Als der Buddha den Weg ins Nirwana wies

Die Lehre Buddhas und seine Schule der Befreiung bilden in der indischen Geistesgeschichte den Höhepunkt einer entscheidenden Veränderung im Verhältnis des Menschen zu Gott, die bereits in den Upanishaden anklingt: die Erlösung vom Rad der Geburten durch inneren Wandel.

Die Lehre Buddhas und das Wirken des Buddha bilden den Höhepunkt einer entscheidenden Veränderung im Verhältnis des Menschen zu Gott, die sich im ersten Jahrtausend vor Christus in Indien allmählich entwickelte. Buddha ging die Lehre der Upanishaden (etwa 800 v.Chr.) voran, die zeigt, dass es möglich ist, dass jeder Mensch vom Rad der Wiedergeburten erlöst werden kann – durch inneren Wandel. Diese Entwicklung – von den Upanishaden zu den Lehren Buddhas, die in einer Schule der Befreiung mündeten – ist Gegenstand der folgenden Betrachtung.

Die Entstehung des Buddhismus

Der Buddhismus ist unmittelbar aus dem Wirken Buddhas – etwa 500 v. Chr. – hervorgegangen. Der Buddha ist „der Erwachte“. Nach einem Weg der Suche setzte er sich in Bodh Gaja unter einen Baum, wo er nach 49 Tagen Erleuchtung erfuhr und in das Nirwana einging. Er hatte auf seinem Weg die Askese hinter sich gelassen und verschiedenen Versuchungen durch Mara, die Kraft des Bösen, widerstanden.

Da er seinen Anhängern nicht nur eine Philosophie, sondern einen konkreten Weg wies, begannen viele, ihm zu folgen, und so wurde er zum Religionsstifter. Er lehrte seine Schüler den achtfachen Pfad der Befreiung, der in den Zustand des Nirwana führt. Es ist der Weg des rechten Glaubens, des rechten Entschließens, des rechten Wortes, der rechten Tat, des rechtes Lebens, des rechten Strebens, des rechten Gedenkens und des rechten Sichversenkens.

Buddha zeigte den Weg bis zum Erlöschen, zur vollkommenen Aufgabe der irdischen Persönlichkeit. Was sich dem erneuerten Wesen des Menschen dann offenbarte, im Zustand des Nirwana, darüber sprach der Buddha nicht.

Upanishaden: Suche nach dem göttlichen Selbst

Ein Vergleich der Upanishaden mit den Reden des Buddha enthüllt, wie aus einem Strom der Weisheit zu einem gegebenen Zeitpunkt eine Schule der Befreiung werden kann.

Die Upanishaden wurden etwa 800 v. Chr. aufgeschrieben. Sie enthalten bereits das Thema der Suche nach dem inneren göttlichen Selbst. Denn äußerlich verstandene Lehren führen nicht zum Erfassen des wahren Selbstes, und Erkenntnis erlangt der Mensch nicht mit den herkömmlichen Sinnen oder dem Verstand.

Wo aber liegt der Weg zum inneren Selbst? „Das Selbst ist die Brücke, die die Welten trennt, damit sie nicht zusammenstürzen. Tag und Nacht, Alter, Tod, Kummer, gute und schlechte Tat überschreiten die Brücke nicht“, heißt es in den Upanishaden. Sie enthalten die universelle Lehre von der Gefangenschaft des Menschen in einem ungöttlichen, sterblichen Zustand, der überwunden werden kann. Der Buddha bahnte mit seiner neuen Lehre den Menschen dazu den Weg.

Die Überwindung des Verstandes

Viele Gleichklänge findet man in den Upanishaden und in den Lehren des Buddha, zum Beispiel in seinen Worten: „Wo man, mein Freund, nicht geboren wird, nicht altert, nicht stirbt, kein früheres Dasein verlässt, zu keinem neuen Dasein gelangt – ein Ende der Welt, von dem solches gilt, kann durch kein Wandern erkannt, erschaut, erreicht werden: So sage ich. Aber ich sage dir auch, Freund, dass, ohne der Welt Ende zu erreichen, man des Leidens Ende nicht finden mag.“ ( 2)

Um – spirituell gesehen – das Ende der Welt zu erreichen, muss der Sucher an die Grenze des verstandesmäßigen Denkens gelangen. Deshalb wird er zunächst in eine heilsame Verwirrung geführt. Nur wenn er nicht an starren Bildern haften bleibt, kann die innere Wahrnehmung sich öffnen. Einmal führte der Buddha das folgende Gespräch mit einem wandernden Asketen:

„Ein Mönch, dessen Seele also erlöst ist, mein guter Gotama, zu welchem Sein gelangt er?“

„Dass er zu einem Sein gelangt, Vaccha, trifft nicht zu.“

„So gelangt er also zu keinem Sein, Gotama?“

„Dass er zu keinem Sein gelangt, Vaccha, trifft nicht zu.“

„So gelangt er also und gelangt nicht zu einem Sein, Gotama?“

„Dass er zu einem Sein gelangt und nicht gelangt, Vaccha, trifft nicht zu.“

„So gelangt er weder, noch gelangt er nicht zu einem Sein, Gotama?“

„Dass er weder zu einem Sein gelangt, noch nicht dazu gelangt, Vaccha, trifft nicht zu.“

„Auf meine Frage also, Gotama, zu welchem Sein ein Mönch gelangt, dessen Seele also erlöst ist, antwortest du mir: ‚Dass er zu einem Sein gelangt, Vaccha trifft nicht zu.’ (Ebenso werden die anderen drei Fragen und Antworten wiederholt.) Hier ist nun mein Verständnis zu Ende, mein guter Gotama; hier gerate ich in Verwirrung.“

Und der Buddha antwortete ihm:

„Da mag wohl dein Verständnis zu Ende sein, Vaccha; da magst du wohl in Verwirrung geraten. Tief, Vaccha, ist diese Lehre, schwer zu schauen, schwer zu verstehen, friedevoll, herrlich, bloßem Nachdenken unerfassbar, fein, nur dem Weisen erkennbar ...“ (3)

Wenn das Irdische schweigt

In völliger Geradlinigkeit richtet der Buddha den Sucher seiner Zeit und auch den heutigen Menschen auf die Notwendigkeit, sich ganz und gar auf den Pfad zu konzentrieren, auf den achtfachen Pfad, der zum Nirwana führt.

Nirwana ist ein rein buddhistischer Begriff und bedeutet „Atmen“, „Ausblasen“ oder „Erlöschen“. Nirwana beginnt dort, wo die dem Menschen bekannte Welt endet. In diesem Sinne kann man darunter gleichermaßen eine andere Welt und einen anderen Zustand verstehen, das Sein jenseits der Brücke.

Nirwana ist der Zustand, in dem das Vergängliche, das Irdische, so vollständig zum Schweigen gebracht wurde, dass das Ewige, das Göttliche, sich dem erneuerten Bewusstsein offenbaren kann. Durch eine ununterbrochene Konzentration auf die „Lotosblüte“ im Herzen, durch Versenkung und Weltabkehr enthüllt sich die Wahrheit im gegebenen Moment von selbst.

Buddhas Weg ist kein Pfad der Askese, aber auch kein Leben in Luxus und Bequemlichkeit, sondern es ist „der vom Vollendeten entdeckte Weg, der in der Mitte liegt, der Blick schafft und Erkenntnis schafft, der zum Frieden, zum Erkennen, zur Erleuchtung, zum Nirwana führt. Es ist der edle achtteilige Pfad.“

Nicht der Weg, sondern die Wegweisung ändert sich

Buddhas Weg zum Nirwana war keine neue Erfindung, sondern eine für seine Zeit geeignete konkrete Wegweisung. Nicht der Weg, wohl aber die Wegweisung verändert sich im Lauf der Zeiten.

Auch in den Upanishaden heißt es: „Es gibt einen schmalen, sicheren, hinüberführenden, alten Weg ...“ ( 5 ) Es ist ein und derselbe Weg, der den Menschen wieder und wieder verkündet wird, bis alle gerettet sind. Aber er hat zu jeder Zeit, so könnte man es sagen, ein anderes Aussehen.

Der Buddha selbst erfuhr nach einer vierfachen Versenkung die Erleuchtung. Aber er verließ diese Welt noch nicht, ging noch nicht endgültig in das Nirwana ein. Er errichtete ein dreifaches Bauwerk in der Welt, bestehend aus dem Buddha selbst – der konkreten Bahn, dem Kraftstrom seiner Lehre – der Wegweisung für die Nachfolger und aus der Gemeinde.

Erst als die Gemeinde aus fünfhundert Mönchen gebildet war, sprach er:

„So mögt ihr denn, ihr Mönche, alle die Dinge, die ich erkannt und euch gelehrt habe, recht erfassen, danach wandeln, sie verwirklichen, sie ausbreiten, auf dass dieser heilige Wandel dauern und lange währen möge: Das gereiche zu Vieler Wohl, zur Freude Vieler, zum Erbarmen für die Welt, zum Besten, zum Wohl, zur Freude von Göttern und Menschen. (...) Wohlan, ihr Mönche, ich sage euch: Der Vergänglichkeit untertan sind alle Gestaltungen. Lasst niemals nach in eurem Streben. Über nicht lange wird des Vollendeten Nirwana sein. Von jetzt an über drei Monate wird der Vollendete zum Nirwana eingehen.“ (6)

Und als die Zeit gekommen war, so heißt es, tauchte der Buddha erneut in die vier Versenkungen ein. Aus der vierten Versenkung erhob er sich und ging in das Nirwana ein.
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Literatur

Indische Geisteswelt. Eine Auswahl von Texten in deutscher Übersetzung. Eingeleitet und herausgegeben von Helmuth von Glasenapp. Emil Vollmer Verlag, Wiesbaden o.J.

Die Reden des Buddha, übersetzt und eingeleitet von Hermann Oldenberg. Herder Verlag, Freiburg 2000.

Upanishaden. Die Geheimlehre der Inder. Übertragen und eingeleitet von Alfred Hillebrandt. Hugendubel (Diederichs), München 2001.

Anmerkungen:

(1) Upanishaden S.125
(2) Die Reden des Buddha S.171
(3) Die Reden des Buddha S.296
(4) Die Reden des Buddha S. 95
(5) Upanishaden S. 85
(6) Die Reden des Buddha D.147

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