Teil 1: Das Mysterium des Heiligen Grals

Die Schlüsselfrage und die Vision des Hermes Trismegistos

Das Mysterium des Heiligen Grals hat seit Jahrhunderten die Menschen bewegt. Wie in Wellenbewegungen tauchten immer wieder Legenden über den Gral auf. Was treibt die Menschen eigentlich bis auf den heutigen Tag dazu, nach der Wahrheit hinter diesem Mythos zu suchen?

Auch im 20. Jahrhundert wurde das Interesse am Gralsmotiv durch die verschiedensten Publikationen geweckt: Die einen stellen einen physischen Kelch oder eine Schale in den Vordergrund, andere vermuten eine Blutslinie, die bis zurück zu angeblichen Nachkommen von Jesus reicht.

Für den spirituell orientierten Menschen in unserer Zeit geht es jedoch darum, die seelisch-geistige Botschaft hinter den mythischen Bildern zu entschlüsseln und auf den eigenen inneren Weg anzuwenden. Das ist auch das Anliegen dieser vierteiligen Artikelreihe.

Der Schlüssel zum Gralsmysterium ist in einer Frage verborgen

In verschiedenen Überlieferungen der Gralslegende (1) heißt es, dass Parsifal bei seinem ersten Besuch auf der Gralsburg unvorbereitet dorthin gelangt und nicht versteht, was ihm begegnet. Er wird mit Spott zurückgeschickt, weil er die entscheidende Frage nicht stellt. Erst nachdem er durch viele Irrfahrten und Prüfungen reif geworden ist, gelangt er zum zweiten Mal in die Gralsburg und stellt die entscheidende Frage: „Oheim, warum leidest du?“

Wenn man diese Frage einmal losgelöst von allen legendären Zusammenhängen betrachtet und direkt auf die Situation des heutigen spirituellen Menschen anwendet, dann kann man sagen, dass Unzählige vielleicht schon einmal in der Sphäre der Gralsburg waren, die Situation nicht begriffen und die entscheidende Frage nicht stellten. Dabei darf man sich diese Situation nicht so romantisch wie in der Legende vorstellen. Es gibt Momente im Leben, in denen plötzlich die quälende Frage nach dem Sinn und Ziel des Lebens im eigenen Inneren aufsteigt – und das, obwohl äußerlich betrachtet alles in bester Ordnung ist. Trotzdem leidet etwas im eigenen Wesen und fragt: Das kann doch nicht alles sein?

Geht man in diesen Situationen nicht sehr schnell wieder zur Tagesordnung über, nach dem Motto „Bloß nicht darüber nachdenken“? Der Mensch stellt dann die entscheidende Frage nicht, die lautet: Was genau leidet da in mir? Was für eine Sehnsucht ist das eigentlich in mir, die niemals Ruhe gibt, obwohl es mir doch eigentlich gut geht?

Das Mysterium des Grals ist gerade in dieser entscheidenden Frage verborgen. Hier ist der Schlüssel zur Gralsburg zu finden. Im Verlauf dieser Artikelreihe werden dieser Schlüssel und die Gralsburg noch näher untersucht. Zunächst soll jedoch über die älteste Gralsvision berichtet werden, die überliefert ist.

Die Gralsvision des Hermes Trismegistos

Die Urform des Grals-Motivs lässt sich bis in das Alte Ägypten zurück verfolgen. In den Schriften des Hermes Trismegistos, im 7. Buch in den Versen 8-9 steht:

„Gott hat einen großen, mit den Kräften des Geistes gefüllten Krater
in die Tiefe gesandt und einen Botschafter mit dem Auftrag bedacht,
den Herzen der Menschen zu verkünden:

'Taucht hinein in diesen Krater, ihr Seelen, die ihr es vermöget.
Ihr, die glaubet und vertrauet, dass ihr aufsteigen werdet zu Ihm,

der dieses Mischgefäß in die Tiefe gesandt hat. 
Ihr, die ihr wisset, zu welchem Ziele ihr erschaffen worden seid.

Alle, die dieser Verkündigung Gehör geschenkt haben und - durch Untertauchen in die Kräfte des Geistes - gereinigt worden sind, haben an der 
lebendigen Kenntnis Gottes, der Gnosis, 
Anteil bekommen und wurden, 
da sie den Geist empfangen hatten, vollkommene Menschen.“ (2)
 

Soweit die erste Vision vom Heiligen Gral in den hermetischen Schriften. Sie zeigt uns den Gral als eine Handreichung Gottes, als ein heiliges Gefäß, das sich gleichsam zwischen Gott und den Menschen befindet. Gottes Lichtkraft kann sich in dieses Gefäß ergießen, und aus diesem Gefäß werden dann die Menschen mit unvergänglicher, geistiger Nahrung gespeist.

Falsche oder richtige Interpretationen?

Wie kommt es, dass diese Vision aus bereits vorchristlicher Zeit ihre inspirierende Kraft über die Minnesänger des Mittelalters bis in unsere Zeit bewahrt hat? Nicht nur in den alten Überlieferungen von Minnesängern wie Chrestien de Troyes, Robert de Boron und Wolfram von Eschenbach finden wir das Gralsmotiv wieder.

Allein in den letzten hundert Jahren ist eine Fülle von Büchern über den Gral erschienen. Richard Wagner hat mit seinen Opern „Parsifal“ und „Lohengrin“ das Gralsmotiv für die Kultur des 20. Jahrhunderts lebendig erhalten und neu interpretiert. Filme haben das Thema in oft sensationsbetonter Weise aufgegriffen. Zuletzt sorgte der Film „Sakrileg“ für Aufsehen, in dem der Gral letztlich als Person aus Fleisch und Blut 
in Gestalt einer jungen Frau aus der leiblichen Nachkommenschaft Jesu verstanden wurde. Ist das falsch? Ist das richtig?

Drei Deutungsebenen

Es ist nicht nötig, an dieser Stelle über richtig oder falsch zu diskutieren. In einer Legende wie dieser gibt es – ähnlich wie in den heiligen Schriften der Völker – immer verschiedene Ebenen des Verständnisses und der Deutung. Man kann sagen, dass jeder darin die Aspekte wiederfindet, die seinem eigenen Bewusstseinszustand entsprechen.

Dabei lassen sich ganz grob drei Ebenen unterscheiden:

1.das Verständnis dem Körperlichen, Persönlichen nach
2.das Verständnis der Seele nach
3.das Verständnis dem Geist nach.

Hermes Trismegistos sagt: „Wie oben, so unten.“ Damit wird ausgedrückt, dass eine geistige Realität sich im Seelischen und im Körperlichen analog abbildet, beziehungsweise umgekehrt: dass ein körperliches, materielles Symbol – wie der Gral – eine Entsprechung im Seelischen und Geistigen hat. Goethe hat das mit dem Satz ausgedrückt: „Alles Irdische ist nur ein Gleichnis.“

Der Gral – ein magischer Gegenstand?

In früheren Zeitaltern war der Schleier zwischen der materiellen und der feinstofflichen Welt noch nicht so dicht, und so konnte es geschehen, dass materielle Gegenstände zeitweise mit besonderen Kräften aufgeladen wurden, damit die Menschen im Äußeren erleben konnten, was eigentlich innerlich mit ihnen geschehen sollte. Auch das ist ein Aspekt der alten Gralslegende.

Heute jedoch, im Zeitalter der Individualisierung und Eigenverantwortung des Menschen, im Zeitalter des Aquarius, ist diese alte Magie nicht mehr im befreienden Sinne wirksam. Deshalb ist es heute nicht nur sinnlos, sondern irreführend, das Heil von einem magischen Gegenstand oder einer anderen Person zu erwarten – sei es nun ein historisches Gefäß oder eine Person aus besonderem Geblüt.

Heute geht es darum, dass der Mensch von innen heraus erkennt und versteht, dass er selbst zum Gralssucher berufen ist und den Gral in sich selbst verwirklichen muss, um in ein höheres Leben, in einen neuen Bewusstseinszustand einzutreten.

Lesen Sie die Fortsetzung:
Das Mysterium des Heiligen Grals, Teil 2:
Die Gralsburg, der Gralssucher und andere geheimnisvolle Figuren

Das Mysterium des Heiligen Grals, Teil 3:
Der Eremit, die letzte Versuchung und die Rückkehr des Speeres.

Das Mysterium des Heiligen Grals, Teil 4:
Die Gralslegende um Joseph von Arimathia

(1) z. B.: Die Geschichte des Gral von Chrestien de Troyes (1188)
(2) Jan van Rijckenborgh: Die Ägyptische Urgnosis, Teil 2, Kapitel XIX

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