Corpus Hermeticum I

Pymander 1-31, mit Kommentaren aus der Ägyptischen Ur-Gnosis

Das erste Buch des Corpus Hermeticum trägt den Namen Pymander. Es behandelt ein Zwiegespräch zwischen Hermes und einem geheimnisvollen Wesen, das sich Pymander nennt.

Erstes Buch: Pymander und Hermes

1. Einst, als ich die wesentlichen Dinge überdachte und mein Gemüt sich erhob, schlummerten meine körperlichen Sinne vollkommen ein, wie bei jemandem, der nach einer übermäßigen Mahlzeit oder infolge großer körperlicher Müdigkeit von einem tiefen Schlaf übermannt wird.

2. Es war mir, als sähe ich ein gewaltiges Wesen von unbestimmter Form, das mich beim Namen nannte und zu mir sagte:

3. »Was willst du hören und sehen, und was verlangst du, in deinem Gemüt zu lernen und zu erkennen?«

4. Ich sprach: »Wer bist du?«

5. Und erhielt zur Antwort: »Ich bin Pymander, das Gemüt, das aus sich selbst seiende Wesen. Ich weiß, was du begehrst, und ich bin überall mit dir.«

6. Ich sagte: »Ich begehre, unterrichtet zu werden über die wesentlichen Dinge, ihre Art zu verstehen und Gott zu erkennen. O, wie sehr verlange ich zu verstehen!«

7. Er antwortete: »Halte in deinem Bewusstsein gut fest, was du lernen willst, und ich werde dich unterrichten.«

Was ist das Wesentliche?

Am Anfang des Textes berührt uns, dass Hermes die wesentlichen Dinge überdachte und sein Gemüt sich erhob. (…) Er beweist das ideale Zusammenwirken zwischen Haupt und Herz, das so notwendig ist. Herz und Haupt bestimmen in ihrer Zusammenwirkung das Leben. (…) Was werden Sie anderes lernen, wissen und erkennen wollen als die wesentlichen Dinge? Und was wird am Anfang das Wesentlichste sein, das Sie absolut wissen müssen? Doch die Wahrheit, die Wirklichkeit, die Sie selbst betrifft. Denn wenn Sie sich selbst nicht kennen, wie wollen Sie dann das andere, den anderen ergründen? (…) Darum sieht der hermetische Mensch bei diesem ersten Erkenntnisversuch ein mächtiges Licht, seren und herzerfreuend, und in diesem Licht in einer spiralförmig abwärts gerichteten Bewegung einen Pfuhl der Finsternis, des Schreckens und des Elends, über die Maße traurig, stets in Bewegung und in einer unaussprechlichen Verwirrung.
Ägyptische Urgnosis Band 1, S. 48 und 53

 

8. Bei diesen Worten veränderte sich sein Aussehen, und sogleich öffnete sich in einem Augenblick alles für mich; ich sah eine ungeheure Vision; alles wurde zu einem serenen und herzerfreuenden Licht, und ich freute mich über die Maßen über seinen Anblick.

9. Kurz darauf entstand in einem Teil des Lichtes eine schreckliche und tiefe Finsternis, die sich abwärts bewegte und in gebogenen Spiralen drehte, wie eine Schlange, so kam es mir vor. Dann veränderte sich diese Finsternis in eine feuchte und unaussprechlich verworrene Natur, von welcher ein Rauch aufstieg wie von Feuer, während sie einen Laut hervorbrachte wie ein unbeschreibliches Wimmern.

10. Dann erhob sich aus der feuchten Natur ein Schrei, ein wortloser Ruf, den ich mit der Stimme des Feuers verglich, während sich aus dem Licht ein heiliges Wort über die Natur breitete und ein reines Feuer aus der feuchten Natur emporflammte, hell, blendend und mächtig.

11. Die Luft folgte durch ihre Leichtigkeit dem feurigen Atem: Aus der Erde und dem Wasser erhob sie sich zum Feuer, sodass sie am Feuer aufgehängt erschien.

12. Die Erde und das Wasser blieben, wo sie waren, sehr stark miteinander vermischt, sodass man Erde und Wasser nicht einzeln wahrnehmen konnte; und sie wurden unaufhörlich in Bewegung gebracht durch den Atem des Wortes, das über ihnen schwebte.

Das leuchtende Wort

13. Dann sprach Pymander: »Hast du verstanden, was diese Vision bedeutet?«

14. Ich antwortete: »Das werde ich nun erfahren.«

15. Dann sagte er: »Das Licht bin ich, das Gemüt, dein Gott, der war, ehe die feuchte Natur aus der Finsternis in Erscheinung trat. Das leuchtende Wort, das vom Gemüt ausgeht, ist Gottes Sohn.«

16. »Was bedeutet das?« fragte ich.

17. »Verstehe es so: Was in dir anschaut und hört, ist das Wort des Herrn, und dein Gemüt ist Gott, der Vater. Sie sind nicht voneinander getrennt, denn ihre Einheit ist das Leben.«

18. »Ich danke dir«, sagte ich.

19. »Richte nun dein Herz auf das Licht und erkenne es.«

Wo wohnt der Geist?

Das Herzheiligtum ist die große Basis für den Geist, im Herzheiligtum muss der Geist wohnen, und es muss also in all seinen Ansichten für diesen hohen Zustand zubereitet werden. Dort wo das Herz ist, sagt Pymander, da ist das Leben. Wenn das Herz nun für seinen Dienst bereit ist, erkennen Sie im Gemüt, im Herzen die reine, ursprüngliche menschliche Gestalt, den Urtyp Ihres Menschseins, das Urprinzip von vor dem Beginn ohne Ende. Ägyptische Urgnosis Band 1, S. 51

 

20. Bei diesen Worten sah er mir einige Zeit gerade ins Gesicht, so durchdringend, dass ich bei seinem Anblick erzitterte.

 

21. Als er danach sein Haupt wieder erhob, sah ich in meinem Gemüt, wie das Licht, das aus unzähligen Kräften bestand, zu einer wahrlich unbegrenzten Welt geworden war, während das Feuer von einer sehr mächtigen Kraft umschlossen, gebändigt und so ins Gleichgewicht gebracht worden war.

Wohin wendet sich das Licht

Der Sohn der Gottheit wird in Ihnen offenbar. (…) Richtet euer Herz auf das Licht und erkennt es. Wenn Sie es erkennen, sehen Sie die mächtigen und herrlichen Vermögen des lebenden Wortes in sich. Sie sehen und erfahren im Herzen ein Licht aus unzähligen Kräften.(…)
Ägyptische Urgnosis Band 1, S. 54

 

Die reine ursprüngliche Gestalt

22. Dieses alles unterschied ich in der Vision durch das Wort Pymanders. Als ich ganz außerhalb meiner selbst war, sprach er wieder zu mir:

23. »Du hast nun im Gemüt die reine, ursprüngliche menschliche Gestalt gesehen, den Urtyp, das Urprinzip des Beginns ohne Ende.« Also sprach Pymander zu mir.

24. »Woher sind denn die Elemente der Natur gekommen?« fragte ich.

25. Er antwortete: »Aus Gottes Willen, der, als er das Wort in sich aufgenommen hatte und den reinen Urtyp der Welt erblickte, sie nach diesem Modell als eine geordnete Welt erschuf aus den Elementen seines eigenen Wesens und den aus ihm selbst geborenen Seelen.

26. Gott, der Geist, der Mann und Weib in sich selbst ist und der Quell des Lebens und des Lichtes, brachte durch ein Wort ein zweites Geistwesen, den Demiurgen hervor, welcher als Gott des Feuers und des Atems sieben Rektoren erschaffen hat, welche die sinnliche Welt mit ihren Kreisen umgeben und sie durch das lenken, was Schicksal genannt wird.

27. Sofort entwich das Wort Gottes aus den Elementen, die unten wirksam sind, in das reine Gebiet der Natur, das gerade erst erschaffen war, und vereinigte sich mit dem Demiurgen, mit dem es wesenseins ist.

28. So wurden die niederen Elemente der Natur sich selbst überlassen, der Vernunft beraubt, wodurch sie nicht mehr waren als jegliche Materie.

29. Aber vereinigt mit dem Wort brachte der Demiurg, während er die Kreise umspannte und diese sich sehr schnell drehen ließ, den Kreislauf seiner Geschöpfe in Bewegung, vom unbestimmten Anfang bis zum endlosen Ende, weil das Ende mit dem Beginn zusammenfällt.

30. Diese Umdrehung der Kreise brachte nach dem Willen des Geistes aus den versunkenen Elementen vernunftlose Tiere hervor, da sie das Wort nicht mehr in ihrer Mitte hatten; die Luft brachte geflügelte Tiere hervor und das Wasser das schwimmende Getier.

31. Die Erde und das Wasser waren nach dem Willen des Geistes getrennt, und die Erde brachte aus ihrem Schoß die Tiere hervor, die sie in sich beschlossen hielt; vierfüßige Tiere, kriechendes Getier, wilde Tiere und Haustiere.

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