Das Unzerstörbare in uns

Franz Kafka

In seinen "Betrachtungen über Sünde, Leid, Hoffnung und den wahren Weg" spricht der Schriftsteller Franz Kafka (1883 - 1924) von einem Stern, heller als die Sonne, vom Unzerstörbaren. Ja, er scheint es zu erleben.

Die im Nachlass Kafkas gefunden 109 Aphorismen Betrachtungen über Sünde, Leid, Hoffnung und den wahren Weg enthalten das Geheimnis seines Lebens und Werkes. Man hat ihnen bisher keine Aufmerksamkeit geschenkt, wohl weil sie so gar nicht zu dem gewöhnlichen Kafkabild passen wollen. Denn sie zeigen einen ganz anderen Kafka. Derselbe Kafka, der die Strafkolonie, den Prozess, den Brief an den Vater geschrieben hat, in dessen Werken der Zweifel an der Erkennbarkeit der Wahrheit und die Erfahrungen der Ausweglosigkeit zu nicht überbietbarer Intensität verdichtet sind - er spricht hier einem "Weg", von "einem Stern heller als die Sonne", von "allgemeiner Menschenliebe".

Derselbe Kafka, der der Prototyp des zerstörten, neurotischen Menschen zu sein scheint - er spricht hier vom "Unzerstörbaren", ja scheint es zu erleben.

Es besteht ein notwendiger Zusammenhang zwischen diesen beiden Seiten Kafkas. Denn erst vom Unzerstörbaren aus zeigt sich die Welt der Erscheinungen als durch und durch vergänglich und zerstörbar.  Erst das Unzerstörbare gibt dem Autor die Kraft, die Welt der Erscheinungen als durch und durch zerstörbar zu erkennen. Aber da es außerhalb der Welt der Erscheinungen liegt, kann er es nicht direkt, sondern nur als indirekte Wirkung darstellen.

"Theoretisch gibt eine vollkommene Glücksmöglichkeit: An das Unzerstörbare in sich glauben und nicht zu ihm streben."
(Kafka, Aphorismus 69)

 

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