Offenbarung und Philosophie bei Jacob Böhme

Das brennende Rad der Zornwelt

Jacob Böhme war ein erleuchteter Mystiker und Theosoph. Seine Vision vom „brennenden Rad der Zornwelt“ (das ist für Böhme die Menschenwelt) und seine Kosmologie mitsamt der Offenbarung der göttlichen Natur verschmelzen zur Schau einer von Gott begnadeten Seele.

„Mensch, wo du deinen Geist schwingst über Ort und Zeit,
so kannst du jeden Blick sein in der Ewigkeit.
Ich selbst bin Ewigkeit, wann ich die Zeit verlasse
und mich in Gott und Gott in mich zusammenfasse.“

(Angelus Silesius, 1624‑1677)

Mystiker und wegweisender Philosoph

Wer meint, die Wellen seiner geistigen Explosion von vor vier Jahrhunderten seien nun verebbt und würden nur noch abgestorben und unwirksam in vergilbten Büchern von vielleicht historischem oder antiquarischem Wert beschrieben, unterliegt einem gewaltigen Irrtum. Wer sich auf den Zusammenhang und die Macht der geistigen Impulse in der westlichen Welt besinnt, wird das Auftreten Jacob Böhmes als einen Kulminations- und Wendepunkt in der geistigen Entwicklung Europas sehen. In diesem Brennpunkt werden alle vorherigen Weisheitsströmungen und -systeme wie Gnosis, Christentum und Hermetismus in einer Synthese vereinigt, um erneut mit dem westlichen Menschen verbunden zu werden.

Man sollte deshalb Jacob Böhme nicht nur als Mystiker betrachten, denn auch sein Einfluss auf die frühneuzeitliche europäische Philosophie wirkte tief und wirkte oft unterschwellig auf die sich daraus entwickelnde westliche Zivilisation.

Der Begriff Mystik deutet auf das Verschließen der Sinne vor der äußeren Welt hin. Der Mensch wird nicht mehr von den Sinnesorganen geleitet. Im wahren Mystiker ist die Verbindung mit dem unteilbaren Innersten wieder hergestellt. In dieser Verbindung lebt kein Verlangen mehr nach dem Zauber des äußeren Bildes, das aus dem Gegensätzlichen und der Mannigfaltigkeit entstanden ist. So heißt es bei Böhme:

„Wenn du aus aller Kreatur ausgehst und aller Natur und Kreatur ein Nichts wirst, so bist du in dem ewigen Einen, das ist Gott selber, so empfindest du der Liebe höchste Tugend.“

Philosophus teutonicus

Andererseits erwies Böhme seine Größe, indem er die Brücke zwischen dem inneren Grund des Alls, dem ‘Ungrund‘, dem Ain Soph der Kabbala, und dem Äußeren, dem sinnesorganischen Universum, schlug. Darum war er nicht nur Mystiker, sondern wurde auch der so genannte ‚Philosophus teutonicus‘. Und diese Leistung war es vor allem, die große eigenständige Denker wie zum Beispiel Schelling, Novalis, Hegel und Schopenhauer ansprach.

Der bedeutende idealistische Philosoph Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling schrieb: „Man kann nicht umhin, von Jacob Böhme zu sagen, er sei eine Wundererscheinung in der Geschichte der Menschheit und besonders in der Geschichte des deutschen Geistes.“ Sein Kollege Georg Wilhelm Friedrich Hegel äußerte in seiner „Geschichte der Philosophie“: „Jakob Böhme ist der erste deutsche Philosoph; der Inhalt seines Philosophierens ist ächt deutsch.“ 1)

„In einem gewissen Sinn kann man die Philosophie des deutschen Idealismus als eine Böhme-Renaissance bezeichnen, da Böhme fast gleichzeitig von Schelling, Hegel, Franz von Baader, Tieck, Novalis und von vielen anderen entdeckt worden ist“, so der Philosophiehistoriker Ernst Benz. 2)

Der amerikanische Historiker William Bossenbrook sagt es so: „Böhme ist das wichtigste Bindeglied in der Reihe der Denker, die sich von Eckhart bis Hegel erstreckt; er verband die Ideen von [Meister] Eckhart, Nikolaus von Kues, Paracelsus und Luther und formte sie zu einer Theosophie um, die im Laufe der Säkularisierung ... jene Merkmale annahm, die im allgemeinen als der spezifisch deutsche Beitrag zur Philosophie angesehen werden.“ 3)

Offenbarung aus dem Urgrund

Die Bedingungen und die Beschaffenheit, die nötig sind, um die Verbindung zwischen dem Inneren und dem Äußeren wieder herzustellen, beschrieb Böhme unter anderem in der Schrift „Vom übersinnlichen Leben“. Seine Worte sind frei von vager, gefühlsmäßiger, auf Autoritätsglauben beruhender Hingabe des Menschen an eine höhere Macht. Er mobilisiert das Tiefste, das Intimste, das Eigentlichste im Menschen, in dem keine Verschiedenheit und keine Geteiltheit herrschen.

„Wenn du vom Sinnen und Wollen deiner Selbstheit still stehst, so wird in dir das ewige Hören, Sehen und Sprechen offenbar und hört und sieht Gott durch dich. Dein eigenes Hören, Wollen und Sehen hindert dich, so dass du Gott weder siehst noch hörst. [...] Wenn du still schweigst, so bist du, was Gott vor Natur und Kreatur war, daraus Er deine Natur und Kreatur erschuf. So hörst und siehst du es mit dem Organ, mit dem Gott in dir sah und hörte, ehe dein eigenes Wollen, Sehen und Hören anfing.“ 4)

Darin wurzelt das Werk Böhmes: Nicht nur in der Überlieferung, sondern auch in der Offenbarung aus dem Urgrund, dem ‚Ungrund’, in dem es keine Trennung, keine negativen Strömungen gibt.

Das Mysterium des Lebens

Böhme schaute das Wesen der Erscheinungen und verband es mit dem inneren Grund. Er erkannte und erklärte, wo diese Verbindung unterbrochen ist. In diesem Zusammenhang sprach er über das luziferische Feuer, das im Wahnsinn menschlicher Verstiegenheiten brennt, über die Verblendung und den Hochmut des Lebens, das sich lediglich im Äußeren behauptet.

Dieses Leben kann sich nur, ja, muss sich vermehren, aussäen, modifizieren, vergrößern und aufblasen in zügelloser Wut und Triebhaftigkeit. Es bleibt aber immer dem verzehrenden Feuer unterworfen, das von Böhme das Zornfeuer Gottes, „das 1. Prinzip“, genannt wurde. Klingt das beim ersten Hören zu abstrakt, so sollte man einen Blick auf das werfen, was sich täglich in der Welt ringsum abspielt, um zu sehen, was Böhme meinte.

Dem luziferischen Leben fehlt der strukturelle Zusammenhang, die Integrität. Es existiert und parasitiert in und von einem erhabenen Organismus, dessen Wirkung zwar wahrnehmbar ist, jedoch kaum verstanden wird. Viele vermuten von innen her, dass ein solcher erhabener Organismus existiert, aber sie kennen ihn noch nicht. Das luziferische Dasein pervertiert alles in seiner bösartigen Wucherung und dem feurigen Brand. Es will und kann auch nicht anders.

Die gleiche Kraft wuchert auch im Menschen und hindert ihn daran, Erkenntnis des einigenden Lichtes Christi zu erlangen und sich damit zu verbinden. Böhme bezeichnete dieses Licht als „das 2. Prinzip“ Es ist ebenfalls im Menschen vorhanden, wenn auch vorläufig nicht aktiv. Denn das luziferische Feuer verblendet den Menschen mit seiner suggestiven Einbildungskraft und treibt den Willen an, selbst zu bestimmen, was richtig und was falsch, was wahr und was unwahr ist. Es drängt ihn, das Mysterium des Lebens mit dem bloßen Verstand zu ergründen und die Natur seiner Herrschaft zu unterwerfen.

„O, Adam, wärest du doch nicht auf den stolzen Thron der Begierde gestiegen! Wärest du im Paradies geblieben! Was nützt es dir, dass du in einer fremden Welt über Gott hin fährst! Solltest du nicht besser in Gott sein? Das luziferische Feuer verhöhnt (und kann auch nicht anders) das sanfte Licht, dem sich der Mensch, der sich verloren weiß, (in Gelassenheit) anvertraut..“ 5)

Die Fesseln der äußeren Geburt

Dadurch bleibt der Mensch an die äußere Geburt gebunden, in der er — vom leuchtenden Kreuz des Christus getrennt — im Feuer des ersten Prinzips brennt, in der Zornwelt, dem Reich der Finsternis. Es ist das brennende ‚Rad‘, das in Härte, Schärfe, Kälte, Bitterkeit und Furcht besteht, in dem die Gegensätze ewig miteinander in Streit und Angst verbunden sind. Hochmut, Gier, Neid und Zorn sind die vier Elemente des Feuers, sagt Böhme, mit dem der eigenwillige Mensch bis in seinen Kern infiziert ist.

Seine Erhebung im Stolz bedeutet, alles zerbrechen, über alles herrschen, alles verzehren zu wollen. Die Lüge ist seine einzige Wahrheit, der Eigenwille leugnet die Wahrheit und richtet sich damit selbstzerstörerisch gegen sich selbst. Darum sagt Christus, dass der Teufel der Vater der Lüge ist, denn sein Fundament ist nur das Nein, ein Der-Wahrheit-Widersprechen.

Es ist wichtig zu verstehen, dass Böhme in seiner Kosmologie eine rein geistige Entwicklung erkennt, eine Schöpfung, die sich aus dem ewigen Nichts, dem ‚Ungrund’, offenbart und sich in einem Prozess der ewigen Entwicklung dynamisch fortsetzt. Der Verstand kann diesen Prozess nicht erfassen, weil er in Gegensätzen gefangen ist. Er kann nur in Gegensätzen denken. Dadurch ist der von ihm gebildete Begriff immer nur äußerlich. Es fehlt der Zusammenhang mit dem Quell des Daseins. Der Verstand ist auch nicht hermetisch (im Sinne des Hermes Trismegistos), weil ihm die Gnosis fehlt, das Wissen aus der inneren Schau. Der Schuhmachermeister Böhme dachte hermetisch, nicht wie ein Wissenschaftler, sondern als eine von Gott begnadete Seele.


Reproduktionen aus Böhmes Werken mit freundlicher Genehmigung der Bibliotheca Philosohica Hermetica, Amsterdam

Zitierte Literatur:

  1. zitiert nach E.-H. Lemper, Jakob Böhme, Berlin/DDR 1976, S. 138
  2. zitiert nach G. Wehr: Jakob Böhme, Reinbek 1971, S. 128
  3. William Bossenbrook, amerikan. Historiker, zitiert nach Wehr: a.a.O., S. 144
  4. Vom übersinnlichen Leben, Ogham-Verlag, Stuttgart 1986, S. 25.
  5. Die Rute des Treibers zerbrochen ... Aus: Jacob Böhme, Vierzig Fragen über die Seele. Rozekruis Pers, Haarlem

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