Was ist Gnosis?

Religiöses Geheimwissen, Suche nach Gotteserkenntnis – das sind einige der Gedanken, die mit dem Wort Gnosis verbunden sind. Doch was bedeutet es, Gnosis innerlich zu erfahren? Um das herauszufinden, muss man sich der Quelle zuwenden, aus der die Gnosis entspringt.

Gnosis und Gnostiker werden in der europäischen Geistesgeschichte meistens mit dem frühen Christentum in Verbindung gebracht. Jedoch gab und gibt es Gnostiker zu allen Zeiten. Denn die Gnosis – die Erkenntnis Gottes – war und ist eine Kraft, die sich jedem Menschen direkt mitteilen kann, unabhängig von religiösen Systemen und Überlieferungen.

Das Wort Gnosis kommt aus dem Griechischen und bedeutet Licht der Kenntnis. Welcher Kenntnis und welchem Glauben die Gnostiker anhängen und welchen spirituellen Weg sie verfolgen, ist allgemein wenig bekannt. Die Gnosis erfährt nur derjenige, der sich direkt mit ihr in seinem Herzen verbindet. Diese Verbindung verändert ihn aber so, dass er danach nicht mehr der Gleiche ist. Die Schriften dieser Gnostiker faszinieren die Menschen noch nach Jahrhunderten.

Über Jahrhunderte kannte man verschiedene schriftlichen Überlieferungen der frühen christlichen Gnostiker nur aus Andeutungen in den Inquisitionsschriften der Katholischen Kirche. Die Aufmerksamkeit der Öffntlichkeit kehrte zurück, als die 1945 in Nag Hammad in Ägypten gefundenen gnostischen Urschriften veröffentlicht wurden. Seither sind viele Abhandlungen über Gnosis erschienen.

Ein mächtiger Atem durchströmt die alten Schriften

Gnosis ist kein komplexes Gedankengebilde – obwohl die alten Schriften eine Sprache sprechen, die sich dem Leser nicht ohne weiteres erschließt. Wer sich den gnostischen Urtexten allein mit dem Verstand nähert, kann den inneren Kern ihrer Botschaft kaum erfassen. Es scheint eine Kraft, ein mächtiger Atem hinter den Worten zu stehen und den Menschen im tiefsten Inneren zu bewegen. Wenn er sein Herz, seine Intuition dafür öffnet und Glauben besitzt, kann er diesen verändernden "Atem Gottes" erfahren.

Eine der bekanntesten gnostischen Schriften ist „Das Mysterium der Pistis Sophia“. Der niederländische Rosenkreuzer und Mitbegründer des Lectorium Rosicrucianum, Jan van Rijckenborgh, hat diesen gnostischen Text neu herausgegeben und für spirituell suchende Menschen erklärt. Der Titel kennzeichnet das Wesen der Gnosis sehr genau als die unlösbare Verbindung zwischen Glauben (Pistis) und Weisheit (Sophia).

Gnosis ist Strahlung, ist Licht. Sie konzentriert sich in den gnostischen Schriften, sie ist anwesend in der Atmosphäre. Sie will den Menschen wecken und aufrütteln. Insbesondere in der heutigen Aquarius-Ära wird eine Begegnung zwischen der gnostischen Strahlung und den nach innerer Erkenntnis suchenden Menschen ermöglicht.

Im Herzen ruht der geistige Kern

Gnosis ist die absolute Kenntnis. Sie entspringt dem Göttlichen selbst. Sie wendet sich nicht an das intellektuelle Vermögen des Menschen, sie appelliert nicht an die Gefühle, und sie ist keine Religion. Sie lässt sich in keinem Werk niederschreiben, obwohl viele Schriften von ihr zeugen, und sie kann auch niemandem durch eine Person vermittelt werden. Der Mittler ist die Gnosis selbst.

Die Gnosis offenbart sich dem Menschen in einem inneren Weg, der mit den Vermögen des Ichs weder begriffen noch gegangen werden kann. Denn die gnostische Strahlung berührt den Menschen im Herzen. Dort ruht der zentrale geistige Kern seines Wesens: der Geistfunken, das unsterbliche Prinzip im Menschen. Dieser Geistfunken stammt nicht aus der vergänglichen Welt, in der der Mensch lebt, sondern aus der Ewigkeit, dem Göttlichen, aus dem auch die Gnosis ist. Deshalb kann die gnostische Strahlung mit dem Geistfunken korrespondieren oder – wie die Rosenkreuzer sagen – mit der Rose des Herzens.

Die Befreiung der Seele

Wer die innerliche Erfahrung macht, dass sich die gnostische Strahlung in die Rose des Herzens einsenkt und sich der Funke im eigenen Herzen regt, erfährt ein einschneidendes Erlebnis. Der Mensch, der diesem inneren Vorgang Raum und Aufmerksamkeit schenkt, steht vor der Entdeckung einer neuen, innerlichen Welt. Die gnostische Strahlung setzt einen Prozess der Selbsterkenntnis in Gang, sie schenkt dem Menschen Kenntnis über seine Herkunft und seine Bestimmung – und führt ihn zu geistiger Erkenntnis aus erster Hand.

Wie ein Lichtquell beginnt die Rose des Herzens die gnostische Strahlung im Blut zu verbreiten. Dadurch werden im Haupt des Menschen neue Vermögen geweckt. Haupt und Herz werden durch die gnostische Strahlung vereint, und es beginnt eine Pilgerreise des Lichtes durch den menschlichen Körper.

Dadurch wird der Mensch eingreifend und vollkommen verändert. Er wird befreit von seinen eigenen Behinderungen, Vorstellungen und Zwängen, die zwischen seinem innersten Kern und dem Licht des Geistes stehen. Durch die Aufnahme der „Lichtnahrung“ wächst aus der Rose eine neue Beseelung heran, die sich nach und nach von der Gebundenheit an die Materie befreien und mit dem Geist Gottes verbinden kann.

Ruhe in Gott

Für einen solchen Menschen – einen Gnostiker – entwickelt sich eine positive Grundhaltung zum Leben. Denn er hat in sich den Geistfunken bewusst erfahren, den Anderen in sich, der der Ewigkeit entstammt und wieder dorthin zurückkehren will. Ein Gnostiker stellt sein ganzes Leben in den Dienst des Anderen und seiner Rückkehr zur Ewigkeit.

Einer der bedeutendsten Aspekte, zu dem die Gnosis den Menschen führt, ist die Ruhe, die diese Rückkehr nach Hause in sich birgt. Es ist die Rückkehr zum wahren Gleichgewicht mit Gott. Diese Ruhe bedeutet nicht, dass man sich niedersetzt wie am Ende eines ermüdenden Tages. Sie ist die Harmonie der göttlichen Bewegung. Wer sich in dem Strom der Ewigkeit befindet, ist innerlich gelassen. Er ist aufgegangen in dem Anderen – und deshalb in der Ruhe.

Die Gnostiker aller Zeiten zeugten von diesem inneren Frieden und versuchten, suchenden Menschen den Weg der Gnosis nahe zu bringen – wie Jakob Böhme, der Schuhmacher und Philosoph, Johann Valentin Andreae, der Schriftsteller und Theologe, oder auch Jan van Rijckenborgh, der Gründer des Lectorium Rosicrucianum.

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