Plotin – Sich selbst erringen. Der Weg zum Einen

Das Plotin-Projekt des Magazins LOGON. Beginn 22. Juli 2020. Näheres unter www.logon.media

22. Juli 2020: Ab heute steht die Einladung online

Plotin lebte von 204 bis 270 n. Chr., als spiritueller Lehrer und Befründer des Neoplatonismus lebte er in Rom. Als Mensch in der Vollendung war er, dem Weg des Christus sehr nahe. Seine Lehre vom „Einen“ spielte bei der Formulierung der Schriften des Neuen Testaments eine wichtige Rolle.

Das Transzendente im Menschen

Karl Jaspers (1883-1969), einer der großen Philosophen des 20. Jahrhunderts, nennt Plotin „eine ewige Gestalt des Abendlandes“, die in ihrer „Überzeitlichkeit“ strahlt. Durch Plotin erfährt die Seele, „was sie eigentlich ist“, nämlich etwas, „was kein weiteres Ziel über sich hinaus hat. Plotins Schriften, so Jaspers, sind „ein unüberbotenes Zeugnis für diese ursprüngliche Erfahrung“. Es geht bei ihnen um ein „Erwachen […] zu einem anderen Dasein, in dem ich über mein als zeitlich-räumlich und denkend erfahrenes Dasein hinausgelange“. (Jaspers, Die großen Philosophen).

Plotin ist der erste Philosoph der Antike, der ausführlich über Erfahrungen des Transzendenten berichtet. „Mit sterblichen Augen kannst du das Transzendente nicht erblicken. Denn es ist nicht so anzusehen wie die Sinnendinge. Du musst es mit dem Organ wahrnehmen, das dem Wahrzunehmenden entspricht“ (Enneade V 5, 11 und 12). „Wende deinen Wahrnehmungssinn nach innen, so wie jemand, der auf eine Stimme lauscht, die er hören möchte, sich allen anderen Stimmen gegenüber verschließt und sein Ohr horchen lässt“ (V 1, 12).  

Die Seele – das Ganze

Plotin bezeichnet den Menschen insgesamt als Seele. Die Seele hat verschiedene Vermögen, verschiedene Aspekte und Teile. Wir als Mensch sind das Ganze. Alle Seelenteile bilden eine Einheit. Unser oberster Teil der Seele verbleibt immer in der „wahren Wirklichkeit“, in der noetischen Welt (IV 7, 13). Damit meint Plotin die Sphäre, die in den Religionen als „Himmel“ oder „Paradies“ bezeichnet wird. In ihr vereinen wir uns mit der „wahren Unendlichkeit. Sie ist ein verborgener Aspekt von uns, das „Reich Gottes“ in uns.

In unserem jetzigen Zustand erleben wir uns als physisches Wesen. Wie kommt eine körperliche Form, wie wir sie besitzen, zustande? Plotin: Der oberste Teil der Seele strahlt Licht aus, nicht-physische Abbilder und bringt dadurch Seelenteile, Seelenvermögen hervor. Diese Abbilder im Licht erzeugen, strukturieren, organisieren und beleben den physischen Körper. Wir erzeugen uns quasi selbst aus unseren höchsten Aspekt heraus (I 1, 7 und 8).

Das Sein der Seele umfasst vieles, ja alles, das obere wie das untere, bis hinab, so weit das Leben in jeglicher Form reicht. „Mit den unteren Seelenteilen berühren wir diese Erdenwelt, mit den oberen die Sphäre des göttlichen Geistes. Mit unserem geistigen Teil verharren wir ganz in der oberen Welt. Nur mit dem letzten Stück unserer Seele sind wir gefesselt an die untere Welt.“ „Wir leiten gewissermaßen einen Ausfluss des Oberen in die untere Welt, oder genauer gesagt: eine Wirkungskraft, eine Energie (energeia), wobei das Obere sich nicht mindert“ (III 4, 3).

Was der oberste Seelenteil schaut, dringt nur deshalb nicht ins Bewusstsein, so Plotin, weil das, was in der Sinnenwelt ist, meist die Oberhand hat. Deshalb, so schreibt er immer wieder, muss man sich von allem, was außen ist, zurückziehen und sich völlig in das Innere wenden (VI 9, 7). „Wir können uns mit dem Teil der Seele, der nicht vom Leib überdeckt ist, erheben und in die geliebte Heimat gelangen, in unser Vaterland, von wo wir gekommen sind“ und wo „unser Vater“ weilt (I 6, 8).

Das Selbst – die transzendente Wirklichkeit  

Plotin bezeugt, er habe das „viele Male“ erlebt. „Immer wieder, wenn ich aus dem Leib aufwache in mich selbst, lasse ich das andere hinter mir und trete ein in mein Selbst; ich sehe eine wunderbar gewaltige Schönheit und vertraue in solchem Augenblick darauf, ganz eigentlich zum höheren Bereich zu gehören.“ „Ich verwirkliche dann höchstes Leben, bin eins mit dem Göttlichen und auf seinem Fundament gegründet; denn ich bin gelangt zur höheren Wirksamkeit, zur transzendenten Wirklichkeit“ (IV 8, 1).

Sie ist ein geistiger Raum. In diesem Geistes-Ort, so Plotin, befindet sich all das Geistige als Ganzes und Gesamtes, und dort befinden sich auch die von ihm umschlossenen geistigen Kräfte, die individuellen Geistwesen. Denn der Geist, der Nous, den Plotin auch als Gott bezeichnet, ist nicht Einheit allein, sondern Einheit und Vielheit.

Diese Welt des göttlichen Geistes, des Nous, ist das eigentliche und wahre Sein und beinhaltet das vollkommene, das wahre und eigentliche Leben. In ihm sind Denken und Sein dasselbe. „Alles ist dort durchsichtig und es gibt kein Dunkles, Widerständiges, sondern ein jeder und jedes ist für jeden sichtbar bis ins Innere hinein, denn Licht ist dem Lichte durchsichtig. Es trägt ja auch jeder alle Dinge in sich, und sieht andererseits auch im anderen alle Dinge. Überall sind daher alle Dinge da und jeder ist alles. Das Einzelne ist das Ganze, und unermesslich ist das Leuchten. Denn jegliches Ding von ihnen ist groß, auch das Kleine ist dort groß. Es überwiegt wohl in jedem Einzelnen etwas Besonderes, es werden aber in ihm zugleich auch alle anderen Dinge sichtbar“ (V 8, 4 und 9, 5).

Es empfängt aber nicht jeder, so Plotin, stets die gleiche Schau. Der eine sieht vielleicht die Quelle und den Inbegriff der Gerechtigkeit hervorleuchten, ein anderer erfüllt sich mit dem Anblick der Besonnenheit und Selbstbeherrschung – nicht einer Selbstbeherrschung, wie die Menschen sie im Allgemeinen in sich tragen. Denn diese irdische ist nur ein Abbild derer, die man oben wahrnimmt.

Das Eine

Der göttliche Geist, die geistige Welt, ist nach Plotins Erkenntnis nicht „das Erste“, sondern sie ist dem Ersten nur nahe. Dieses Erste, das „über allem liegt und sozusagen die ganze Ausdehnung von allem durchmisst“, bekommen schließlich nach vielem Schauen jene zu Gesicht, die von Liebe getrieben sind. „Sie sind nicht mehr bloß Schauende: Denn da gibt es nicht mehr hier das Objekt draußen und dort das es von außen sehende Subjekt“, sondern man muss „Jenes erblicken als Einheit und es erblicken als das eigene Selbst“ (V 8, 10).

Plotin erläutert, dass wir uns dort, wo unser eigener Mittelpunkt ist, mit dem Mittelpunkt aller Dinge berühren können. Wir erleben dann höchste Glückseligkeit. Dieses Eine ist für keinen draußen, sondern ist bei allen, ohne dass sie es wissen. Sie selbst sind es, die aus ihm herausfliehen; oder richtiger, aus sich selbst herausfliehen. Dann können sie „denjenigen, von dem sie geflohen sind, nicht erfassen. Sie haben sich selbst verloren“ (VI 9, 4 und 7).  

Dem Einen ähnlich werden

Wir können dieses Eine erfahren, wenn wir uns wieder in dem Zustand befinden, in dem wir „von ihm ausgegangen“ sind. Jenes ist „für diejenigen gegenwärtig, welche es aufnehmen können und gerüstet sind, dass sie zu ihm passen und es gleichsam anfassen und berühren können durch ihre Wesensähnlichkeit“. Deshalb: „Tu alles fort, lass jeden Begriff beiseite. Werde still und warte, bis es erscheint. Es gilt, auch das Wissen von sich selbst auslöschend, in die Schau Jenes einzutreten“ (V 5, 8).
 
„Aus sich treten (ekstasis), sich selbst einfach machen, hin streben zur Berührung und stille stehen, bedacht sein auf Anpassung; nur so kann man das in der innersten Kammer erblicken.“ Plotin spricht von der Liebe und der Sehnsucht nach der Vereinigung mit dem Einen und davon, wie „lustvoll“ die Erschütterung ist, wenn dieses Einssein stattfindet.
Der Mensch liebt dann die wahre Liebe. Von jenem Ersten, dem gestaltlosen ursprünglich Schönen werden gewaltige Sehnsuchtskräfte erregt. Sie führen dazu, dass die Seele, wenn sie hiervon ergriffen ist, jede Form ablegt, die sie hat, auch jede geistige Form. Denn man kann Jenes nicht erblicken oder sich ihm anpassen, wenn man noch etwas anderes in sich trägt oder sich damit befasst. Man „darf nichts haben, damit die Seele für sich allein Jenes aufnehmen kann“ (VI 7, 34).

Immer wieder betont Plotin die Notwendigkeit, sich Jenem ähnlich zu machen. „Kein Auge könnte je die Sonne sehen, wäre es nicht sonnenhaft; so sieht auch keine Seele das Schöne, welche nicht schön geworden ist.“ Wenn jemand Gott schauen will, muss er Gott ähnlich geworden sein, das bedeutet heilig und gerecht auf Grund von Einsicht und Weisheit. „Kehre ein zu dir selbst und sieh dich an. Und wenn du siehst, dass du noch nicht schön bist, so tu wie der Bildhauer, der von einer Skulptur, welche schön werden soll, hier etwas fortmeißelt, hier etwas ebnet, dies glättet und klärt, bis er das schöne Antlitz an der Skulptur vollbracht hat. So meißle auch du fort, was unnütz ist und richte, was krumm ist. Säubere das Dunkle und mach es hell, und lass nicht ab, bis dir der göttliche Glanz der Tugend hervorstrahlt“ (I 6, 9).

Die transzendente Wirklichkeit – die heilige Kammer

Es gilt, mit reinem Geiste, ja mit der obersten Schicht des Geistes, auf das Reinste zu schauen. So kannst du Gott schauen. „Wenn also von Jenem her gleichsam ein wärmender Strahl in die Seele dringt, dann erstarkt sie und wird wach. Dann wird sie wahrhaft beflügelt und schwingt sich empor zum Guten, und zwar mit Hilfe des Guten, das ihr das Liebesverlangen, die Liebe eingab“ (VI 7,22).

„Du bist dann rein und allein mit dir selbst zusammen, und nichts hemmt dich auf diesem Wege, eins zu werden, und keine fremde Beimischung hast du mehr in deinem Innern. Du bist ganz und gar reines, wahres Licht, nicht durch Größe gemessen, nicht durch Gestalt in engen Grenzen gehalten, auch nicht durch Unbegrenztheit zu Größe erweitert, sondern gänzlich unmessbar, größer als jedes Maß und erhaben über jedes Wieviel. Wenn du, so geworden, dich selbst erblickst, bist du selber Sehkraft, gewinnst Zutrauen zu dir und bist so hoch gestiegen und brauchst nun keine Weisung mehr“ (I 6, 9). Du bist in das Innere der unbetretbaren heiligen Kammer eingetreten.  

Anmerkung:
Die Auswahl der Textstellen aus dem Werk Plotins erfolgte nach der Darstellung von Plotins Philosophie in: Gerda Lier, Das Unsterblichkeitsproblem Teil 1, Göttingen, 2010, S. 635 ff.

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