Die Grenzerfahrung des Laotse

Eine äußere oder innere Grenze zu überschreiten, bedeutet immer eine Lebensveränderung. Denn eine Grenze kann nicht ohne weiteres überquert werden, so beschreibt es auch Bertolt Brecht in seinem Gedicht „Die Entstehung des Buches Tao Te King“.

Die „Legende von der Entstehung des Buches Tao Te King auf dem Weg des Laotse in die Emigration“ handelt von einer Grenzerfahrung. Es erzählt, wie der Weise Laotse im hohen Alter seine Heimat verlässt, um sich von den dortigen Zuständen zu verabschieden. So packt er seine wenige Habe zusammen, und auf einem Ochsen reitend, der von einem Jungen geführt wird, verlässt er das Land. Am vierten Tag wird er von einem Zöllner aufgehalten, der ihn zunächst fragt, ob er etwas zu verzollen habe.

Laotse aber ist arm, was der Junge erklären kann: „Er hat gelehrt.“ Als dem Zöllner eine Kostprobe der erhabenen Weisheit offenbart wird, weckt dies seine Neugier, und er bittet den Weisen, seine Lehren aufzuschreiben. So entstand das Buch Tao Te King, quasi als Zoll. Am Ende des Gedichts gilt der Dank dem Zöllner: „Darum sei der Zöllner auch bedankt: Er hat sie (die Weisheit) ihm abverlangt.“

Die unsagbare Weisheit

Laotse hatte nicht die Absicht, ein Buch zu schreiben, denn das hätte dem Vers aus dem Tao Te King widersprochen: „Könnte Tao gesagt werden, dann wäre es nicht das ewige Tao. Könnte der Name genannt werden, wäre es nicht der ewige Name.“ Etwas, das in dieser dreidimensionalen Welt fixiert wird durch Sprache oder Schrift, ist schon nicht mehr „die absolute Wahrheit".

Bertolt Brechts Gedicht

Das Gedicht Bertolt Brechts, das er 1938 in Dänemark während seiner eigenen Emigration schrieb, kann man auch so betrachten: Laotse, das Kind und der Ochse verlassen das Gebiet der Unbeständigkeit. Dabei dient der Ochse geduldig und friedlich. Er ist frei von seiner natürlichen Triebhaftigkeit und daher ein Vorbild der Stärke durch Selbstüberwindung. Das Kind weist auf den Neubeginn in einem anderen Lebensfeld und die ewige Jugend des alten Weisen hin. Laotse ist kein Eigenname, sondern wird in der Fachliteratur übersetzt mit „der Alte“.

Die Reise ins Nichts

Das Land, in das Laotse zieht, wird nicht beschrieben, wirkt wie ein Nichts. Den Weisen kann kein anderes Land unserer Sphäre beheimaten. Er ist in der Grenzenlosigkeit zu Hause. Er war nur Besucher, Helfer in einer hilfsbedürftigen Sphäre und kehrt wie selbstverständlich in die Grenzenlosigkeit zurück. Der Weise muss gemäß seinem Auftrag pendeln zwischen freiwilliger Begrenzung und Grenzenlosigkeit. Von oben betrachtet durchkreuzt Laotse die horizontalen Lebenslinien, indem er den vertikalen Weg wählt. So bildet er das Kreuz.

Das Tao Te King als Wegezoll

Laotse gibt seine Weisheit und Kraft ohne Murren, aber auch ohne Begeisterung, er bleibt neutral. Seine Zollabgabe an die Welt ist das „Tao Te King“. Jeder, der die Grenze überschreitet, muss einen Zoll zahlen, sonst kann die Grenze nicht passiert werden. Das horizontal begrenzte Feld kann kraft seiner Gesetzmäßigkeit seine Bewohner nicht so ohne weiteres gehen lassen. Um dennoch ein Gebiet zu verlassen, bedarf es des „Freikaufens". Die Bibel spricht von den „Losgekauften" dieser Erde. Laotse gibt nicht nur den zehnten Teil seiner Ewigkeitswerte, er gibt alles. Die Universelle Weisheit ist nicht teilbar.

Nur wer fragt, bekommt eine Antwort

Doch die Weisheit muss abverlangt werden. Brecht lässt Laotse sagen: „Die etwas fragen, die verdienen Antwort." Auch dies ist eine Gesetzmäßigkeit: Ohne Frage erfolgt keine Antwort. Die Universelle Lehre wird nicht einfach in die Welt hinausgeschenkt. Der Zöllner als Grenzbewohner muss nach der Weisheit verlangen. Und er erhält durch sein Verlangen nicht nur einen Teil, sondern alles. Ohne innerliche Fragestellung erhält er nichts. Ohne dass er den Weg geht, wird sich ihm das Ziel nicht offenbaren.

Der Grenzbewohner benötigt die Hilfe des Weisen, aber er muss sich die Wahrheit selbst erobern: „Darum sei der Zöllner auch bedankt: Er hat sie ihm abverlangt."

 

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