Jacob Böhme – das Leben eines Mystikers

Jacob Böhme (1575‑1624) war ein Bauernsohn und wurde Schuhmachermeister, später Garnhändler, im niederschlesischen Görlitz. Die Größe seiner reformatorischen Leistung wird besonders dann deutlich, wenn der Blick auf seine Lebensumstände fällt: Der inspirierte Schuster war nicht nur Philosoph und Mystiker, sondern auch tatkräftiger Zunftmeister, Stadtbürger und Familienvater. Ein solcher Alltag ließ für die Entwicklung und Niederschrift großer Gedanken nur wenige Stunden übrig. Jacob Böhme, unter dem schöpferischen Druck seiner Offenbarungserlebnisse stehend, nutzte sie.

Böhme wurde im Jahre 1575 in dem südlich von Görlitz gelegenen Alt-Seidenberg (heute Stary Zawidow) als Kind eines begüterten Freibauern geboren. Als die Eltern des jungen Jacob bemerkten, dass er seiner schwachen Konstitution wegen für den Bauernberuf nicht geeignet war, schickten sie ihn in die Schule nach Seidenberg und später in die dreijährige Schusterlehre. Der empfindsame und geistig rege Knabe wuchs in der Zeit auf, als in der Oberlausitz und in Schlesien die Lehren von Paracelsus und die der Mystiker große und nachhaltige Verbreitung fanden.

Nach der üblichen zweijährigen Wanderzeit, die den Schustergesellen möglicherweise durch die Oberlausitz, Niederschlesien und Nordböhmen führte, ließ sich Jacob Böhme in Görlitz nieder. Dort erlangte er die Meisterrechte, wurde in die Schuhmacherzunft aufgenommen und erwarb 1599 das Bürgerrecht.

Gemäß der mit dem Bürgerrechtserwerb einhergehenden Pflicht, sich innerhalb eines halben Jahres zu verehelichen und einen eigenen Hausstand zu gründen, heiratete der frisch gebackene Schustermeister die Görlitzer Bürgertochter Katharina Kuntzschmann.

In den Jahren 1600, 1602 und 1603 erblickten die drei ersten Söhne Jakob, Michael und Tobias in Böhmes Haus das Licht der Welt. Der Unterhalt der wachsenden Familie erforderte vom Vater Jacob erhebliche Anstrengungen, und er wurde allerseits als solider Ehemann und fürsorglicher Vater gerühmt. Obwohl er auch bereit war, energisch für die materiellen Belange seiner Schuster-Innung einzustehen, waren seine Gedanken auf die philosophischen Erkenntnisprobleme, auf die Fragen nach dem Guten und dem Bösen als strukturellen Elementen des Daseins, auf die Fragen nach dem „rechten“, für das äußere Auge unsichtbaren, Himmel gerichtet.

Böhmes spiritueller Durchbruch

Im Jahre 1600, als sein erster Sohn geboren wurde, erlebte Jacob Böhme etwas, was sein ganzes weiteres Leben bestimmen sollte: eine geistige Vision, die man auch „Erleuchtung“ nennt. Viele Jahre später beschrieb er mit eigenen Worten diese übersinnliche Erfahrung: „… ist mir die Pforte eröffnet worden, dass ich in einer Viertelstunde mehr gesehen und gewusst habe, als wenn ich wäre viel Jahr auf hohen Schulen gewesen … ich sahe und erkannte das Wesen aller Wesen, den Grund und den Ungrund; item die Geburt der Hl. Dreifaltigkeit, das Herkommen und den Urstand dieser Welt …“ (aus Böhmes „Theosophische Sendbriefe“).

Aurora oder die Morgenröte im Aufgang

Im Jahre 1612 kam es auch zum entscheidenden Durchbruch in seinem äußeren Leben. Nach zwölfjährigen stillen Betrachtungen und Studien schrieb er vom 27. Januar bis 3. Juni sein erstes Werk „Aurora oder die Morgenröte im Aufgang“. Dieses universelle Werk enthält schon alle wesentlichen Anschauungen seiner späteren Traktate. Viele Leser halten es für sein bedeutendstes. Es veränderte sein Leben.

Während der Arbeit an "Aurora" fasste Böhme einen weitreichenden Entschluss: Obwohl er Mittelpunkt seiner Zunft war, verkaufte er im März 1613 sein Geschäft und beendete damit seine Laufbahn als Schuster. Seit langem wusste er, dass dieser Beruf nicht seine Berufung war. Böhme wollte sich von den Zunftbindungen unabhängig machen, um sich schriftstellerischer Tätigkeit widmen zu können. Von nun an bestritten er und seine Frau ihren Lebensunterhalt durch Handel mit Garnen. Materielle Unterstützung wurde ihnen auch von wohlhabenden Freunden gewährt.

Das Manuskript von „Aurora“ fand großes Interesse bei Karl Ender von Sercha, einem Gutsherrn in der Görlitzer Gegend, der sich für die Philosophie interessierte, die Werke des Paracelsus kannte und der nach einem Bindeglied zwischen dem Glauben und der Wissenschaft suchte. Von Sercha ließ das unvollendete Manuskript abschreiben.

Im Jahre 1613 waren in Niederschlesien und in der Oberlausitz schon einige Abschriften im Umlauf. Eine gelangte in die Hände des Oberpfarrers Gregor Richter, eines Vertreters der lutherischen Orthodoxie. Er kanzelte Böhme als gefährlichen Abweichler öffentlich ab, diffamierte den ehrbaren Kirchgänger. Sein „Aurora“-Manuskript wurde darauf hin von den Stadtbehörden beschlagnahmt, und er bekam Schreibverbot. Der geachtete, friedliche Bürger wurde über Nacht zu einem Unruhestifter.

Böhme und die Rosenkreuzer

Die „Aurora“ fand also 1613 ihre ersten Leser. Ein Jahr später erschien in Kassel die erste Rosenkreuzerschrift „Allgemeine und Generalreformation der ganzen weiten Welt“. Auffälligerweise begann das rosenkreuzerische Schrifttum eben zu jenem Zeitpunkt zu erscheinen, da einerseits Galileo Galilei, im Konflikt mit der alten Kirche, das neue Weltbild des Kopernikus untermauerte, andererseits Böhmes „Aurora“ in Umlauf kam. Dieses Zusammentreffen war gewiss nicht zufällig.

Die Rosenkreuzer und Böhme: Gemeinsam war ihnen die Einsicht in die Notwendigkeit einer Generalreformation als Anbruch eines neuen Zeitalters. Im Brennpunkt stand der Ruf nach der großen Reformation, die noch umfassender als die Reformation Luthers eine grundlegende Wandlung des Menschen und der Welt anstrebte. Böhme sah seine Aufgabe auch darin, die ihm erreichbaren Menschen für die spirituelle Verwirklichung dieser Reformation vorzubereiten.

Eine weitere Gemeinsamkeit bestand zum Beispiel darin, von den Lehren des Paracelsus und der – dem Hermes Trismegistos zugeschriebenen – Tabula Smaragdina auszugehen.

Böhme kannte zweifellos die Rosenkreuzerschriften. Sie wurden zu seiner Zeit auch in Görlitz fleißig gelesen und diskutiert. Seine Freunde Balthasar Walther und Abraham von Franckenberg waren unter anderem bekannt mit dem angesehenen Lübecker Gelehrten Joachim Morsius, einem Anhänger der Rosenkreuzerbewegung. Zwischen Morsius und Böhme bestand ein Briefwechsel. Der Görlitzer Schuster reiht sich somit „in die Schar derer ein, die die rosenkreuzerische Erkenntnis als eine Synthese von Gottes-, Welt- und Menschenweisheit hüteten“ (Gerhard Wehr).

Nach der schriftstellerischen Zwangspause greift Böhme 1618 erneut zur Feder. Mit großer Konzentration und in rascher Folge schreibt er ein Werk nach dem anderen. Ein reger brieflicher Gedankenaustausch, niedergelegt in den „Theosophischen Sendbriefen“, verbindet Böhme mit einem ausgedehnten Schüler- und Freundeskreis. Seine Anhänger kopieren seine Buchmanuskripte und verbreiten sie unter eingeweihten Lesern.

Böhme – verkannt und verfolgt

Als 1623 Böhmes Schrift „Der Weg zu Christus“ erschien, empfand der Oberpfarrer Richter dies als eine Herausforderung. Er bezichtigte Böhme der Ketzerei und wiegelte die Görlitzer gegen ihn auf. Auf dem Spiel stand nicht nur die Privatüberzeugung eines kleinen Handwerkers. Es ging um die grundsätzliche Frage nach der Religions- und Geistesfreiheit. Um die Eskalation der Unruhen zu verhindern, beschloss der Magistrat, dass Böhme vorübergehend die Stadt zu verlassen habe.

Anfang Mai 1624 reiste Böhme nach Dresden – mit einer Empfehlung seiner adligen Freunde und auf Einladung des Hofes. Seine Hoffnungen richtete er vor allem auf den sächsischen Kurfürsten, von dem er die Einleitung der Generalreformation erwartete. „Ich hoffe noch, es wird bald die Zeit der großen Reformation kommen.“

In Dresden traf Böhme zu Gesprächen mit höheren Beamten zusammen. Höhepunkt seines Aufenthaltes bildete die Fahrt zur Sommerresidenz des Kurfürsten in Pillnitz. Leider ging die Hoffnung auf Begegnung mit dem Fürsten nicht in Erfüllung. Unerfüllt blieben auch alle anderen Erwartungen. Böhme musste unverrichteter Dinge nach Görlitz zurückkehren.

Im November 1624 kam Böhme schwer krank von einer Reise nach Schlesien zurück. Er erholte sich nicht mehr. Sanft entschlief er am 16. oder 17. November 1624 in seinem Haus in Görlitz im Kreis seiner Familie und Freunde. Der Magistrat ordnete trotz der Bedenken der Kirche eine christliche Beerdigung an. Diese Order wurde von den protestantischen Geistlichen nur widerwillig befolgt.

Das Grabkreuz, das die Freunde später am Grab Jacob Böhmes errichteten, trug die rosenkreuzerische Inschrift: „Aus Gott geboren / In JHSVH (Jesus) gestorben / Mit dem Heiligen Geist versiegelt.“


Reproduktionen aus Böhmes Werken mit freundlicher Genehmigung der Bibliotheca Philosohica Hermetica, Amsterdam

Quellen:

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