Die rätselhafte Sphinx

Die Sphinx mit ihrer zweifachen Gestalt übt einen geheimnisvollen Zauber aus. Das Zwitter-Wesen, das zugleich Löwe und Mensch ist, will eine Erinnerung wecken, die die Menschheit seit langer Zeit vergessen hat.

Wenn man die großen Religionen und alten spirituellen Kulturen studiert, stößt man immer wieder auf die Sphinx in unterschiedlichen Formen und Gestalten. Es gibt männliche und weibliche Sphinxe. Der eher männliche, dynamische Typ ist zumeist in Ägypten zu finden, entweder mit einem Männer- oder mit einem Tierkopf. Die weibliche Sphinx kam vor allem in Griechenland vor, zum Beispiel als geflügelter Löwenkörper mit dem Kopf und der Brust einer Frau, den Klauen eines Geiers und einer Schlange als Schwanz.

Das Geheimnis der Sphinx

Die alte griechische Weisheit lenkt die Aufmerksamkeit auf die vielfach auftretende Zwei-Geschlechtlichkeit der Sphinx und verbindet dieses Mysterientier mit dem Hermaphroditen, in dem das Männliche und das Weibliche vereint sind. Sie weist so auf eine ursprüngliche Menschheit hin, in der es noch keine Trennung gab. Aber im Doppelwesen der Sphinx aus Tier und Mensch liegt noch ein weiteres Geheimnis verborgen: Es ist eine Antwort auf die Frage nach dem Menschheitsweg, die uns aus längst vergangenen Zeiten erreicht. Folgen wir den Erbauern der ältesten aller Sphinxe nach Ägypten. Hier steht am Rand der Wüste die berühmte Sphinx von Giseh, die ein männlicher Sphinx ist.

Versunken im Wüstensand

Der Sphinx von Giseh ist nach Osten, zur aufgehenden Sonne, gewendet. In der Abenddämmerung wirken seine Augen geschlossen. Mit dem Morgengrauen scheinen sie sich dank des veränderten Lichteinfalls wieder zu öffnen. Dieser Sphinx ist als Symbol und Mahnmal einen weiten Weg mit der Menschheit gegangen. Sein mächtiger Löwenkörper mit dem Kopf eines Menschen wurde mehrfach aus dem Wüstensand ausgegraben und geht doch immer wieder darin unter. Er scheint darum zu flehen, vom lebenden Menschen erhoben und zu seiner göttlichen Macht und Größe zurückgeführt zu werden. Das kann aber nur durch einen seelischen Erkenntnisprozess im Menschen geschehen, nämlich indem er die Sphinx als Symbol seiner selbst erkennt.

Der Verlust des Göttlichen

Als der Sphinx von Giseh vor Jahrtausenden erbaut wurde, war er der zu Stein gewordene Ausdruck der Verkörperung des Sonnengottes im Pharao. Sein mächtiger Löwenkörper brachte die göttlich-geistige Kraft zum Ausdruck, die dem Herrscher zuteil wurde, um die Menschen in wahrhafter Gerechtigkeit zu leiten und zu behüten. Sein Menschenhaupt war ausgezeichnet mit den königlichen Insignien – dem Kopftuch, dem Bart und der Uräusschlange an der Stirn. Doch diese Präsenz des Göttlichen auf Erden im Pharao ging im Laufe der Zeiten verloren. Und wie ein Zeichen für diesen Verlust veränderte sich auch der Anblick des großen Sphinx von Giseh. Er versank im Wüstensand, so wie der Mensch die Erinnerung an seinen göttlichen Ursprung mehr und mehr vergaß, um zunächst das Menschliche in sich zu erfahren und zu erkennen.

Ruf nach Befreiung

Im 14. Jahrhundert v. Chr. ließ Prinz Thutmosis IV. zwischen den Vorderpfoten des Sphinx von Gizeh eine steinerne Stele errichten. Der in sie eingravierte Text berichtet von einem Traum des Prinzen, in welchem der Sphinx wie folgt zu ihm spricht (leicht modernisierte Fassung): „Sieh mich an, erkenne mich. Ich bin dein Vater, der Sonnengott. Ich gebe dir mein Reich auf dieser Erde. Du sollst das Haupt der Lebenden sein, geschmückt mit der weißen und der roten Krone. Das Land wird dir gehören, sowohl in der Länge als auch in der Breite. Deinerseits sollst du mich beschützen, denn so, wie du mich jetzt siehst, bin ich krank. Ich ersticke im Sand dieser Wüste. Sorge für mich und erfülle mein Verlangen in dem Wissen, dass du mein Sohn und Beschützer bist. Komm nahe zu mir. Ich bin dein Führer.“ Als die Stimme verstummte, erwachte der Prinz. Er überdachte die Worte und wurde still in seinem Herzen.

Die Forderung der Sphinx

In ihrer sichtbaren stofflichen Form ist der Sphinx von Giseh ein beeindruckendes Bauwerk aus Kalkstein. In seiner spirituellen Ansicht jedoch ist er ein im Sand versunkener Gott. Er will den Menschen daran erinnern, dass auch in ihm ein Gott verborgen liegt – unter dem Sand des Vergessens schon fast verschwunden. Diesen Gott gilt es, in einem innerlichen Prozess wieder auszugraben und zu befreien.„Mensch, erkenne dich selbst,“ ist die Forderung des Sphinx.

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