Die frühen Gnostiker

Botschafter der Gnosis 1

Gnosis bedeutet „Erkenntnis Gottes“. Gnostiker sind nach göttlicher Erkenntnis suchende Menschen. Die Spuren der frühen Gnostiker beginnen in den ersten Jahrhunderten nach Christus. Viele der sogenannten „Ketzer“ wurden vernichtet. Doch die Gnosis lebt bis heute fort.

Menschen, die nach dem Sinn des Lebens und der Schöpfung fragen und keine Ruhe in der vergänglichen Welt finden, gibt es seit jeher. Sie suchen nach einer höheren Erkenntnis, einem inneren Wissen, nach Gnosis (von altgriechisch gnōsis γνῶσις ‚[Er-]Kenntnis‘). Dieses innere Wissen begleitet die Menschheit. Aus ihm gingen alle alten Mythologien hervor, alle Religionen haben darin ihren Ursprung. So kann man die reine Wurzel allen Glaubens als gnostisch bezeichnen, als verbunden mit der universellen ursprünglichen Kenntnis. Das betrifft auch das frühe Christentum.

Jesus Christus und das "Reich nicht von dieser Welt"

Als Jesus vor 2000 Jahren seine Lehre verkündete und vom „Reich, nicht von dieser Welt“ sprach, schöpfte er aus der Einheit mit dem „Vater“, dem Geist. Doch für die jüdische Tradition stellte er die bestehende Ordnung infrage und wurde so zu einer Bedrohung. Gnosis ist immer ketzerisch, da die lebendige Erfahrung des Geistes, worauf jede Gnosis beruht, immer mit den erstarrten religiösen Traditionen zusammenstößt. Die ersten Christen waren wahre Gnostiker. Sie erkannten den Willen und den Plan Gottes unmittelbar im eigenen Wesen. Daher brauchten sie keine Institution zur Vermittlung, ihr Glaube basierte auf eigener innerlicher Erfahrung, nicht auf einer übernommenen dogmatischen Lehre.

Wahrheit, die zum Gesetz erstarrt

Die gnostische Erfahrung ist eine Berührung durch den Heiligen Geist. Wer das erlebt hat, kann nicht anders, als davon zu zeugen. Der Geist überstrahlt einen solchen Menschen mit großer Kraft, so dass dieser ein „mit seinem Namen Gekannter“ wird, wie es die Bibel ausdrückt. Gnosis und Geist sind eins. Ein von der Gnosis berührter Mensch hört im eigenen Wesen die Stimme des Geistes. Und er trägt die Botschaft in absoluter Sicherheit nach außen, denn sie gilt nicht ihm allein: Gnosis ist Einheit und führt zur Einheit. Diese Einheit war in den Anfängen des Christentums noch sehr ausgeprägt, man lebte seinen Glauben in der Gemeinschaft. Es gab eine Fülle gnostischer Gruppen.

Aber nach und nach wurde der Lichtimpuls, den Christus in die Welt gebracht hatte, schwächer, es entstanden Spaltungen und Unsicherheit. Institutionen begannen, durch Gesetze und Dogmen die unmittelbare Gotteserfahrung zu reglementieren. Einzelne wurden ihrer würdig erachtet, andere nicht. Eine Hierarchie entstand, die die Menschen in Rechtgläubige und Falschgläubige einteilte, was in der Folge viel Unheil und Leid mit sich brachte. Und dennoch gab es durch die Jahrhunderte hin immer wieder Menschen, die in einer tatsächlichen Verbindung mit dem Geist standen und auch glaubwürdig davon zeugten.

Die ersten Gnostiker

Im ersten Jahrhundert nach Christi Geburt gab es noch keine offizielle Kirche. Es existierten die alte jüdische Lehre und die neue christliche, die von den Aposteln verbreitet wurde. Daneben gab es gnostische Lehren im engeren Sinn. Einige große gnostische Persönlichkeiten in Kleinasien und im römischen Reich gaben sie an ihre Anhänger weiter. Besonders im 2. Jahrhundert – nach der allmählich beginnenden Formierung der offiziellen katholischen Kirche – wirkte eine Menge gnostischer Systeme. Wenn man ihre Symbolik von außen betrachtet, waren sie verschieden voneinander, aber erkennt man den verborgenen Kern in ihnen, waren sie identisch.

Valentinus und Basilides

Valentinus, einer der bekanntesten großen Gnostiker, stammte aus Alexandrien. Er lehrte um 130 n. Chr. in Kleinasien und später auch in Rom. Für ihn war die sichtbare Welt eine gefallene Welt, die von einem mächtigen ungöttlichen Äon (einer großen Kraftkonzentration) gelenkt wird. Aus dieser Welt muss sich die Seele, welche Gnosis – also Gotteskenntnis – besitzt, befreien und zur Welt des Lichtes, zum Urvater zurückkehren. Eine solche Seele, sagte Valentinus, hört, wenn sie gerufen wird, antwortet dem Ruf und wendet sich dem zu, der sie ruft. Sie kommt im Erkennen ihres Gerufenseins zur Ruhe, macht sich zur Heimkehr bereit und wird sich schließlich wieder mit dem Licht, dem Anfang aller Dinge, vereinen.

Valentinus war ein Schüler des Basilides, der vor allem in Ägypten lehrte und ebenfalls zu den großen Gnostikern zählt. Genau wie Valentinus fordert Basilides den Menschen auf, sich aus der gefallenen Welt zu lösen und wieder zu seinem Ursprung heimzukehren. Zuerst aber müsse der Mensch seinen eigenen Zustand klar erkennen, sein falsches Streben und Begehren durchschauen und es zu neutralisieren suchen. Der Mensch müsse lernen, sich zu bescheiden, sagte Basilides, erst dann könne die Seele „gnostisch“ werden, also durch innere Einsicht zur Gotteskenntnis gelangen.

Marcion und der Gegensatz zwischen Gnosis und Dogma

Auch Marcion wird in kirchlichen Geschichtsbüchern als Gnostiker bezeichnet, was allerdings kaum gerechtfertigt erscheint, denn er versuchte, die gnostischen Lehren in ein System zu pressen und ein verbindliches Dogma aus ihnen zu machen. Das ist jedoch ein Widerspruch in sich: Gnosis und Dogma schließen einander aus. Gnosis ist die innereigene Erfahrung der Wirklichkeit des Geistes. Von ihr zeugt der wahre Gnostiker durch Bilder und Symbole. Niemals wird er behaupten, die Wahrheit sei in bestimmten Schriften und Systemen wörtlich ausgedrückt, und niemals wird er sie einem anderen Menschen aufdrängen.

Marcion war ein Bischofssohn aus Sinope, lehrte später in Rom und wurde 144 n. Chr. wegen „unangebrachten Verhaltens“ exkommuniziert. Er lehnte das Alte Testament rigoros ab, da es nur für die Juden von Bedeutung sei, und entwarf einen ersten neutestamentlichen Kanon, mit dem er seinen Anhängern eine Grundlage für die „wahre Lehre“ geben wollte. In diesem Kanon waren nur das – zum Teil veränderte – Lukas-Evangelium und die – gleichermaßen veränderten – Paulusbriefe enthalten. Marcions Korrekturen bezogen sich vor allem auf Textstellen, die er vom Alten Testament beeinflusst sah.

Zweifelhafte Quellen

Bei allen Aussagen über die historische Gnosis und die frühen Gnostiker muss man stets bedenken, dass die meisten Informationen – mit Ausnahme der wenigen Original-Texte – von kirchlichen Autoren aufgezeichnet wurden. Und es stellt sich die Frage, ob diese Berichte über die „Häretiker“ (Ketzer) objektiv sein können. Dennoch enthalten einige von ihnen, wie zum Beispiel die der Kirchenväter Irenäus, Hippolyt, Clemens von Alexandrien, Origines und Epiphanius, interessante Einblicke in die Arbeit gnostischer Gruppen in dieser schmerzvollen, unruhigen Zeit.

Die Manichäer – Zeugen des Lichtes

Im dritten Jahrhundert erschien in Persien ein neuer, starker gnostischer Impuls durch Mani, nach dem seine Anhänger „Manichäer“ genannt wurden. Mani unterschied noch konsequenter als seine Vorgänger zwischen der gefallenen irdischen Welt und der Welt des Lichtes. Auch bei ihm wurde die Schöpfung, wie wir sie kennen, nicht vom ursprünglichen Licht-Gott, sondern von den Mächten der Finsternis hervorgebracht. Im Mittelpunkt seiner Lehre stand jedoch die Gewissheit, dass sich im Menschen, der in der Finsternis leben muss, ein göttlicher Funke verbirgt. Er ist Verbindung und Brücke zum ursprünglichen Leben.

Mani sagte:

Ich bin ein duftendes Samenkorn des Lichtes,
geworfen in einen dichten Wald unter Dornen.
O, sammle und pflücke mich!
Bring mich heim auf die Tenne des Heiligen Gesetzes,
in den Getreidekeller des Lichts.

Menschen, die sich zu Gruppen zusammenschlossen, um Kenntnis aus erster Hand zu erlangen, lebten auch in den folgenden Jahrhunderten. Zu allen Zeiten gab es Botschafter der Gnosis. Sie wirken bis in die heutige Zeit.

Lesen Sie den Artikel über die weitere Entwicklung der Gnosis:
Botschafter der Gnosis 2 – Katharer, Mystiker, Rosenkreuzer

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