Die universelle Weisheit Indiens

Die heiligen Schriften Indiens, die Veden und Upanishaden, zeugen von einer vergangenen Zeit, in der die Verbindung mit dem Göttlichen noch selbstverständlich für den Menschen war. Später versank der Mensch immer tiefer in der Materie und verlor diese Verbindung. Heute, im Aquarius-Zeitalter, beginnt die Zeit der Entstofflichung, und der Weg zurück in die göttliche Welt wird der Menschheit auf einer höheren Spirale aufgezeigt.

Indien nimmt unter den vielen philosophisch-religiösen Systemen der Welt eine Sonderstellung ein: einmal aufgrund des Reichtums und der Eigenständigkeit seiner spirituellen Traditionen, zum anderen aufgrund derselben Faszination, die es schon auf die ersten westlichen Reisenden ausübte. Der unermessliche Schatz von Mythen, Traktaten und Symbolen Indiens ist sprichwörtlich. Er hat die Gebildeten in Europa seit Goethe begeistert und die esoterische Entwicklung des 20. Jahrhunderts im Abendland nachhaltig geprägt.

Brahman, die göttliche Ursubstanz im Menschen

Die enge Verwandtschaft – ja, die Einheit – aller wirklichen Spiritualität wird nirgends deutlicher als in der Beschreibung der Quintessenz des Menschen, wie sie besonders in den Upanishaden aufleuchtet. Diese Quintessenz liegt im Herzen als "Brahman" oder – wie die Rosenkreuzer sagen – als Geistfunke verborgen und ist wesenseins mit der göttlichen Ursubstanz.

"Dieses mein Selbst im innersten Herzen ist kleiner als ein Reiskorn oder ein Gerstenkorn oder ein Senfkorn oder eines Hirsekorns Kern. Dieses mein Selbst im innersten Herzen ist größer als die Erde, größer als der Luftraum, größer als diese Welten. Allwirkend, allriechend, allschmeckend, allumfassend, ohne Wort und unbekümmert: So ist mein Selbst im innersten Herzen. Dies ist Brahma." 1)

Veden und Upanishaden berichten von der Einheit mit Gott

Die indische Geistesgeschichte kennt zwei bedeutende Strömungen, die sich in den großen Werken trotz der Gegensätzlichkeit ihrer Grundannahmen durchdringen:

In den Veden, den ältesten Zeugnissen, wird in der Lehre von der All-Einheit aller Wesen und Erscheinungen, die ihrem wahren Kern nach göttlich sind, ein ausgeprägter Monismus sichtbar. Diese Schriften enthalten überwiegend Anweisungen an die Priester und wurden etwa ab 1800 vor Christus aufgezeichnet.

Die Lehre von der Einheit allen Seins mit dem göttlichen Brahman, der göttlichen Ursubstanz, fand ihren philosophischen Höhepunkt in den Upanishaden, den "Geheimlehren", die etwa ab 800 vor Christus niedergelegt wurden. So wie die Funken aus dem Feuer springen, wie die Töne aus der Laute klingen, sind auch die Einzelseelen im innersten Kern mit der Weltseele identisch.

Der Buddhismus spricht von zwei Lebenswelten

Später kam ein ausgeprägter Dualismus hinzu, wie er im Jainismus, der Shankya-Philosophie und im Buddhismus (ca. 500 vor Christus) oder noch später in den Lehren des Shankara (um 800 nach Christus) zum Ausdruck kommt.

Danach ist die irdische Welt getrennt vom göttlichen Reich. Der Mensch, der von dem irdischen in das göttliche Reich gelangen möchte, muss zuvor eine tiefe Wandlung erfahren. Das Irdische ist eine Welt der Täuschung – Maya –, und das Göttliche Reich – Nirvana – ist das Ziel, das erst betreten werden kann, wenn der göttliche Mensch erwacht ist. Während der eine verlischt, kann der andere geboren werden. Damit wird es dem Menschen möglich, den Kreislauf der Wiedergeburten und die Welt der Täuschung zu verlassen. Auf diesem Weg ist die irdische Welt nicht nur Maya, nicht nur ein Schleier, sondern sie enthält gleichzeitig alle Informationen, die der Mensch braucht, um die göttliche Welt in seinem Wesen wieder zu entdecken.

Zeugnisse verschiedener Bewusstseinzustände

Vor allem abendländischen Gelehrten ist die Widersprüchlichkeit der Systeme aufgefallen, den Indern selber bereitete sie weniger Probleme. Und die Rosenkreuzer sehen in den Texten Zeugnisse verschiedener Bewusstseinzustände der menschlichen Entwicklung.

So zeugen die viel älteren Veden von einem Zustand der Urerinnerung an ein göttliches Lebensfeld, der im damaligen Indien offenbar noch wach und lebendig war. Vielgestaltige Überlieferungen berichten von einer Zeit, als die Menschen noch in selbstverständlicher, unmittelbarer Verbindung mit dem Göttlichen standen.

Dann traten jedoch mit der zunehmenden Verstofflichung im Kali-Zeitalter (das als Zeitalter des Verfalls und Verderbens gilt) die fundamentale Unvereinbarkeit der materiellen Welt mit dem Göttlichen und die zahlreichen Behinderungen in den Vordergrund.

Die Bhagavad Gita zeigt den Weg der Erlösung

In der Bhagavad Gita, die als Einschub des großen Epos Mahabharata etwa ab dem vierten Jahrhundert vor Christus schriftlich fixiert wurde, ist dieser scheinbare Widerspruch auf eine großartige Weise aufgelöst.

Beide Systeme verschmelzen zu Aspekten ein und derselben Wirklichkeit in der Hingabe an den Wagenlenker Krishna und seine Aufforderung zur "absichtslosen Tat".

"Bemühe dich nur um die Tat, doch niemals um Erfolg der Tat!
Nie sei Erfolg dir Grund des Tuns – doch meid' auch Tatenlosigkeit!
In Andacht fest, tu deine Tat! Doch häng an nichts, du Siegreicher!
Lass den Erfolg ganz gleich dir sein, – der Gleichmut ist's, der Andacht heißt.
Die Tat steht ja, du Siegreicher, unter des Geistes Andacht tief!
Im Geiste such’ die Zuflucht du! Kläglich, wen Tatenfrucht bewegt.
Beides, Guttat und Übeltat, gibt der Andächt'ge völlig auf; …"
2)

Krishna - Christus - Aquarius:
Ein neues Bewusstsein der Einheit mit Gott

In der Bhagavad Gita wird von Krishna, dem Wagenlenker, derselbe Weg der Erlösung beschrieben, den auch Christus weist. Hinter beiden Wegen steht dieselbe Kraft. Beide fordern die vollständige Hingabe an das Christuslicht, oder, wie es in der Bhagavad Gita heißt, an den Wagenlenker Krishna:

„Doch wer sich ganz in Liebe mir ergibt,
und mich allein nur liebt, erkennt mich so.
Er, wahrlich, kann mich so in Wahrheit sehen;
Mein Anblick ist´s, der ihn unsterblich macht.“
3)

Hilfreich auf diesem Erlösungsweg sind die nun auf die Menschheit einwirkenden Kräfte des beginnenden Aquarius-Zeitalters, die den Weg aus dem Tiefpunkt der Verstofflichung in die Geist-Seelen-Welt ermöglichen und unterstützen. Wer sich dem Licht ohne Vorbehalte anvertraut, für den hält dieses neue Zeitalter große Veränderungen bereit. Denn die neuen Kräfte wirken in einem solchen Menschen positiv, sie schenken ihm die Möglichkeit eines neuen Bewusstseins für die Einheit mit dem Schöpfer.

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Literatur:

1) Aus der Lehre des Shandilya, Übersetzung nach Helmuth von Glasenapp: Indische Geisteswelt. Eine Auswahl von Texten in deutscher Übersetzung, eingeleitet und herausgegeben von Helmuth von Glasenapp. Band I: Glaube und Weisheit der Hindus. Wiesbaden 1958, S. 35-36

2) Bhagavad Gita, Des Erhabenen Sang. Übertragen von Leopold Schroeder. Eugen Dietrichs Verlag Düsseldorf, Köln 1975, S.33/34.Erstausgabe 1922

3) Bhagavad Gita, übertragen von F. Hartmann. Bücher der Schatzkammer Schatzkammer-Verlag, Calw-Wimberg o.J., S.97

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