Die vergessene Geschichte der Rosenkreuzer-Manifeste

Die Manifeste der Rosenkreuzer lösten Anfang des 17. Jahrhunderts einen wahren Sturm im geistigen Europa aus. Seine Heftigkeit weist darauf hin, dass ihre Botschaft die Menschen zutiefst getroffen hat. Die vergessene Geschichte der Manifeste spricht ihre eigene Sprache.

Das europäische Christentum war im 16. und 17. Jahrhundert in eine tiefe Krise geraten. Die Reformbewegungen von Luther und Calvin hatten die Vorherrschaft der römischen Kirche untergraben. Die Reformer reagierten nicht nur auf die Missstände und den Verfall innerhalb der Kirche, sondern wollten zugleich den individuellen Glauben auf der Basis der Selbstverantwortlichkeit des Einzelnen stärken.

Aber sowohl Luther als auch Calvin legten neue Dogmen fest, die sie aus der Vergangenheit übernahmen. Hierzu gehört zum Beispiel die Lehre von der Vorherbestimmung im Calvinismus, nach der Gott von Anfang an das Schicksal des Universums und aller Menschen festgelegt hat. Luther und Calvin beriefen sich dabei auf die Autorität der Bibel. In der Praxis führte dies bei den meisten Anhängern dazu, dass der Buchstabe über den Geist gestellt wurde.

Die Sehnsucht nach der unsichtbaren Kirche

Als Reaktion hierauf entstand unter den deutschen Spiritualisten Kaspar Schwenckfeld, Valentin Weigel und Sebastian Franck der Wunsch nach einer inneren Kirche, die – wie schon Paulus lehrte – aus dem Inneren des Menschen entsteht; einer unsichtbaren Kirche, die alle Menschen vereinigt, die dem göttlichen Geist folgen.

Inmitten der großen Krisenzeit, dem Streit zwischen Reformation und Gegenreformation, der zum verheerenden dreißigjährigen Krieg führte, traf vor diesem Hintergrund die Veröffentlichung der drei klassischen Rosenkreuzer-Schriften die geistige Welt im alten Europa wie ein Paukenschlag.

Der Tübinger Kreis

Hinter den Manifesten – insbesondere hinter den Texten der Fama und der Confessio – stand der so genannte „Tübinger Kreis“, ein Freundeskreis, der 1608 aus 12 Mitgliedern bestand. Er war durch den Juristen Tobias Hess ins Leben gerufen worden, der sich eingehend mit der paracelsischen Heilkunst, der Alchemie und der Bibel befasst hatte. Die Erkenntnisse des Tübinger Kreises beruhten auf einer dreifachen Bemühung: der Vertiefung in die Heilige Schrift, der Erforschung der Natur und einer Lebensführung, die von der Liebe zu Gott und dem Nächsten gekennzeichnet war.

Was im Mittelalter vorbereitet worden war und sich in der Zeit danach weiter entwickelte, trat in den ersten Jahren des 17. Jahrhunderts als „Programm“ einer allgemeinen Weltreformation durch die Rosenkreuzer-Bruderschaft an die Öffentlichkeit. Das mystische, alchemistische, astrologische und naturphilosophische Bestreben der Brüder floss darin zusammen.

Die drei Schriften erschienen in den Jahren
1614, 1615 und 1616 in Deutschland:

Fama Fraternitatis R.C.
Der Ruf der Bruderschaft des Rosenkreuzes (1614)

Confessio Fraternitatis R.C.
Das Bekenntnis der Bruderschaft des Rosenkreuzes (1615)

Chymische Hochzeit Christiani Rosencreutz
Die Alchemische Hochzeit des Christian Rosenkreuz (1616)

Die „Fama“ stellt uns vor das Programm einer allumfassenden Reform der Weltsicht, und zwar in Religion, Wissenschaft und Kunst. Die „Confessio“ bekräftig diesen Ruf durch ein Bekenntnis und umfasst die Grundprinzipien der Bruderschaft. Sie war ebenfalls ein kraftvoller Appell an die Gelehrten und Fürsten Europas, einmütig in einer vertieften christlichen Gesinnung zusammenzuarbeiten.

Johann Valentin Andreae

Die „Chymische Hochzeit“ ist die Einweihungsschrift der Rosenkreuzer. Sie ist die verschleierte, allegorische Geschichte des Christian Rosenkreuz auf seinem Weg zum Einswerden der Seele mit dem göttlichen Geist. Ihr Verfasser ist Johann Valentin Andreae, der dem Tübinger Kreis 1608 beigetreten war. Im süddeutschen Herrenberg geboren und aus einem lutherischen, geistlichen Geschlecht stammend, entwickelte er sich zu einem Universalgelehrten mit einer großen Kenntnis insbesondere auf theologischem, mathematischem und naturwissenschaftlichem Gebiet. Seine persönliche Verfasserschaft der „Chymischen Hochzeit“ wurde jedoch erst im Jahre 1799 publik, als seine Autobiografie erstmals durch David Christoph Seybold veröffentlicht wurde.

Die rosenkreuzerische Vision des Hauses Sancti Spiritus

Die Verfasser der Manifeste hofften, durch die Verbreitung der Schriften ein Netz von Sympathisanten in Europa aufzubauen, das letztendlich zur Verwirklichung ihres Ideals führen sollte: der Bildung einer inneren, freien, geistlichen Kirche, die sie das „Haus Sancti Spiritus“ nannten, das Haus des Heiligen Geistes. Das Programm der Rosenkreuzer für eine allgemeine Weltreformation enthielt den Aufruf, einen inneren Weg der Veränderung, einen Einweihungsweg, zu gehen. Doch dieser Aufruf wurde nur von wenigen verstanden.

Viereinhalb Jahre Galeerenhaft für Sympathisanten

Die Verbreitung der Manifeste verlief ganz anders, als es sich die Freunde des Tübinger Kreises vorgestellt hatten. In der Fama hatten sie angekündigt, dass diese Schrift in „fünf Sprachen“ an die Gelehrten Europas gesandt werden sollte. Dieses Vorhaben wurde jedoch zunichte gemacht, als der zeitgenössische Komponist, Alchemist und Arzt Adam Haselmayr aus Südtirol vorzeitig auf ein Manuskript der Fama im Jahre 1612 eine Antwort veröffentlichte. Er musste seinen Enthusiasmus – auf Veranlassung der Jesuiten – mit viereinhalb Jahren Sklaverei auf einem Galeerenschiff bezahlen.

Zwei Jahre später wurde eine nicht autorisierte Fassung der Fama in Kassel veröffentlicht. Der Plan, die deutsche Fassung und alle Übersetzungen zur gleichen Zeit in Buchform erscheinen zu lassen, war damit gescheitert.

In den Jahren danach erschienen dann Übersetzungen in verschiedenen europäischen Ländern. Die positive Resonanz auf die Manifeste stammte meist nicht aus akademischen oder kirchlichen Kreisen. Denn viele Gelehrte betrachteten den Impuls einer – von einer inneren spirituellen Gruppe getragenen – Wissenschaft als Infragestellung ihrer Position, und Vertreter der Kirchen waren ebenfalls um den Erhalt ihres Einflusses bemüht.

1.700 Veröffentlichungen in 100 Jahren

Die drei Schriften verursachten insgesamt eine enorme Welle von Reaktionen zustimmender und ablehnender Art. In den ersten zehn Jahren erschienen vierhundert Drucke in Form von Flugblättern, Pamphleten, Büchern und Artikeln, eine für die damalige Zeit ungeheure Zahl. Bis zum Anbruch des 18. Jahrhunderts betrug die Zahl der auf die Manifeste reagierenden Schriften nahezu 1.700. In ihrer Vielfalt, aber auch in der Schärfe ihrer Zustimmung und Ablehnung näherte sich das Ausmaß dieser Reaktionen der Auseinandersetzung, die damals um die Reformationsideen von Luther und Calvin geführt wurde.

Daneben gab es aber auch eine Vielzahl positiver Reaktionen auf die Rosenkreuzerschriften. In den deutschen Fürstentümern, in Österreich, Böhmen, der Schweiz, den Niederlanden, England, Frankreich, Italien und den Baltischen Staaten wurde eine große Anzahl von Geheimgesellschaften gegründet, die sich auf die Bruderschaftsidee der Rosenkreuzer beriefen. Außerdem entstanden viele Vereinigungen, die zur Verwirklichung bestimmter Ideale Elemente aus dem Reformationsprogramm der Manifeste übernahmen.

Johann Amos Comenius und das „Collegium Lucis“

Hierzu gehörte das „Collegium Lucis“ von Amos Comenius (1592-1670). Er gehörte der Gemeinschaft der Böhmischen Brüder an und übernahm Mitte des 17. Jahrhunderts von Andreae die Fackel des Erneuerungsimpulses. Das 1667 in Amsterdam ins Leben gerufene „Collegium Lucis“ basierte auf den Grundideen der Bruderschaft des Rosenkreuzes; auch in seinen pansophischen und pädagogischen Schriften verarbeitete Comenius diese Gedanken. In Francis Bacons „Nova Atlantis“ finden wir ebenfalls ein gewisses Echo auf die Ideale der Fama.

Mystische Freimaurerei

Große Auswirkungen hatte der Rosenkreuzerimpuls in der Freimaurerei, und zwar vorwiegend in England und Deutschland. Die mystische Freimaurerei basierte auf dem Gedanken, den Tempel Salomos und seines Meisterbauers Hiram Abiff als einen inneren seelischen Tempel zu errichten. Die Geheimnisse dieses spirituellen Tempelbaus waren während des Mittelalters durch die Gilden und die „Bauhütten“ gehütet worden, die an den gotischen Kathedralen arbeiteten.

Die zentrale Idee der Rosenkreuzer lebt fort

Der englische Rosenkreuzer Robert Fludd (1574-1637) schrieb: „Erbaut Euch selbst als einen geistigen Tempel aus lebenden Steinen, wobei Christus der Eckstein ist.“

Diese zentrale Idee des Rosenkreuzertums wirkte auch über die folgenden Jahrhunderte fort und schlägt sich in unterschiedlichem Ausmaß bis heute in verschiedenen Rosenkreuzer-Gruppierungen nieder. Für die Rosenkreuzer im Lectorium Rosicrucianum bildet sie den wesentlichen Grundpfeiler ihrer Arbeit. Der in den Manifesten aufgefächerte spirituelle Weg zur vollkommenen Transfiguration (Verwandlung) des Menschen nach Geist, Seele und Körper wird im Lectorium Rosicrucianum gewiesen und verwirklicht.

Jan van Rijckenborgh, Gründer und geistiger Leiter des Lectorium Rosicrucianum, hat die drei klassischen Rosenkreuzerschriften Mitte des 20. Jahrhunderts neu herausgegeben und seine esoterische Analyse hinzugefügt. Die aktuelle deutsche Ausgabe ist erschienen bei www.drp-rosenkreuz-verlag.de. Im Bereich Literatur auf dieser Website finden Sie die kompletten Texte der Urschriften sowie einige Auszüge aus der esoterischen Analyse.

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