Literatur

Der sechste Tag

Geschrieben von Die Rosenkreuzer | May 15, 2021 12:17:13 PM

Die Alchimische Hochzeit des Christian Rosenkreuz

Esoterische Analyseder Chymischen HochzeitChristiani Rosencreutz anno 1459von Jan van Rijckenborgh

Der Tag der Alchimie – der sechste von sieben Tagen der Alchimischen Hochzeit des Christian Rosenkreuz – führt in die Laboratorien des Turms von Olympus. Hier lesen Sie den Urtext des sechsten Tages aus dem Einweihungsroman von Johann Valentin Andreae (1616). Innerhalb des Textes finden Sie ausgewählte Kommentare aus der esoterischen Analyse von Jan van Rijckenborgh sowie Links zu weiterführenden Artikeln, die von Schülern des Lectorium Rosicrucianum verfasst wurden.

Um dem Online-Leser die Orientierung zu erleichtern, wurden in den Urtext Zwischenüberschriften eingefügt.

Die Buchausgabe in zwei Bänden mit der vollständigen esoterischen Analyse ist erschienen bei:

Rozekruis Pers – Haarlem – Niederlande
Teil 1: Dritte, überarbeitete Ausgabe 1997
Teil 2: Zweite, überarbeitete Ausgabe 1991

Alle Rechte, insbesondere die der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil dieser Texte und Bilder darf in irgendeiner Form durch Druck, Photokopie, elektronische Medien oder irgendein anderes Verfahren ohne vorherige schriftliche Zustimmung des Verlages reproduziert werden.

 

Am Ende des fünften Tages hatte die alchimische Arbeit im Turm von Olympus für Christian Rosenkreuz und seine Gefährten mit der Herstellung von Essenzen aus Edelsteinen, Kräutern und anderen Stoffen an einem Brunnen begonnen. Das war die Arbeit in der grobstofflichen Sphäre. Nach einer denkwürdigen Nacht beginnt nun der sechste Tag.

SECHSTER TAG

Leitern, Seile und Flügel

Am nächsten Morgen, als einer den anderen geweckt hatte, saßen wir noch eine Weile zusammen, um zu besprechen, was wohl daraus werden würde. Einige meinten, die Enthaupteten würden alle wieder lebendig. Andere widersprachen. Denn es müsste der Untergang der Alten den Jungen nicht nur das Leben, sondern auch die Vermehrungskraft zurückgeben. Einige meinten, sie wären nicht getötet, sondern andere an ihrer Stelle enthauptet worden.

Als wir nun ziemlich lange so miteinander sprachen, kam der alte Mann herein, begrüßte uns und sah nach, ob alle Sachen fertig und die Prozesse genug vorangeschritten waren. Wir hatten uns aber so verhalten, dass er unseren Fleiß loben musste. Dann sammelte er alle Gläser ein und tat sie in einen Behälter.

Bald darauf kamen einige Knaben, die brachten eine Anzahl Leitern, Seile und große Flügel Sie legten alles vor uns hin und gingen davon. Der Alte begann: » Ihr lieben Söhne, von diesen drei Dingen muss jeder von euch an diesem Tag eines ständig bei sich haben. Es steht euch frei, eins davon zu wählen oder wollen wir darum losen?« Wir sagten, wir wollten wählen. » Nein« antwortete der Alte, » es muss durch das Los geschehen.« Daraufhin nahm er drei kleine Zettel. Auf einen schrieb er » Leiter«, auf einen anderen » Seil« und auf den dritten » Flügel«. Diese Zettel tat er in einen Hut, und jeder musste ziehen. Was er zog, das musste er nehmen.

Jene, welche die Seile bekamen, meinten, sie wären am besten dran. Ich aber bekam eine Leiter, was mich sehr betrübte, denn sie war zwölf Fuß lang und ziemlich schwer. Ich musste sie tragen, während die anderen ihr Seil einfach um sich wickeln konnten. An denen, die zur dritten Gruppe gehörten, befestigte der Alte die Flügel so kunstvoll, als wenn sie ihnen angewachsen wären.

Dann drehte er einen Hahn zu, so dass der Brunnen nicht mehr lief und wir mussten ihn aus der Mitte wegräumen. Nachdem alles hinausgetragen war, nahm der Alte das Kästchen mit den Gläsern und verabschiedete sich. Hinter ihm schlug die Tür so hart zu, dass wir meinten, wir wären in diesem Turm gefangen.

Kommentar 40: Die Bedeutung der Leitern, Seile und Flügel

Es ist die Absicht dieses Abschnittes, darzulegen, dass alle Kandidaten zwar völlig die Freiheit hatten, sich in den hinter ihnen liegenden fünf Tagen, fünf Perioden, auf eines der drei genannten Attribute vorzubereiten, dass es aber, sobald der Sechste Tag, der Tag der Verwirklichung, gekommen ist, keinen Zweck mehr hat zu wählen. Dann wird der innereigene Seinszustand entscheiden, wie man vom untersten Stockwerk direkt in das darüberliegende usw. aufsteigen kann, wie man also dem stofflichen Körper entsteigen und sein Bewusstsein in das ätherische Doppel, in die Äthergebiete verlagern und darin wirksam sein kann. Dazu gibt es also drei Möglichkeiten. Man verfügt über eine Leiter oder über ein Seil oder über Flügel. Wenn man Ihnen die Wahl frei stellte, würden Sie wahrscheinlich alle die Flügel wählen. Christian Rosenkreuz bekommt eine Leiter zugewiesen, mit der er zuerst nur wenig zufrieden ist; denn die Leiter ist lang und schwer. Aber er ändert seine Meinung völlig und seine Zufriedenheit wird vollkommen, als ihm die Bedeutung der Leiter, des Seils und der Flügel klar wird. Der Besitz einer Leiter deutet auf den Kandidaten hin, der in seinem ernsthaften Schülertum für sich selbst immer bewusst den Nachdruck auf die Tat gelegt hat, der bei seinen Vorbereitungen auf das befreiende Leben jeden neuen Schritt vollkommen zu erleben versuchte und das Resultat als eine Erfahrungsfülle in sein eigenes System einbaute. Ein solcher Schüler verursacht in erster Linie eine Veränderung in seinem Schlangenfeuersystem. Man kann das Schlangenfeuersystem in gewissem Sinn als einen Weg bezeichnen, der nach oben führt, vom Plexus sacralis bis zum Pinealisraum, als einen Weg, mit dem das Chakra-System vollkommen korrespondiert. Wer diesen Weg vorbereitet, öffnet und reinigt durch die befreiende Tat, durch die geschilderte neue Lebenshaltung, hat mit dem innereigenen Bewusstsein stets Zugang zu diesem aufsteigenden Schlangenfeuerpfad. (Jan van Rijckenborgh: Alchimische hochzeit des christian Rosenkreuz Band 2, S. 179-180)

Es dauerte jedoch keine Viertelstunde, da wurde oben über uns ein rundes Loch aufgetan, und wir erblickten unsere Jungfrau. Sie rief zu uns hinunter, wünschte uns einen guten Tag und bat uns, heraufzukommen. Die mit den Flügeln kamen ganz schnell durch das Loch hinauf und wir anderen sahen, wozu unsere Leitern gut waren. Nur die mit den Seilen waren übel dran. Denn sobald einer von uns oben war, wurde ihm befohlen, die Leiter hinaufzuziehen. Schließlich wurde das Seil eines jeden an einem eisernen Haken befestigt, und dann musste jeder selbst an seinem Seil hinaufklettern, so gut er konnte, was nicht ohne Blasen abging. Als wir nun alle oben waren, wurde das Loch wieder zugedeckt, und wir wurden von der Jungfrau freundlich empfangen.

Lesen Sie auf der nächsten Seite:
Im zweiten Stockwerk des Turms von Olympus –
die alchimische Arbeit in der Äthersphäre

Im zweiten Stockwerk
des Turms von Olympus –

die Verflüssigung der Körper

Dieser Saal war so groß wie der Turm und hatte sechs schöne Nischen, die ein wenig höher lagen als der Saal. Drei Stufen führten hinauf Auf diese Nischen wurden wir verteilt, um dort für das Leben des Königs und der Königin zu beten.

Inzwischen ging die Jungfrau durch die Tür (a) aus und ein, bis wir fertig waren. Denn sobald wir mit unserer Aufgabe fertig waren, wurde durch die kleine Tür von zwölf Personen – die unsere Musikanten waren – ein seltsames, längliches Ding hineingetragen und in die Mitte gestellt, das meine Gefährten für einen Brunnen hielten. Ich aber merkte, dass die Leichname darin lagen. Denn der untere Kasten hatte eine ovale Form und war so groß dass sechs Personen wohl aufeinander liegen konnten.

Darauf gingen sie wieder hinaus, holten ihre Instrumente und begleiteten unsere Jungfrau samt ihren Dienern mit lieblicher Musik hinein.

Die Jungfrau trug ein kleines Kästchen, die anderen aber hatten lauter Zweige und kleine Ampeln, manche auch brennende Fackeln. Die Fackeln wurden uns in die Hand gegeben, und wir mussten uns damit um den Brunnen herumstellen. Zuerst stand die Jungfrau (A) mit ihren Mädchen ringsherum mit den Ampeln und Zweigen (c). Dahinter standen wir mit den Fackeln (b). Und dahinter kamen die Musikanten (a) an der Längsseite und die anderen Jungfrauen (d) schließlich auch an der Längsseite.
Woher diese Jungfrauen nun kamen, ob sie im Turm wohnten oder in der Nacht dahingeführt worden waren, weiß ich nicht, denn ihre Gesichter waren alle mit einem feinen weißen Tuch bedeckt, so dass ich keine erkannte.

Dann öffnete die Jungfrau das kleine Kästchen, darin war ein rundes Ding, das doppelt in grünen Taft eingewickelt war. Das legte sie in das oberste Becken und tat den Deckel wieder darauf der viele Löcher und einen Rand hatte. Darauf goss sie etwas von dem Wasser, das wir am Tag zuvor präpariert hatten. Sofort begann der Brunnen wieder zu fließen, das Wasser wurde jedoch durch vier kleine Röhrchen wieder in das Becken geleitet. Unten am untersten Becken aber waren viele Spitzen, an welche die Jungfrauen ihre Ampeln hängten, damit sie den Kessel erhitzten und das Wasser zum Sieden brächten. Als das Wasser zu sprudeln begann, tropfte es durch die vielen kleinen Löcher bei (a) auf die Leichname. Es war so heiß, dass es alle Leichname verflüssigte und auflöste.

Kommentar 41: Die Bedeutung der Brunnen

Die Aufmerksamkeit des Kandidaten wird also in einem gegebenen Augenblick vom grobstofflichen ins ätherische Gebiet verlagert, vom untersten Raum des Turms in den darüber liegenden. In dem Maß, wie der Kandidat das Endura zu vollziehen weiß, wird seine Aufmerksamkeit immer mehr auf das ätherische Leben gelenkt, das von so großer Bedeutung ist. Denn es ist ein Leben, in dem der Mensch auch körperlich vertreten ist, nämlich durch den Lebenskörper. Wir lenken Ihre Aufmerksamkeit darauf, dass in dem siebenfachen Prozess des Entsteigens oder Lebendig-Sterbens auch fortwährend von einem Lebensquell oder Brunnen gesprochen wird. Wenn das Bewusstsein hinaufgezogen werden muss, zum Beispiel aus dem stofflichen in das folgende Gebiet, hört der Brunnen des Gebietes, das verlassen wird, zu fließen auf, und der folgende Brunnen wird geöffnet. Der erste Brunnen im untersten Stockwerk des 'Turms hat die Aufgabe, im Laboratorium allerlei Präparate zu waschen, zu reinigen und zu läutern, damit das stoffliche Selbst für den nächsten Schritt geheiligt wird .... Der gut ausgerichtete, ausharrende Kandidat sieht in einem gegebenen Augenblick einen zweiten Daseinsraum vor sich geöffnet. Er tritt dort ein entweder mit Hilfe eines Seiles, einer Leiter oder mit Flügeln: in die Ätherwelt. Für viele ist sie nur ein Klang, von anderen wird sie positiv geleugnet, von wieder anderen positiv erfahren. Es ist, so sagten wir, ein Feld, ein Lebensfeld um uns herum und gleichzeitig ein persönlicher Zustand. Wir besitzen alle einen Ätherkörper, vollkommen organisiert und ausgestattet. Es ist also logisch, dass der Kandidat durch Verlagerung seines Bewusstseins vom Stofflichen in das Äthergebiet auf die unmittelbarste und vollkommenste Weise in dieser Welt lebt. Und es ist eine Ungeheuerlichkeit, ja eine riesige Torheit zu versuchen, durch Training des stofflichen Körpers, mit dem stofflichen Körperorgan etwas von der Ätherwelt wahrzunehmen. Alle bekannten Formen des Hellsehens und des negativen Okkultismus beruhen auf dieser Torheit und ausnahmslos mit beklagenswerten Folgen ... (Jan van Rijckenborgh: Alchimische Hochzeit Band 2, S. 189-190)

Was aber das runde eingewickelte Ding war, wussten meine Gefährten noch nicht. Ich aber begriff dass es das Haupt des Mohren war, von dem das Wasser eine so große Hitze empfing.

Bei (b) hatte das Becken ebenfalls rundherum viele Löcher, dort steckten die Jungfrauen ihre Zweige hinein. Ob das nötig war oder zur Zeremonie gehörte, weiß ich nicht. Diese Zweige wurden aber immer mit dem Wasser des Brunnens besprüht, von wo es dann etwas gelblich in den Kessel tropfte. Es dauerte fast zwei Stunden, dass der Brunnen so aus sich selbst lief. Je länger es dauerte, umso schwächer wurde er jedoch.

Inzwischen traten die Musikanten ab, und wir gingen im Saal auf und ab. Der Saal war so beschaffen, dass wir Gelegenheit genug hatten, uns die Zeit zu vertreiben. Es gab dort Bildnisse, Gemälde, Uhrwerke, Orgeln, Springbrunnen und ähnliches. Nichts war vergessen.

Nun war es soweit, dass der Brunnen am Ende war und nicht mehr laufen wollte. Daher ließ die Jungfrau eine goldene Kugel bringen. Unten am Brunnen aber war ein Zapfhahn. Durch den ließ sie alle Materie, die sich durch die heißen Tropfen aufgelöst hatte, in die Kugel fließen. Es waren einige Maß von sehr roter Farbe. Das andere Wasser, das oben im Kessel zurückgeblieben war, schüttete man hinaus. Dann wurde der Brunnen, der nun viel leichter geworden war, wieder hinaus-, getragen. Ob er draußen geöffnet wurde oder ob etwas Brauchbares von den Leichnamen zurückgeblieben war, darf ich eigentlich nicht sagen. Eines aber weiß ich, dass das Wasser, das in die Kugel gegeben worden war, viel zu schwer war, als dass sechs von uns oder mehr es hätten tragen können, obwohl sie, der Größe nach zu urteilen, für einen Mann nicht zu schwer sein sollte. Als nun auch diese Kugel mit Mühe durch die Tür hinausgebracht worden war, saßen wir abermals allein da.

Als ich hörte, dass man über uns umherging, sah ich mich nach meiner Leiter um. Nun konnte man die seltsamsten Vermutungen meiner Gefährten über diesen Brunnen hören.

Denn da sie meinten, die Leichname lägen im Schlossgarten, wussten sie nicht, was diese Verrichtungen zu bedeuten hatten. Ich aber dankte Gott, dass ich zu so gelegener Zeit wach war und beobachten konnte, was mir alles Tun der Jungfrau besser erklärte.

Lesen Sie auf der nächsten Seite:
Im dritten Stockwerk des Turms von Olympus –
die alchimische Arbeit in der astralen Sphäre

Im dritten Stockwerk
des Turms von Olympus –
die goldene Kugel im Spiegelsaal

Nach einer Viertelstunde wurde der Deckel über uns abgehoben und uns befohlen, hinaufzukommen. Das geschah wie zuvor mit Flügeln, Leitern und Seilen. Es verdross mich nicht wenig, dass die Jungfrauen auf einem anderen Weg nach oben kommen konnten, während wir uns so abmühen mussten. Ich konnte aber doch einsehen, dass es etwas Besonderes zu bedeuten habe; wir mussten dem alten Mann auch etwas zu tun geben. Es würden auch jenen ihre Flügel nichts nützen, wenn sie nicht durch das Loch hinaufkommen müssten.

Als wir nun auch das überstanden hatten, sah ich die Kugel mitten im Saal an einer starken Kette hängen. In diesem Saal war nichts als lauter Fenster -und immer zwischen zwei Fenstern eine Tür. Diese Türen bedeckten große polierte Spiegel. Die Fenster und Türen waren optisch so aufeinander eingestellt, dass die Sonne, obwohl sie damals über die Maßen hell schien, nur eine Tür traf. Als die Fenster für die Sonne geöffnet und die Türen vor den Spiegeln aufgezogen worden waren, sah man im ganzen Saal an allen Orten nichts als Sonnen, die durch künstliche Strahlenbrechung alle die goldene Kugel trafen, die in der Mitte hing. Und da diese blank poliert war, verbreitete sie einen solchen Glanz, dass keiner von uns die Augen öffnen konnte. Darum mussten wir aus dem Fenster schauen, bis die Kugel gut erhitzt und der erwünschte Effekt erreicht war.

Ich darf wohl sagen, dass ich in diesen Spiegeln das Wunderbarste gesehen habe, was die Natur jemals ans Licht gebracht hat Es waren an allen Orten Sonnen, und doch schien die Kugel in der Mitte noch heller, so dass wir sie, wie auch die Sonne selbst, keinen Augenblick ertragen konnten.

Kommentar 42: Die Bedeutung der goldenen Kugel

Das Auferstehungsfest kann nun in seine nächste Phase eintreten, in eine Phase, die sich im Astralkörper vollziehen muss ... Das Resultat dessen, was in der stofflichen Ansicht des Kandidaten geschehen ist, beweist sich im Ätherkörper. Daher muss der Astralkörper, der seinerseits sowohl den Ätherkörper als auch den Stoffkörper umfasst, nun die folgende Phase des Prozesses zeigen. Dazu wird nun eine große, goldene Kugel hereingebracht. Sie stellt einerseits den Astralkörper in der Mitte des Mikrokosmos dar und andererseits auch das Hauptheiligtum des transfigurierenden Kandidaten und darin speziell den Pinealisraum, der jetzt zu großer erneuernder Aktivität gerufen wird. Es ist die Schädelstätte, Golgatha, die Basis für jede Auferstehung. Sie haben vielleicht schon einmal von der Strahlungskraft des Pinealisraumes gehört oder gelesen. Das ist die goldene Kugel, und mit Recht wird eine Kugel, eine Weltkugel, als Symbol gebraucht, weil durch die Belebung der Pinealis in der gnostischen Bewusstwerdung das Allgegenwärtigkeitsbewusstsein, das ist das absolute Bewusstsein, zu einer Tatsache wird. In diese Kugel wird jetzt das zusammengesetzte Elixier gefüllt, das durch das ätherische Feuer entstanden war. Und als dann die Kugel aus dem zweiten Raum des Turms hinausgebracht wird, wird der dritte Raum für die Kandidaten erschlossen, in den die Gesellschaft wieder mit Hilfe der Flügel, der Leitern oder der Seile aufgenommen wird. Die Kandidaten verlagern also nach dem erhaltenen Resultat ihre Aktivität vom ätherischen Feld ins astrale Feld. (Jan van Rijckenborgh: Alchimische Hochzeit Band 2, S. 205-206)

Das alchimische Ei

Endlich befahl die Jungfrau, die Spiegel zu bedecken und die Fenster zu schließen, um die Kugel so ein wenig abkühlen zu lassen. Das geschah um sieben Uhr. Das dünkte uns deshalb gut, weil wir jetzt eine kleine Pause und ein Frühstück haben konnten. Diese Bewirtung war aber ebenfalls recht philosophisch, und wir liefen nicht Gefahr, der Unmäßigkeit zu verfallen. Wir litten aber keinen Mangel. Jedoch die Hoffnung auf künftige Freude – mit der uns die Jungfrau stets tröstete – ließ uns so lustig werden, dass wir keine Arbeit oder Ungelegenheit scheuten. So kann ich auch meinen Gefährten, die von hohem Stand waren, nachsagen, dass sie sich niemals nach ihrer Küche oder Tafel zurücksehnten, sondern ihr Begehren war allein, einer solchen abenteuerlichen Physik beizuwohnen und dabei des Schöpfers Weisheit und Allmacht zu erkennen.

Nach dem Imbiss gingen wir wieder an die Arbeit, denn die Kugel war genug abgekühlt. Wir mussten sie mit Mühe und Arbeit von der Kette auf den Boden bringen. Dann gab es eine Diskussion, wie wir die Kugel auseinanderbrächten, denn es war uns befohlen, sie in der Mitte zu teilen. Schließlich musste ein spitzer Diamant sein Bestes tun. Als wir die Kugel damit geöffnet hatten, war nichts Rotes mehr darin vorhanden, sondern ein schönes, großes, schneeweißes Ei. Es freute uns sehr, dass es so wohl geraten war; denn die Jungfrau hatte immer befürchtet, dass die Schale noch zu dünn sei.
 

Kommentar 43: Die Bedeutung des Diamanten und des Eis

Sie wissen vielleicht, dass der Diamant mineralogisch das Resultat des kosmischen Sonnenfeuers und, jedenfalls in reinem Zustand, die härteste Substanz ist, die es gibt. Wenn es in der gnostischen Symbolik heißt, dass ein Gegenstand mit einem Diamanten gespalten wird, so bedeutet es, dass der Geist selbst eingreift. Zum Vorschein kommt das prächtige, strahlend weiße Ei. Wenn Sie einige Kenntnisse der universellen Symbolik haben, werden Sie wissen, dass Wiedergeburt aus dem Siebengeist, aus dem Heiligen Geist, oft mit einem Ei verglichen oder als Ei bezeichnet wird. Denn im Ei ist ein völlig neues Leben verborgen. Das Leben ist. Es muss sich und wird sich offenbaren. Die symbolische Farbbezeichnung für den Geist ist Gold; denn die aurische Farbe des Geistes, der in den astralen Körper eintritt, ist wie Gold. Und der Pinealisraum, der die neuen Kräfte und Möglichkeiten enthält, kann nur goldfarben sein und eine goldene Kugel bilden ... Aus der goldenen Kugel kommt das Ei hervor, welches das ganze neue Leben enthält, aus dem Kreis entsteht also das Eine. Aus dem Kreis tritt der wahre, vollkommene, göttliche Mensch in Erscheinung. (Jan van Rijckenborgh: Alchimische Hochzeit Band 2, S. 214-215)

Wir standen um das Ei herum und freuten uns, als ob wir es selbst gelegt hätten. Aber die Jungfrau ließ es bald heraustragen, verließ uns selbst auch wieder und schloss die Tür wie bisher. Was sie aber draußen mit dem Ei tat oder ob etwas heimlich mit ihm geschah, weiß ich nicht, glaube es aber nicht.

Lesen Sie auf der nächsten Seite:
Im vierten Stockwerk des Turms von Olympus –
der alchimische Vogel

Im vierten Stockwerk
des Turms von Olympus –
der alchimische Vogel

Wir mussten jedoch wieder eine Viertelstunde gemeinsam pausieren, bis das dritte Loch über uns geöffnet wurde und wir mit Hilfe unserer Geräte in das vierte Stockwerk gelangten. In diesem Saal fanden wir ein großes kupfernes Becken mit gelbem Sand gefüllt, das von einem kleinen Feuer erwärmt wurde. Dort wurde das Ei hineingelegt, damit es sich völlig entwickle. Dieses Becken war viereckig. Auf der einen Seite standen mit großen Buchstaben diese beiden Verse.

O, BITTET DOCH WEITER, MEINE GELIEBTEN.
WENN IHR WOLLT BITTET DANN UM GOLD.

Auf der anderen Seite standen die Wörter

HEILUNG BERUHT AUF DER LANZE

Die dritte Seite zeigte nichts als nur dieses einzige Wort:
FIAT -- [SO SEI ES]

Aber hinten stand eine ganze Inschrift, die lautete:

WAS FEUER, LUFT, WASSER UND ERDE
DER ASCHE UNSERER ERHABENEN KÖNIGE UND KÖNIGINNEN
NICHT ZU ENTZIEHEN VERMOCHTEN,
HAT DIE SCHAR DER GETREUEN ALCHIMISTEN
IN DIESER URNE GESAMMELT
ANNO 1459 -- GEIST SEELE, KÖRPER -- PH.M.D. (= PARACELSUS
HOHENHEIMENSIS, MEDICINAE DOCTOR) -- ALPHA, OMEGA.

Ob nun hiermit der Sand oder das Ei gemeint war, mögen gelehrte Leute klären. Ich tue jedoch das Meine und lasse nichts unerwähnt.

Die Wandlungen des alchimischen Vogels

Als unser Ei fertig war, wurde es herausgenommen. Es brauchte aber nicht aufgepickt zu werden, denn der Vogel, der darin war, befreite sich bald selbst und zeigte sich sehr fröhlich, war jedoch sehr blutig und ungestalt. Wir setzten ihn zuerst auf den warmen Sand. Dann befahl die Jungfrau, ihn an die Kette zu legen, bevor er etwas zu essen bekäme, sonst würde er uns allen sehr zu schaffen machen.

Drei verschiedene Speisen

Dann brachte man ihm etwas zu essen. Das war gewiss nichts anderes als das Blut der Enthaupteten, mit präpariertem Wasser verdünnt. Dadurch wuchs der Vogel vor unseren Augen so sehr, dass wir wohl erkannten, warum die Jungfrau uns vor ihm gewarnt hatte. Er biss und kratzte so feindselig um sich, dass er, wenn er nach seinem Willen einen hätte haben können, bald mit ihm fertig gewesen wäre. Er war jetzt ganz schwarz und wild. Darum wurde ihm eine andere Speise gebracht; vielleicht das Blut einer der anderen königlichen Personen. Dadurch fielen alle seine schwarzen Federn wieder aus, und ihm wuchsen statt dessen andere schneeweiße Federn. Er war auch etwas zahmer, und es ließ sich besser mit ihm umgehen. Wir trauten ihm aber noch nicht.

Nach der dritten Speise begannen seine Federn bunt zu werden und so schön, dass ich mein Lebtag nicht so schöne Farben gesehen habe. Auch war er außerordentlich zahm und so freundlich zu uns, dass wir ihn mit Zustimmung der Jungfrau aus der Gefangenschaft entließen.

Nun sprach die Jungfrau: »Weil durch euren Fleiß und mit Zustimmung des Alten dem Vogel das Leben und höchste Vollkommenheit gegeben wurde, ist es angemessen, dass er von uns auch mit Freuden eingeweiht werde.« Hierauf befahl sie, das Mittagsmahl aufzutragen und uns wieder zu erholen, weil nun das schwierigste Werk vollbracht sei und es uns auch gebühre, dass wir die gehabte Arbeit zu genießen begännen.

Wir fingen an, uns über uns selbst lustig zu machen; denn wir hatten alle noch unsere Trauerkleider an, was uns in unserer Freude etwas komisch vorkam. Die Jungfrau stellte uns immer Fragen, vielleicht um festzustellen, wer von uns ihr bei ihrem künftigen Vorhaben helfen könne. Am meisten aber ging es ihr um das Schmelzen, und es gefiel ihr, wenn einer mit feinen Handgriffen vertraut war, wie sie einem Künstler wohl anstehen.

Dieses Mittagessen dauerte nicht länger als eine Dreiviertelstunde, die wir jedoch zum größten Teil mit unserem Vogel verbrachten, denn wir mussten ihn ständig mit seiner Speise füttern. Er blieb aber jetzt bei seiner Größe.

Nach dem Essen ließ man uns die Speise nicht lange verdauen, sondern nachdem die Jungfrau samt dem Vogel von uns gegangen war, wurde uns der fünfte Saal geöffnet, den wir auf die bereits öfter beschriebene Weise erreichten und unsere Dienste anboten.

Lesen Sie auf der nächsten Seite:
Im fünften und sechsten Sockwerk des Turms von Olympus –
das Geheimnis des blauen Vogels und die verborgene Wendeltreppe

Im fünften Stockwerk
des Turms von Olympus –
der blaue Vogel

In diesem Saal war für unseren Vogel ein Bad vorbereitet. Es wurde mit einem weißen Pulver so gefärbt, dass es aussah, als wäre es reine Milch. Als man den Vogel hineinsetzte, war es zuerst kühl, worüber er zufrieden war. Er trank auch daraus und spielte darin. Nachdem es aber durch die Ampeln, die darunter gestellt waren, warm wurde, hatten wir zu tun, ihn im Bad zu halten. Daher legten wir einen Deckel auf das Becken und ließen durch ein Loch den Kopf des Vogels hinausragen. In diesem Bad verlor er alle Federn und wurde so glatt wie ein Mensch. Aber die Hitze schadete ihm nicht, worüber ich mich wunderte, denn die Federn wurden in diesem Bad ganz aufgelöst, so dass das Wasser davon blau wurde.

Endlich ließen wir den Vogel frei, er sprang selbst aus dem Becken und war so glänzend glatt, dass es eine Freude war, ihn anzusehen. Weil er aber etwas wild war, mussten wir ihm ein Halsband mit einer Kette umlegen und so im Saal auf und ab führen.

Inzwischen wurde unter dem Becken ein starkes Feuer angefacht und das Bad eingesotten, bis es zu einem blauen Stein wurden. Wir nahmen ihn her aus, zerstießen ihn zuerst, mussten ihn danach auf einem Stein zerreiben und schließlich mit dieser Farbe die ganze Haut des Vogels blau anmalen. Danach war er noch wunderbarer anzusehen, denn er war ganz blau, bis auf den Kopf, der blieb weiß.

Damit war auch in diesem Stockwerk unsere Arbeit getan, und wir wurden – nachdem die Jungfrau mit ihrem blauen Vogel von uns gegangen war – durch das Loch in das sechste Stockwerk gerufen. Was auch geschah.

Lesen Sie hierzu den Artikel:
Christian Rosenkreuz im Turm von Olmypus:
Das Geheimnis des blauen Vogels (1)

Im sechsten Stockwerk des Turms von Olympus –
Das Opfer des blauen Vogels

Dort wurden wir sehr bekümmert, denn in der Mitte war ein kleiner Altar aufgestellt, der dem glich, der im Saal des Königs beschrieben wurde. Darauf standen die sechs genannten Dinge, und er selbst, der Vogel, war das siebte. Zuerst wurde der kleine Brunnen vor ihn gestellt, und er trank daraus einen tiefen Zug. Darauf pickte er in die weiße Schlange, bis sie stark blutete. Dieses Blut mussten wir in einer goldenen Schale auffangen und dem Vogel, der sich heftig wehrte, in den Hals schütten.

Dann tauchten wir den Kopf der Schlange in den Brunnen, dadurch wurde sie wieder lebendig und kroch in ihren Totenschädel hinein, so dass ich sie lange nicht mehr sah.

Inzwischen drehte sich der Globus weiter, bis die erwartete Konjunktion eintrat. Bald schlug die Uhr eins. Hierauf fand eine Konjunktion statt, da schlug das Glöckchen zwei. Als schließlich die dritte Konjunktion von uns beobachtet und von der Glocke gemeldet wurde, legte der arme Vogel seinen Hals selbst demütig auf das Buch und ließ sich von einem von uns, der vorher durch das Los erwählt worden war, willig den Kopf abschlagen. Aber es kam kein Tropfen Blut, bis er an der Brust geöffnet wurde, da sprang das Blut so hell und frisch hervor, als ob es ein rubinrotes Brünnlein wäre. Sein Tod ging uns zu Herzen, wir konnten uns jedoch denken, dass uns mit einem nackten Vogel nicht geholfen wäre. Daher ließen wir es geschehen, räumten den Altar ab und halfen der Jungfrau, den Vogelleib auf dem Altar mit Feuer -- das von dem kleinen Licht genommen wurde -- samt dem beigefügten Täfelchen zu Asche zu verbrennen. Diese wurde nachher noch einige Male gereinigt und in einem Kästchen aus Zypressenholz aufbewahrt.

Lesen Sie hierzu den Artikel:
Christian Rosenkreuz im Turm von Olympus –
Das Geheimnis des blauen Vogels (2)

Die geheimnisvolle Wendeltreppe

Ich kann nicht verschweigen, welch eine Posse mir zusammen mit drei anderen widerfuhr. Nachdem wir also fleißig die Asche gesammelt hatten, begann die Jungfrau zu sprechen: »Liebe Herren, wir sind hier im sechsten Saal und haben nur noch einen vor uns, wo unsere Mühe endet. Danach werden wir wieder in unser Schloss heimfahren, um unsere allergnädigsten Herren und Frauen zu erwecken. Nun hätte ich aber gewünscht, dass ihr alle, so wie ihr hier beieinander seid, euch so verhalten hättet, dass ich euch vor unserem hoch geschätzten König und der Königin rühmen und gebührende Anerkennung erhalten könnte. Da ich aber nun unter euch diese vier« – damit deutete sie auf mich und noch drei andere – »gegen meinen Willen als faule und träge Laboranten erfunden habe und ich sie wegen meiner Liebe für alle und jeden nicht der verdienten Strafe übergeben möchte, will ich, damit dieser mangelnde Fleiss nicht völlig ungestraft bleibt, dieses gegen sie unternehmen: Sie sollen allein von der künftigen siebten und allerherrlichsten Aktion ausgeschlossen werden, aber es später bei der Königlichen Majestät weiter nicht zu entgelten haben.«

Wie mir nach dieser Rede zumute war, gebe ich anderen zu bedenken, denn die Jungfrau verstellte sich so gut, dass uns bald die Augen überliefen und wir uns für die unseligsten unter den Menschen hielten.

Hierauf ließ die Jungfrau von einer der Mägde -- von denen immer viele anwesend waren – die Musikanten holen. Die mussten uns mit solchem Hohn und Spott durch die Tür mit ihren Hörnern hinausbegleiten, dass sie selbst vor Lachen kaum blasen konnten. Besonders aber verdross es uns, dass die Jungfrau so sehr über unser Weinen, unseren Zorn und unsere Ungeduld lachte. Es mögen wohl auch unter unseren Gefährten einige gewesen sein, die uns unser Unglück gönnten.

Lesen Sie hierzu den Artikel:
Christian Rosenkreuz im Turm von Olympus:
Die verborgene Wendeltreppe

Lesen Sie auf der nächsten Seite:
Wie Christian Rosenkreuz in das achte Stockwerk des Turms von Olympus gelangt
und dort dem uralten Mann begegnet

Im achten Stockwerk

des Turms von Olympus -

die Begegnung mit dem Uralten

Aber es ging anders aus. Denn sobald wir vor die Tür kamen, hießen uns die Musikanten fröhlich sein und ihnen über die Wendeltreppe hinauf folgen. Sie führten uns über das siebte Stockwerk hinaus unter das Dach. Dort fanden wir den alten Mann, den wir bisher nicht mehr gesehen hatten, bei einem kleinen, runden Ofen stehen. Dieser empfing uns freundlich und gratulierte uns von Herzen, dass wir hierzu von der Jungfrau erwählt worden seien.

Nachdem er aber von unserem Schrecken vernommen hatte, wollte ihm vor Lachen fast der Bauch platzen, weil wir uns bei solchem Glück so traurig verhielten. » Dann lernt hieraus, liebe Söhne,« sprach er, » dass der Mensch nie weiß, wie gut Gott es mit ihm meint.«

Während dieses Gesprächs kam auch die Jungfrau mit ihrem Kästchen herein. Nachdem sie genug über uns gelacht hatte, leerte sie die Asche in ein anderes Gefäß aus und füllte die Schachtel wieder mit einem anderen Material, mit der Mitteilung, sie müsse nun die anderen Künstler etwas nasführen. Wir sollten inzwischen dem Alten folgen. Was er uns befehlen würde, das sollten wir tun und es nicht an dem bisherigen Fleiss mangeln lassen. Hiermit schied sie von uns und ging in den siebten Saal, wohin sie unsere Gefährten beorderte.

Das Befüllen der Gussformen mit alchimischer Materie

Was sie nun zuerst mit ihnen gemacht hat, kann ich nicht wissen; denn es war ihnen nicht nur ausdrücklich verboten, es mitzuteilen, sondern wir konnten ihnen unserer Beschäftigung wegen nicht durch die Ritzen zusehen. Unsere Arbeit war, die Asche mit unserem vorher präparierten Wasser anzufeuchten, so dass sie wie ein dünner Brei wurde. Danach setzten wir diese Materie aufs Feuer, bis sie gut heiß war. Dann gossen wir sie heiß in zwei kleine Formen oder Modeln und ließen sie ein wenig abkühlen.

Lesen Sie hierzu den Artikel:
Christian Rosenkreuz im Turm von Olympus –
Die Begegnung mit dem uralten Mann

Ein Blick hinunter ins siebte Stockwerk

Nun hatten wir Zeit, unseren Gefährten eine Weile durch einige Spalten zuzusehen. Sie waren auch bei einem Ofen beschäftigt und mussten jeder mit einem Rohr das Feuer selbst anblasen. Sie standen also um den Ofen herum und bliesen, dass ihnen fast der Atem ausging. Sie meinten jedoch, wie gut sie dran wären im Vergleich zu uns. Und das Blasen dauerte noch an, als der Alte uns wieder zur Arbeit ermahnte, so dass ich nicht sagen kann, was weiter geschah.

Das Öffnen der Gussformen

Wir öffneten die Formen und sahen zwei schöne, helle, fast durchscheinende Figuren, wie Menschenaugen sie noch nie gesehen haben, ein Knabe und ein Mädchen, beide nur vier Zoll lang. Mich wunderte am meisten, dass sie nicht hart waren, sondern weich und fleischig wie Menschen. Aber sie hatten kein Leben, so dass ich schließlich glaubte, dass auch das Bild der Frau Venus auf solche Weise entstanden sei. Diese engelgleichen Kinder legten wir zuerst auf zwei kleine Kissen aus Atlas und besahen sie eine gute Weile, so dass wir bei diesem zierlichen Anblick ganz still wurden.

Die Pflege der neuen Körper

Der Alte aber wehrte uns ab und befahl, immer ein Tröpfchen nach dem anderen von dem Blut des Vogels, das in der goldenen Schale aufgefangen worden war, in den Mund der kleinen Figuren fallen zu lassen. Davon nahmen sie zusehends zu, und da sie vorher sehr klein gewesen waren, wurden sie jetzt in ihren Proportionen immer schöner. Wären alle Maler der Welt dabei gewesen, sie hätten sich ihrer Kunst im Vergleich zu diesen Geschöpfen schämen müssen. Nun begannen sie, so groß zu werden, dass wir sie von ihren Kissen heben und auf einen langen Tisch legen mussten, der mit weissem Samt bedeckt war. Dann befahl uns der Alte, sie bis zur Brust mit einer weissen, zarten, doppelten Atlasseide zu bedecken, was uns wegen ihrer unaussprechlichen Schönheit fast zuwider war.

Ich will mich aber kurz fassen. Ehe wir das Blut ganz verbraucht hatten, besassen sie schon normale Erwachsenengröße und goldgelbe lockige Haare. Das oben erwähnte Bild der Venus war nichts im Vergleich zu diesen. Aber es war noch keine natürliche Wärme und Empfindung in ihnen, sie waren noch tote Bilder, jedoch von lebendiger und natürlicher Farbe.

Weil der Alte fürchtete, sie würden zu groß, wollte er ihnen nichts mehr geben lassen, sondern deckte ihnen das Tuch über das Gesicht und ließ den Tisch ringsum mit Fackeln bestecken. (Hier muss ich den Leser warnen, dass er diese Lichter nicht für notwendig hält, denn es war die Absicht des Alten, dass wir nicht merken sollten, wenn die Seele in sie fuhr. Wir hätten es auch nicht gemerkt, wenn ich nicht vorher die Flammen zweimal gesehen hätte. Aber ich ließ die anderen Drei in dem Glauben, und auch der Alte wusste nicht, dass ich etwas mehr gesehen hatte.) Damit befahl er uns, uns auf eine Bank am Tisch zu setzen.

Die transparenten Kleider

Bald kam auch die Jungfrau mit der Musik und allen Geräten. Sie trug zwei schöne, weiße Kleider, wie ich -sie im Schloss niemals gesehen hatte und auch nicht beschreiben kann. Ich glaubte, sie wären aus reinem Kristall, aber weich und nicht durchscheinend. Ich kann also nichts darüber sagen. Diese Kleider legte sie auf den Tisch, und nachdem sie ihre Jungfrauen um ihn herum aufgestellt hatte, vollbrachten sie und der Alte um den Tisch herum viel Gaukeleien, was jedoch nur geschah, um uns zu blenden.

Dieses alles geschah, wie gesagt, unter dem Dach, das sehr seltsam geformt war. Denn es bestand innen aus sieben Halbkugeln, deren mittlere etwas höher war. Diese hatte oben ein kleines Loch, welches jedoch geschlossen war und von keinem wahrgenommen wurde.

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Wie das neue Königspaar zum Leben erweckt wird

Die Posaune

Nach vielen Zeremonien traten sechs Jungfrauen herein, und jede trug eine große Posaune, die mit einem grünen, leicht brennenden Material wie ein Kranz umwickelt waren. Eine davon empfing der Alte. Nachdem er am Kopfende einige Lichter weggeräumt und den Gestalten die Gesichter aufgedeckt hatte, setzte er die Posaune dem einen an den Mund und zwar so, dass der obere und weite Teil genau unter das beschriebene Loch kam.

Ein Feuerstrahl fährt in die neuen Körper

Meine Gefährten blickten immer nur auf die Gestalten. Ich aber hatte andere Gedanken. Denn sobald das Laubwerk oder der Kranz am Rohr angezündet war, sah ich, dass das Loch sich öffnete und ein heller Feuerstrahl herausschoss und in den toten Körper fuhr. Danach wurde das Loch wieder verschlossen und die Posaune weggenommen.

Durch diese Irreführung wurden meine Gefährten betrogen, denn sie meinten, das Leben wäre durch das Feuer des Laubwerks in die Gestalt gekommen. Denn sobald diese ihre Seele empfangen hatte, öffnete und schloss sie die Augen, aber sie bewegte sich fast nicht.

Dann setzte der Alte ein anderes Rohr an ihren Mund, zündete es an, und die Seele wurde durch das Rohr hinabgelassen. Dieses geschah bei jeder Gestalt dreimal. Dann wurden alle Lichter gelöscht und weggenommen. Die samtene Decke des Tisches wurde über ihnen zusammengeschlagen, dann ein Reisebett aufgeschlagen und ausgerüstet. Sie wurden also eingewickelt hineingetragen und, nachdem die Decke hinweggenommen worden war, fein nebeneinander gelegt. So schliefen sie eine gute Weile hinter vorgezogenen Gardinen.

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Christian Rosenkreuz im Turm von Olympus:
Die letzte Posaune

Das neue Königspaar erwacht

Nun war es auch an der Zeit, dass die Jungfrau sah, wie sich unsere anderen Künstler hielten. Sie waren wohlgemut, denn wie mir die Jungfrau nachher berichtete, mussten sie mit Gold laborieren. Das war wohl auch ein Teil dieser Kunst, aber nicht das Vornehmste, Nötigste und Beste. Zwar hatten sie auch einen Teil der Asche, so dass sie meinten, der ganze Vogel wäre des Goldes wegen gemacht, und es müsste den Entleibten das Leben hierdurch wieder gebracht werden.

Was das anbetraf, sassen wir also still und warteten, dass unsere Eheleute erwachen würden. Das dauerte etwa eine halbe Stunde, denn es stellte sich auch der mutwillige Cupido wieder ein, und nachdem er uns alle nacheinander begrüßt hatte, flog er zu ihnen hinter den Vorhang und neckte sie solange, bis sie erwachten. Das geschah bei ihnen mit großer Verwunderung, auch meinten sie, sie hätten von der Stunde an, da sie enthauptet wurden, bis jetzt geschlafen.
Nachdem Cupido sie geweckt und sie einander zu erkennen gegeben hatte, ging er ein wenig beiseite und ließ sie sich noch ein wenig erholen und trieb inzwischen seinen Spaß mit uns. Schließlich musste man für ihn die Musikanten holen und etwas fröhlicher sein.

Bald darauf kam die Jungfrau selbst, und nachdem sie den jungen König und die Königin – die sich noch etwas matt fühlten – demütig gegrüßt und ihnen die Hand geküsst hatte, brachte sie die beiden beschriebenen schönen Gewänder herbei, die sie anzogen und danach hervortraten.

Nun standen schon zwei schöne Sessel bereit, darauf auf setzten sie sich und wurden von uns mit demütiger Verbeugung begrüßt, wofür sich der König in eigener Person auf das Allergnädigste bedankte und dagegen alle Gnade anbot.

Zurück zu den Schiffen

Da es bereits fünf Uhr war, konnte nicht länger verweilt werden. Sobald die wichtigsten Sachen aufgeladen waren, mussten wir die jungen königlichen Personen die Wendeltreppe hinunter durch alle Tore und an allen Wächtern vorbei bis zum Schiff geleiten. Das betraten sie zusammen mit einigen Jungfrauen und dem Cupido und fuhren so schnell davon, dass wir sie bald aus den Augen verloren. Man war ihnen jedoch, wie mir berichtet wurde, mit einigen stattlichen Schiffen entgegengezogen, und sie fuhren also in vier Stunden über die vielen Meilen des Meeres.

Nach fünf Uhr wurde den Musikanten befohlen, alle Sachen wieder hinunter in die Schiffe zu tragen und sich auf die Abreise vorzubereiten. Weil das alles aber etwas langsam vor sich ging, ließ der alte Mann einen Teil seiner verborgenen Soldaten heraus, die bisher im Wall versteckt gewesen waren, so dass wir sie nicht wahrgenommen hatten. Daran merkte ich, dass dieser Turm wohl zum Widerstand gerüstet war.

Diese Soldaten waren mit unserem Plunder bald fertig, so dass nichts weiter mehr zu tun war, als zur Nacht zu essen.

Als die Tische gedeckt waren, brachte uns die Jungfrau wieder zu unseren Gefährten. Da mussten wir uns wahrlich verstellen und das Lachen verbeissen. Sie aber schmollten alle zusammen uns gegenüber, obwohl einige auch Mitleid mit uns hatten. Während dieses Nachtessens war auch der alte Mann bei uns, der für uns ein scharfer Inspektor war. Denn keiner konnte etwas so verständig vorbringen, dass er es nicht entweder umzustossen oder zu verbessern wusste oder wenigstens eine gute Lehre darüber gab. Bei diesem Mann habe ich am meisten gelernt, und es wäre wohl gut, wenn jeder sich bei ihm umsehen und seine Lehren annehmen würde, dann würde es manchmal besser ausgehen.

Eine geruhsame Nacht

Nach eingenommenem Nachtimbiss führte uns der alte Mann zuerst in seine Kunstkammern, die hier und da in der Bastion verstreut lagen. Da sahen wir so seltsame Geschöpfe der Natur und auch andere Dinge, die menschliche Vernunft der Natur nachgebildet hat, dass wir wohl ein Jahr lang genug zu sehen gehabt hätten. Das trieben wir dennoch bei Licht bis spät in die Nacht.

Als wir schließlich fast mehr zum Schlafen geneigt waren, als zum Ansehen von Seltsamkeiten, wurden wir in Kammern einlogiert. Wie hatten dort im Wall nicht nur sehr gute Betten, sondern darüber hinaus auch überaus schöne Kammern, weshalb wir uns umsomehr wunderten, warum wir am Tag zuvor so leiden mussten. In einer solchen Kammer hatte ich gute Ruhe, und da ich größtenteils die Sorgen los und auch vom ständigen Arbeiten müde war, verhalf mir das leise Rauschen des Meeres zu einem tiefen und sanften Schlaf, in dem ich in einem Traum von elf Uhr an bis morgens um acht Uhr verblieb.

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