Tod und Sterben - Rosenkreuzer sehen manches anders

Ist der Tod Ende oder Beginn einer langen Reise? Kehrt der Mensch zurück, erwartet ihn ewiges Leben? Es sind existenzielle Fragen, die der Tod eines geliebten Menschen hervorruft. Die Rosenkreuzer haben ein ganz anderes Verständnis des Todes.

Als sie die Augen schloss und ein letztes Mal nach Luft rang, wurde es still. Der Tod war im Raum, und es breitete sich eine unendliche Traurigkeit aus. Meine Mutter war eigentlich zu jung, um zu sterben. Eine Welt brach zusammen, während draußen das Leben weiter lief. Daneben gab es ein tiefes, ungewohntes Gefühl in mir, dass alles gut so ist, wie es ist. Die Ruhe dieses bedingungslosen Annehmens und die Trauer über den Verlust existierten nebeneinander. Sie vermischten sich nicht in meinem Herzen. Jene merkwürdige Ruhe bewahrte mich nur davor, zu versinken im Sog der sich ausbreitenden Trauer. Was war das?

„Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust.“ Johann Wolfgang Goethes Seufzer fiel mir ein, als ich dieses Phänomen in meinem Inneren wahrnahm. Es schienen zwei Wesen zu sein, die sich in mir ausdrückten. Welches gehörte zu mir?

Die Ursache des Todes

Eine Antwort gibt es in der Universellen Weisheitslehre, die als Kern in allen Religionen verborgen liegt. Dort wird vom Menschen als Mikrokosmos gesprochen, in dem eine Persönlichkeit wohnt; also in einer Art Haus, das viel älter ist, als ein Sterblicher je werden kann. In seiner Mitte hat es einen Geistfunken, der mit dem Reich des ewigen Lebens verbunden ist. Dieser ruft den sterblichen Menschen, sich ihm zuzuwenden, ihm Raum zu geben und die Persönlichkeit ganz in seinen Dienst zu stellen - und ihm so die Rückkehr ins Königreich der unsterblichen Seelen zu ermöglichen.

Oft wird diese Stimme nicht gehört. Doch wenn Trauer und Schmerz großsind, können Menschen empfänglich dafür werden. Dann sprechen plötzlich zwei Seelen in ihrer Brust: die des Ichs und die latente, noch schlafende Seele aus dem Reich der Ewigkeit - jenem Ort, wo es keinen Tod gibt, nur ewiges Werden. Doch dorthin kann das Ich nicht gelangen. Der Mikrokosmos ist ein Gefäß, in dem zwei Welten aufeinandertreffen, die sich aber nicht miteinander verbinden können. Nur der Geistfunke kann wieder den Weg zurück zum Ursprung finden. Er ist fundamental so anders als das Ich, vibriert dermaßen hoch, dass er immer nur für die Dauer eines Menschenlebens mit einem sterblichen Körper verbunden bleiben kann. Das ist die eigentliche Ursache des Todes.

Die Trauer gehörte zu mir, die Ruhe zur Ewigkeit

Was war nun passiert, als meine Mutter starb? Als gläubige Frau hatte sie für sich den Himmel erhofft nach dem Tod. Ein Gedanke, der mir immer fremd geblieben war - konnte ich mir doch darunter nichts vorstellen. Während ihr Körper noch still dort auf dem Bett lag, war sie mit ihrem Gemüt weiterhin anwesend, spürte ich ihre Gegenwart, auch wenn sich kein Leben mehr regte. Sie schien noch im Raum zu sein, als wir Zurückgebliebenen weinten - und doch gab es keinen Kontakt. Sie war nah - und doch nicht zu erreichen.

Über die Wochen und Monate danach musste ich mich zurecht finden in einer Welt, die sich einfach weiter drehte. Eingepackt wie in Watte verging der Alltag, doch die Gedanken waren bei ihr. Und ich begriff: Die Trauer gehörte zu mir, die Ruhe dagegen zur Ewigkeit. Und irgendwann trug sich eine Begebenheit zu, in der sie plötzlich fehlte. Dort war sie sonst immer präsent gewesen, hatte Rat gegeben. Jetzt stand ich allein. Und irgendwann wurde sie Erinnerung. Wo ist sie?

Der Kreislauf von Leben und Tod

Der Mensch hat im Diesseits gelebt und ist im Jenseits vergangen, sagen die Rosenkreuzer. Was bleibt, ist der Funke der Ewigkeit und das Haus, in dessen Mitte er wohnte, heißt es in der Universellen Weisheitslehre. Der sterbliche Mensch war nur Gast darin. Es gibt nur eine Frage, die Gott an ihn am Ende des Lebens richtet: Hat er seine Zeit als Bewohner des Mikrokosmos genutzt und sich in den Dienst des Rufes aus der Ewigkeit gestellt? Oder hat er diese Stimme immer beiseite geschoben?

Die Reaktion des sterblichen Menschen auf diese eine große Aufgabe seines Lebens bleibt nach seinem Tod als Erinnerung in dem Haus, dem Mikrokosmos, aufgezeichnet. Wenn der Mikrokosmos erneut inkarniert - ein neues Menschenwesen in ihn hinein geboren wird, er also einen neuen Bewohner erhält - bekommt dieser das Erbe seiner Vorgänger mit auf den Lebensweg. Und wieder hat er die Chance, auf die Stimme der Ewigkeit zu reagieren. Das ist der sich stetig wiederholende Kreislauf von Leben und Tod.

Folge ich der Stimme des Herzens, wartet das Leben

Wo ist der Sinn dieser endlosen Schleife? Wenn ich an meine Mutter denke, weiß ich nicht, ob sie jene Stimme in ihrem Wesen gehört hat. Ist sie ihr gefolgt, hat sie ihr Leben in ihren Dienst gestellt? Wer kennt diese Antwort schon? Nur Gott allein.

Ich schaue auf mich: Was tue ich? Die Erkenntnis kam ohne Vorwarnung: Wenn ich der Trauer in mir folge und mein Leben dem Ich widme, entscheide ich mich für den Tod. Doch folgte ich der Ruhe aus der Tiefe meines Wesens, so wartet das Leben. Lausche ich der Stimme des Geistfunkens, der Rose des Herzens, und folge ihr, betrete ich den Weg, der nach Hause führt.

Rückkehr ins Reich der Ewigkeit

Wenn der Mensch erkennt, dass er dem Kreislauf von Leben und Tod nicht entrinnen kann, aber gleichzeitig die Sehnsucht spürt, nach Hause zu kommen, kann er eine Tür in seinem Inneren öffnen, sagt die Universelle Weisheitslehre. Dann erkennt er, dass sein tiefstes Wesen einer Welt der Ewigkeit und Unsterblichkeit angehört, die hinter dem Diesseits und dem Jenseits liegt, auf einer ganz anderen Schwingungsebene. Es ist die Welt der Seele und des Geistes. Das Ich hat darauf keinen Zugriff, aber das Licht, das von dort aus in diese Welt strahlt, kann über die Rose des Herzens zum Menschen sprechen, wenn er sich dafür öffnet.

Der Schmerz bleibt, der Weg zum Licht öffnet sich

Das Wissen um diese Universelle Weiheitslehre hat mir meine unsagbar tiefe Trauer nicht genommen. Doch das gleichzeitige Empfinden des Lichts aus meinem Inneren hat mich den Schmerz überleben lassen. Wenn ich mich dorthin umwende, bleibt das Gefühl des Verlustes eines geliebten Menschen - und doch gibt es daneben ganz viel Licht, das dem Tod das Dunkle, das Sinnlose nimmt. Und der Weg zum Licht, der sich durch mein Herz erschließt, überwindet auch den Tod, weil er ins Reich der Ewigkeit führt.

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