetreten. Nachdem die Jungfrau Alchymia – der jungfäuliche Geist im Menschen – sich mit "ihrem“ blauen Vogel entfernt hat, werden Christian Rosenkreuz (CRC) und seine Gefährten in das 6. Stockwerk gerufen. Mit großer Beklemmung sieht er dort den magischen Altar stehen, den er bereits am 4. Tag der Chymischen Hochzeit im Königssaal bestaunt hatte, als er zum ersten Mal mit den drei Königspaaren konfrontiert wurde. Auf dem Altar befinden sich sechs Gegenstände:

  1. ein mit schwarzem Samt und Gold beschlagenes Buch
  2. eine brennende Kerze
  3. ein Uhrwerk, auf dessen Dach
  4. ein kleiner Springbrunnen mit blutrotem Wasser sprudelt
  5. ein sich selbsttätig drehender Himmelsglobus
  6. ein Totenschädel, in dem sich eine weiße Schlange windet
  7. sieht CRC den blauen Vogel hinter dem Altar stehen.

 

Sieben ist die Zahl der Erfüllung, die Summe der Eigenschaften der ersten sechs. Der Seelenvogel bringt hier also sein Werk zur Erfüllung. Er nimmt nun einen tiefen Zug von dem blutroten Wasser und pickt dann auf die Schlange, bis diese stark blutet. Die Gefährten müssen dieses Blut in einer Schale auffangen und dem widerstrebenden Vogel in die Kehle gießen. Dann tauchen sie den Kopf der verwundeten Schlange in den Brunnen, worauf diese wieder zum Leben kommt und in ihrem Totenschädel verschwindet. Während dessen hat sich der Globus immerfort weitergedreht, und das Uhrwerk schlägt dreimal. Beim dritten Schlag legt der blaue Vogel freiwillig und demütig seinen Hals auf das Buch und lässt sich durch einen der Gefährten den Kopf abschlagen.

Die magischen Geschehnisse im 6. Stockwerk enden schließlich mit der Veraschung der Vogelleiche. Dazu wird auf dem abgeräumten Altar mit dem Licht der Kerze und unter Beigabe einer Tafel, die dort gehangen hatte, ein Feuer entzündet. Die Asche wird mehrmals gereinigt und in einem Kästchen aus Zypressenholz geborgen.

Was geht hier vor? Was haben diese äußerst merkwürdigen und verschlüsselten Geschehnisse zu bedeuten?

Die sechs Aspekte der Verwirklichung

Die Bedeutung des Altars wird von Jan van Rijckenborgh im Kommentar zur Alchimischen Hochzeit erläutert. Der Altar ist eine Stätte des Opfers, die im Pinealis-Gehirnteil angesiedelt ist, während die Gegenstände darauf sechs Aspekte symbolisieren, die vorhanden sein müssen, damit das Opfer stattfinden kann. Es sind

  1. Aspekte des Schicksals:
    Das Buch mit den Namen all derer, die sich opfern wollen. Der Name jedes Kandidaten muss im Buch verzeichnet sein, der Kandidat muss vorbestimmt sein.
  2. Aspekte der Weisheit:
    Die weiße Schlange im Totenschädel symbolisiert die immer währende göttliche Weisheit, die unsterbliche Gnosis.
  3. Aspekte des rechten Zeitpunkts:
    Das Uhrwerk – und, damit zusammenhängend
  4. Aspekte der rechten kosmischen Einflüsse:
    Der Himmelsglobus.
  5. Aspekte des Blutszustandes (Seelenzustand):
    Der Brunnen.
  6. Aspekte des Schlangenfeuers (Bewusstseinszustand):
    Die brennende Kerze.

 

Knüpfen wir noch einmal bei der Gestalt des blauen Vogels an, dem Sinnbild für die neu-menschliche Seele. Diese Seele muss sich für die endgültige Vereinigung von Geist, Seele und Körper zur stofflichen Auferstehung des göttlichen Menschen noch einmal opfern. Dies ist ein Opfer, das wahrscheinlich für die meisten Leser unerwartet kommt. Mit dem weißgoldenen Ei, das im 4. Stockwerk des Turms von Olympus aus der goldenen Kugel hervorging, sollte doch eigentlich die Existenz des unsterblichen Menschen schon eine Tatsache geworden sein?

In diesem Ei war tatsächlich das gesamte neue Leben enthalten – aber vorerst nur potenziell, als keimhafter Plan, so wie im Ei eines Vogels der keimhafte Plan für das erwachsene Tier enthalten ist. Jetzt, in den oberen Stockwerken des Turms von Olympus, geht es darum, diesen Plan auszuführen und zu beweisen. Erst dadurch wird die Auferstehung zu einer lebendigen Realität. Es geht um den krönenden Abschluss des OPUS MAGNUM: das Weiterschreiten von der lebenden Seele zum lebendig machenden Geist.

Christian Rosenkreuz sieht der Szene, in welcher sich der Vogel freiwillig töten lässt, zunächst "mit Beklommenheit“ entgegen. Am Ende gibt er jedoch zu: "Sein Tod ging uns sehr zu Herzen, und doch konnten wir uns wohl denken, dass uns mit einem nackten Vogel nicht geholfen war, und mussten es also hinnehmen.“ Nackt ist dieser Vogel, weil er nur einen Aspekt, nämlich den der Seele darstellt, während der verkörperte Geist noch fehlt. Im geoffenbarten neuen Menschen sind aber alle drei Aspekte körperlich-stofflich EINS.

Und jetzt naht der Moment der Hochzeit, von der auch in der Abhandlung "Über die Seele“ in den Nag-Hammadi-Evangelien die Rede ist: "Denn diese Hochzeit ist nicht wie die fleischliche Hochzeit ... Sondern wenn sie die Vereinigung vollziehen, werden sie ein einziges Leben.“ Für den Seelenvogel ist das eine Krisenstunde.

Das Geheimnis des blauen Vogels

Im Text der Alchimischen Hochezit heißt es wörtlich: "Als wir dann endlich die dritte Konjunktion wahrnahmen und diese durch das Glöckchen angezeigt wurde, legte der arme Vogel von selbst demütig seinen Hals auf das Buch und ließ sich durch einen von uns, der hierzu durch das Los bestimmt worden war, willig den Kopf abschlagen. Doch floss kein Tropfen Blut, bis er an der Brust aufgeschnitten wurde. Da sprang das Blut so frisch und hell hervor, als ob es ein Bronn aus Rubin sei.“

Und das ist nun das Geheimnis des blauen Vogels: Dieses Opfer ist kein gewöhnlicher Tod, sondern ein Tod, der zu neuem Leben führt. Deshalb fließt auch im Augenblick des Hinscheidens kein Tropfen Blut. Aus der Brust quillt jedoch als Beweis für die vollzogene alchimische Umwandlung das vollkommen reine, rubinrote Seelenblut des Herzens, die "rote Rose“ der Rosenkreuzer. Dieser Tod ist das transfiguristische Opfer der Seele, die ihr eigenes Blut verströmt, um sich mit dem Geist vereinigen zu können.

Wasser und Feuer haben ihr Werk getan

Nachdem der Seelenvogel bisher durch Wasser (Seelenkraft) alchimisch behandelt wurde, wird er nun durch Feuer (Geistkraft) bearbeitet, um im Geist aufgehen zu können. Entzündet wird dieses magische Feuer mit Hilfe des Bewusstseins (die Kerze auf dem Altar), und zwar nach einem vorher bestimmten Plan ("die Tafel, die dabei gehangen hatte“). Die gereinigte Asche wird in einem Kistchen aus Zypressenholz geborgen. Ein Kistchen hat die Form eines Kubus (Würfel). Wenn man einen Würfel an den Kanten aufschneidet und auseinanderfaltet, dann wird er zum Kreuz. Der Kubus ist ein verschlüsseltes Symbol für das Kreuz, das mit dem Tod der sterblichen Natur zu tun hat.

Dieser Tod – durch das Wasser vorbereitet, im Feuer geläutert und am Ende im Kreuz stehend – ist, wie die Bibel es ausdrückt, "verschlungen in den Sieg“. Denn die gereinigte Asche des verbrannten Vogels wird zur Prima Materia, aus der im 8. Stockwerk das neue Königspaar – der Geistmensch – auferstehen wird.