Die Geschichte der Katharer III

Das okzitanische Konsolamentum

Um den Einfluss der Katharer zu brechen und das verlorene Vertrauen der Bevölkerung wiederzugewinnen, gründete die römische Kirche im 13. Jahrhundert Bettelorden, die sich nach dem Albigenser-Kreuzzug rasch ausbreiteten. Doch auch in ihren Reihen erhob sich Häresie.

Um die Häretiker des Languedoc zu bekämpfen, imitierte die Kirche deren äußeres Verhalten und ihre Taten. Dies war die Geburtsstunde der Bettelorden der römischen Kirche, die sich nicht nur der Predigt in Dörfern und Städten hingaben und ein Leben in Armut und Entsagung führten, sondern die zur neuen intellektuellen Elite der Kirche wurden, und die Zisterzienser sowie die Cluniazenser (Reformbewegung der Zisterzienser) verdrängten.

Ein Zeugnis aus der damaligen Zeit ist der Bericht des Pierre de Vaux Cernay:

„Nun geschah es als er [der Bischof Diego de Osma] auf dem Rückweg von der Kurie in Montpellier vorbeikam, den ehrenwerten Arnaud, Abt von Cîteaux, Bruder Pierre de Castelnau und Bruder Raoul traf, Zisterzienser-Mönche und Gesandte des apostolischen Ordens.

Alle wollten auf diese Gesandtschaft verzichten, die ihnen aufgetragen wurde, so entmutigt waren sie angesichts der fast totalen Niederlage ihrer Predigten an die Häretiker.

Tatsächlich jedes Mal, wenn sie den Häretikern predigen wollten, hielten diese dagegen, indem sie auf das abscheuliche Verhalten der katholischen Geistlichen hinwiesen. Wenn sie also das Leben der Geistlichen nicht korrigieren wollten, müssten sie auf die Predigt verzichten.

Aber besagter Abt half ihnen zu ihrem Erstaunen mit einem rettenden Einfall: Er forderte sie inständig auf, sich der Predigt mit noch mehr Eifer hinzugeben und alle anderen Sorgen zu vergessen, und, um den Boshaften den Mund zu schließen, mit aller Demut vorzugehen, um nach dem Beispiel des göttlichen Meisters zu handeln und zu lehren,
barfuß und ohne Geld zu gehen und alle Dinge der apostolischen Predigt zu imitieren.“

Was Diego de Osma nicht sagt, ist dass die apostolische Predigt, die er zu imitieren beabsichtigt, keine andere ist, als jene, die von den abtrünnigen Bewegungen der Kirche schon verbreitet wurde.

Die Geburtsstunde der katholischen Bettelorden

Der erste Bettelorden, der gegründet wurde, waren die „armen Katholiken“. Durand de Huesca, ein pyrenäischer Waldenser, der diese Bewegung ins Leben rief, bekehrte sich wieder zum Katholizismus, nachdem er dem Kolloquium von Pamier 1207 beiwohnte. Dank seiner Feder wurde einer der seltenen katharischen Originaltexte, das „Anonyme Abkommen“ erhalten.

Als der Kreuzzug gegen die Albigenser beendet war, breiteten sich die katholischen, dominikanischen und franziskanischen Bettelorden rasch auf okzitanischem und katalanischem Gebiet aus. Im Laufe des 13. und 14. Jahrhunderts wurden zahlreiche dominikanische und franziskanische Klöster in der Region gegründet. Dominique de Guzman selber gründete zusammen mit Frauen, die aus der katharischen Bewegung stammten, das erste Dominikanerkloster in Fanjeaux in einem ehemaligen „Ostal“ der katharischen Perfekten. Ihre Art zu leben, ihre Askese und ihre Predigten erinnerten die Bevölkerung an das Vorbild der Katharer, und sicherlich sahen viele darin einen Ersatz für diese „guten Menschen“, die so sehr von der Kirche verfolgt wurden.

Der Geist der katharischen Häresie in den Bettelorden

In solchen Gemeinschaften erschien jedoch sehr schnell der Geist der evangelisierenden Widerstandsbewegung, und zwar in einem solchen Ausmaß, dass viele der ersten Mitglieder dieser Orden als Häretiker angesehen oder von ihrer kirchlichen Hierarchie als solche verdächtigt wurden.

Es sei an dieser Stelle der zahlreichen Beginen, Spiritualisten und Fraticelli (1) aus Okzitanien Ende des 13. Jahrhunderts gedacht, die wiederholt sehr strengen Verurteilungen zum Opfer fielen. Diese Ordensbrüder gingen so weit, dass sie aus dem Orden der Franziskaner ausgegrenzt und zu Häretikern erklärt wurden.

Das okzitanische Konsolamentum

Abschließend ein kurzes Fragment aus dem okzitanischen Ritual des Konsolamentum, das in wenigen Worten nicht nur den Glauben der okzitanischen Katharer zusammenfasst, sondern auch ihre Ethik, ihre Bemühung, ein wahrhaft christliches Leben zu führen.

Es heißt dort:

„…und wenn Ihr diese Macht erhalten wollt (das Konsolamentum), 
ist es notwendig, dass ihr alle Gebote des Christus haltet 
und des Neuen Testaments, soweit dies in eurer Macht liegt.

Wisset, dass er dem Menschen geboten hat, 
keinen Ehebruch zu begehen, 
weder zu morden noch zu lügen, 
nicht zu schwören, nicht zu stehlen, 
noch anderen zu tun, 
was er nicht will, dass ihm selber getan wird,

und dass er dem vergibt, der ihm Böses getan hat und seine Feinde liebt
und dass er für seine Verleumder betet und seine Ankläger segnet

und wenn man ihm auf die eine Wange schlägt, er die andere hinhält
und dass er demjenigen, der ihm das Hemd nimmt, auch den Mantel überlässt
dass er weder urteilt noch verdammt
und viele andere Gebote, die der Kirche von ihrem Herren geboten werden.“

Das Erbe der Katharer

Im ersten Teil dieser Serie von Artikeln über die Katharer heißt es: “Die Geschichte wird immer von den Siegern geschrieben.” Aber neben der äußeren Geschichte, gibt es auch eine innere spirituelle Tradition. Das Lectorium Rosicrucianum steht in dieser Tradition der Katharer, die heute ergänzt wird durch einen modernen gnostisch-hermetischen Blick.

1946 reisten Jan van Rijckenborgh und Catharose de Petri, die Gründer und geistigen Führer der Lectorium Rosicrucianum, nach Albi, zu einem der wichtigsten Katharer Standorte in Süd-Frankreich – und suchten den Kontakt mit dem Erbe der alten Katharer-Bruderschaft.

Ihre spirituellen Erfahrungen während dieser Reise und ihre Begegnung mit “dem letzten Katharer” M. Antonin Gadal 1954 führte zu einer neuen Bestätigung des alten Dreibunds des Lichts: das Dreieck aus Katharer, Gral und Rosenkreuz.

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(1) Name der Minoriten = Franziskaner in Italien

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Das Ziel der Katharer
Dazu mehr im Teil 1 dieser Artikelreihe:
Die Geschichte der Katharer, Teil 1

Was haben die Katharer gepredigt?
Dazu mehr im Teil 2 dieser Artikelreihe:
Die Geschichte der Katharer, Teil 2

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