Christian Rosenkreuz im Turm von Olympus: Die Begegnung mit dem uralten Mann

Christian Rosenkreuz und drei seiner Gefährten sind über eine verborgene Wendeltreppe unter das Dach des Turms von Olympus hinaufgestiegen, in die achte, geheime Turmkammer. Hier werden sie schon erwartet – von einer uralten Gestalt an einem Feuerofen.

In den oberen Stockwerken des Turms von Olympus arbeiten Christian Rosenkreuz (CRC) und seine Gefährten am OPUS MAGNUM der Alchimie: der großen Umwandlung des Menschen. Als Leser befinden wir uns hier am sechsten von sieben Tagen des Einweihungsromans „Chymische Hochzeit des Christian Rosenkreuz“ (Alchimische Hochzeit) von Johann Valentin Andreae.

Den Weg in die geheime Turmkammer haben CRC und seine drei Gefährten durchaus nicht freiwillig gewählt. Nein, sie wurden von einer Blaskapelle recht unsanft durch eine bis dahin unsichtbare Tür gepustet, hinter der sich eine Wendeltreppe nach oben verbarg. Das hat ihnen zunächst einen gehörigen Schrecken eingejagt, denn sie glaubten, man habe sie verstoßen. Doch die Geschichte nimmt – wieder einmal – eine gänzlich unerwartete Wendung.

Die Pforte des Saturn

Die 8 ist die Zahl des Planeten Saturn, der die alte Planetensphäre unseres Sonnensystems abschließt. Es wird daher auch von der „Pforte des Saturn“ gesprochen, worunter man esoterisch den Übergang von unserem Universum in ein höheres Universum versteht. In der Alchimischen Hochzeit stellt das achte Stockwerk das Übergangsgebiet zum Lebensfeld des unsterblichen Menschen dar.

Die Turmkammer hat eine wunderliche Form. Sie besteht aus sieben Halbkugeln, von denen die mittelste etwas höher ist und oben ein kleines rundes Loch hat, das geschlossen ist und von keinem außer Christian Rosenkreuz bemerkt wird. Von diesem Loch wird später noch die Rede sein. In der Mitte steht ein kleiner Feuerofen. Dort werden sie freundlich empfangen von einem sehr alten Mann. Der Alte ist offen­sichtlich nicht überrascht über das Eintreffen der Kandidaten und scheint auch sonst alles zu wissen.

Der Turmwächter: mehr als eine Romanfigur

Johann Valentin Andreae flicht die Figur des „Uralten“ mit leichter Hand und einem Augenzwinkern in die Geschichte ein, wenn er CRC berichten lässt: „Als er (der Alte, Anm.) von dem Schrecken vernahm, den wir durchgemacht hatten, hielt er sich vor Lachen den Bauch, weil wir uns über solch ein Glück so traurig hatten machen lassen. ‚Lernt hieraus, geliebte Söhne’, so sprach er, ‚dass der Mensch niemals weiß, wie gut es Gott mit ihm meint.’“ Das ist wohl wahr.

Im Verlauf der Alchimischen Hochzeit war von dem Alten schon einmal die Rede. Als CRC per Schiff zu der Olympus-Insel unterwegs ist, kommt ihm der Alte in einem goldenen Schifflein entgegen und geleitet die Reisegruppe in den Turm. Er ist also der Turmwächter, der von Anfang an alles weiß und überwacht, was im Turm von Olympus geschieht. Der Turm steht als Symbol für das Bewusstseins­feuer des Menschen, das als Schlangenfeuer in der Wirbelsäule brennt.

Der „sehr alte Mann“ ist mehr als eine Romanfigur des Autors Johann Valentin Andreae. Es ist vielmehr eine archetypische spirituelle Gestalt, die wahrlich „uralt“ ist. Sie lebt bereits im Alten Testament in der Vision Daniels: „Ich sah, wie Throne aufgestellt wurden, und einer, der uralt war, setzte sich. Sein Kleid war weiß wie Schnee und das Haar auf seinem Haupt rein wie Wolle ...“ Und weiter heißt es dort: „Ich sah in diesem Gesicht in der Nacht, und siehe, es kam einer mit den Wolken des Himmels wie eines Menschen Sohn und gelangte zu ihm, der uralt war, und wurde vor ihn gebracht. Der gab ihm Macht, Ehre und Reich ...“

In der Gegenwart des Heiligen Alten

Jan van Rijckenborgh weist in seiner Erklärung zur Alchimischen Hochzeit ebenfalls auf die Bedeutung des Sehr Alten hin und verweist in diesem Zusammenhang auf ein merkwürdiges Wort aus der Universellen Lehre: „Der Geist kann nicht geschaut werden, bevor die Seele in der Gegenwart des Heiligen Alten steht.“

Was ist damit gemeint? Der aufmerksame Leser dieser Geschichte weiß inzwischen: Die Geschehnisse in der Chymischen Hochzeit haben eine mehrdimensionale Struktur – das gilt räumlich, zeitlich und spirituell. Sie sind niemals allein vordergründig-historisch zu verstehen und haben immer mehr als nur eine Bedeutung. Diese Eigenart zeichnet ebenso alle heiligen Schriften aus, so auch die Bibel. Jedes Ereignis, jede Figur hat in solch einem Zusammen­hang sowohl eine kosmische Dimension (auf die gesamte Schöpfung bezogen) als auch eine mikrokosmische Dimension (auf den einzelnen Menschen bezogen). Eine kosmische Vision beschreibt gleichzeitig einen Vorgang im Bewusstsein des Menschen. „Wie oben, so unten, wie außen, so innen“, sagt Hermes Trismegistos.

Melchisedek

Der Heilige Alte wird auch der „Alte der Tage“ oder „Melchisedek“ genannt. In der Vision Daniels ist er derjenige, der Jesus Christus („eines Menschen Sohn“) Macht, Ehre und Reich verleiht. Unter dem Namen Melchisedek begegnen wir ihm im Alten Testament auch als „König von Salem“, der den Urvater Abraham segnet und ihm Brot und Wein entgegenträgt. Dort wird er „der Priester des höchsten Gottes“ genannt.
In einem fragmentarischen Text aus den Nag Hammadi Schriften spricht Melchisedek in einem Taufgebet an den höchsten Gott: „Ich bin Melchisedek, der Priester des höchsten Gottes ... Ich opferte mich selbst dir als ein Opfer.“

Im Neuen Testament (Hebräerbrief) wird über Melchisedek gesagt: „Er ist ohne Vater, ohne Mutter, ohne Stammbaum, und hat weder Anfang der Tage noch Ende des Lebens. So gleicht er dem Sohn Gottes und bleibt Priester in Ewigkeit.“ Und im gleichen Brief wird über Jesus Christus gesagt (mit Bezug auf den 110. Psalm), er sei „ein Priester ewiglich nach der Ordnung Melchisedeks“.

An diesen Hinweisen ist zu erkennen, wem Christian Rosenkreuz und seine Gefährten hier im 8. Stockwerk des Turms von Olympus begegnen: dem höchsten Priester des höchsten Gottes, dem höchsten Vollstrecker des göttlichen Willens also, von dem Jesus Christus seine Macht empfangen hat und der schon vor Abraham gewesen ist. Es ist das Prinzip der höchsten Einweihung.

Die göttliche Dreiheit in der Gestalt des Uralten

Jan van Rijckenborgh sagt über ihn, indem er wiederum auf die Mehrdimensionalität dieser Figur hinweist: „Es geht also um einen göttlichen Wert, der eine Dreiheit, eine Drei-Einheit in sich schließt: Vater, Mutter und Sohn; König, Königin und Christian Rosenkreuz. ... Diese Dreiheit ist abstrakt gesehen der große göttliche, einsmachende, uralte Schöpfungsplan Gottes; das große uralte Prinzip, das in der Kabbala der Heilige Alte oder der Uralte genannt wird. Wer also als Kandidat der gnostischen Mysterien zu der viereckigen Insel reist, wird im Turm dem Turmwächter mit seinen Helfern begegnen. Das ist die göttliche Drei-Einheit, die kommt, um die Dreiheit, die drei Prinzipien des Schülers zu einem Prinzip zu machen.“

Die Urbilder des unsterblichen Menschen

Diese drei Prinzipien im Schüler-Kandidaten sind Geist, Seele und Körper. In der 8. Turmkammer werden sie im alchimischen Prozess der Transfiguration zu einem Leben verschmolzen. Dieser Vorgang kann nur in der Gegenwart des Alten der Tage geschehen, weil er allein den Bauplan dafür besitzt. Der Alte ist – kosmisch und mikrokosmisch – der Hüter der Urbilder des unsterblichen Menschen, die hier, im 8. Stockwerk, in Ewigkeit aufbewahrt sind. In der Erzählung wird dieser Plan angedeutet als die beiden „Gussformen“ für die Körper des Königs und der Königin, die der Alte den Kandidaten für ihre weitere Arbeit zur Verfügung stellt.

In diese Formen ergießt sich nun die alchimische Prima Materia – zubereitet aus der Asche des blauen Vogels und dem „präparierten Wasser“ –, die auf dem Feuerofen erhitzt wird. Das sind wiederum Hinweise auf einen alchimischen Vorgang, der nun unter der Leitung des Alten der Tage zur Vollendung geführt wird.

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