Wenn Tod und Sterben nahen

Wenn Menschen altern, verlieren sie nicht nur ihre Jugend, sondern häufig auch ihren Lebenssinn, denn der Tod naht. Dabei ruht in ihm ein Samen, der wachsen will und ewig lebt.

Keine Trauer umfängt den Menschen, wenn er den Samen in der Erde verwesen sieht. Denn daraus erhebt sich eine Pflanze, grünt, wächst und trägt Frucht – bis im Herbst die Blätter fallen. Dann geht es ans Früchtesammeln und Trocknen für den Winter, wenn der Schnee die Natur zudeckt, damit sie sich in Ruhe auf einen neuen Kreislauf vorbereiten kann.

Freude erfüllt den Beobachter, wenn er den ewigen Kreislauf miterlebt und im Großen wie im Kleinen die Wunder sich vollziehen sieht. Dankbarkeit durchströmt ihn, wenn er die Geheimnisse entschlüsseln darf und sich selbst eingebunden weiß in die Wandlungen des Lebens. Die Jahreszeiten kann der Mensch riechen, schmecken, sehen, tasten, fühlen. Doch spätestens, wenn seine Augen eine Sehhilfe benötigen, die Gelenke sich bei jeder Bewegung bemerkbar machen, Herz und Lungen ihren Dienst allmählich verweigern und die Belastbarkeit sinkt, erkennt der Mensch, dass auch bei ihm selbst der Herbst eintritt.

Mit den ersten Rissen verliert das Leben seinen Sinn

Was sind die Früchte des menschlichen Lebens, wem können sie gereicht werden, wer nimmt sie dankbar auf? Angst und Trauer können Besitz von einem alternden Menschen ergreifen, wenn er erkennen muss, dass er sich nur mit der Außenseite des Lebens identifiziert hat und nun, da die ersten Risse sichtbar werden, der Sinn des Lebens schwindet. Aber das Wahrnehmen des Alterns oder auch eine Erkrankung in noch jungen Jahren bietet die Möglichkeit einer ganz neuen Bewusstwerdung.

Menschen, die mit der Natur und ihrem Kreislauf eng verbunden leben, fühlen sich selbst in diesem Rhythmus geborgen und haben es leichter, loszulassen. Je mehr der Mensch aber dem Geheimnis des Lebens entfremdet ist, je künstlicher seine Nahrung, sein Empfinden und sein Denken werden, um so eher wird das Ideal der ewigen Jugend für ihn zum erstrebenswerten Ziel – genau wie es in der Gesellschaft heute üblich ist. Er sieht dann Krankheit und Tod als sinnlos an, sie erschüttern ihn, und damit verliert das Leben für ihn allen Wert. Diese Entfremdung wird kaum wahrgenommen, denn die Anti-Aging-Werbung suggeriert, das Altern sei ein vermeidbares Schicksal.

Das Wissen vom ewigen Sein

Vielleicht verdrängen die Menschen den Gedanken an den Tod, weil sie eine tiefe Sehnsucht nach ewigem Glück, Frieden und Harmonie in sich tragen, die sie nicht erfüllen können. Woher kommt diese Sehnsucht, die einem inneren Wissen gleicht und oft so seltsame Blüten treibt? Dieses innere Wissen beweist, dass es tatsächlich etwas Ewiges, Göttliches im Menschen gibt. Es liegt wie ein Samenkorn, das noch aufblühen muss, im Herzen des Menschen geborgen. Wer es entdeckt, findet einen neuen Lebenssinn, wendet sich nach innen, diesem Samen zu, und schöpft dann aus einer Tiefe, die zur Umkehr sämtlicher Werte führt: Die Prioritäten verschieben sich. Stille und Gelassenheit bringen den innersten Lebenskern zum Aufblühen.

Die Erkenntnis, dass nicht das gut gepflegte Ego, für dessen Erhalt man soviel Aufwand betreibt, ewig leben wird, sondern vielmehr das aus dem Samen neu entstehende Leben, verändert die gesamte Ausrichtung des Menschen. Dieser Same wächst durch Hingabe und Sehnsucht und kann sich durch die Persönlichkeit des Menschen in der Welt ausdrücken.

Wer dem wachsenden Leben in sich dient, empfindet die Verbundenheit mit allem Geschaffenen. Eine tiefe, alles und alle umfassende Liebe, die nicht auf das persönliche Leben allein beschränkt ist, erfüllt solche dienenden Menschen. In ihnen wächst ein Friede, der allen Verstand übersteigt. Wer zu diesem Seelenfrieden gefunden hat, verbreitet ihn – ohne es aktiv zu wollen – in seiner Umgebung. Er verströmt ihn, weil er selbst darin atmet.

Ein Tod ohne Schrecken

Für einen solchen Menschen verliert der Tod seinen Stachel, weil er sich eingebunden weiß in einen anderen, viel höheren Prozess von Blühen, Wachsen, Frucht tragen und Ablegen der äußeren Hülle, wenn sie nicht mehr nötig ist. Schmerz, Krankheit, Leid und Verlust bleiben nicht aus, aber sie können leichter ertragen werden. Denn es ist eine innere Gewissheit geworden, dass nichts vergebens ist: Das Leben schreitet fort und findet Ausdruck in immer neuen Formen.

Tod und Sterben verlieren ihren Schrecken wie bei der Raupe, die dem Schmetterling entgegenlebt, bis sie eins mit ihm wird. In der heiligen Schrift der Hindus, der Bhagavad Gita, heißt es: „Erkenne, dass das eine Leben alle Formen durchdringt und mit seinem Leben erfüllt und dass es in Wirklichkeit keinen Tod, keine Traurigkeit und keine Trennung gibt.“

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