Die Chinesische Gnosis, Kapitel 7 bis 9

Der Makrokosmos währt ewig. Er kann ewig währen, weil er nicht für sich selbst lebt. Darum stellt der Weise sich selbst hinter den Anderen und wird daher eins mit dem Ersten. Er löst sich von seinem Körper und wird seinen Körper dadurch behalten. Das geschieht, weil er keinen Egoismus kennt. Die eigenen Belange fördert er durch Mangel an Egoismus.

Das Gesetz der All-Offenbarungg

Der Makrokosmos, die All-Offenbarung währt ewig. Jede Erscheinung darin ist zwar der Veränderung und Wandlung unterworfen, jedoch führt diese Veränderung oder Wandlung niemals zum Beginn zurück. Es wird keineswegs von vorn begonnen, wie wir es in der Welt der Dialektik kennen. Die All-Offenbarung entwickelt sich. Jede Veränderung ist ein Fortschritt, eine Verbesserung, das Ersteigen einer Stufe, die stets höher und weiter führt. Nur in der Ewigkeit gibt es Evolution. Das ist offensichtlich ein unbekanntes Gesetz, ein absolut göttliches Gesetz, ein unbekanntes Naturgesetz, das keine Radumdrehung kennt, sondern nur eine spiralenförmige Entwicklung. Ein Naturgesetz bestimmt eine Ordnung, zusammenhängende Ansichten und Wirkungen. Wenn man diese Ordnung studiert, den Zusammenhang der verschiedenen Prozesse kennt und ihnen entspricht, dann erhält die Ordnung Leben, wird sie wirksam. Wenn man in eine solche Ordnung eintritt, indem man dem Gesetz dieser Ordnung entspricht, hat man Anteil an diesem anderen Gesetz und verlässt das System des alten Gesetzes.

Die große Veränderung

Die Erscheinungsformen, die Körper und Träger des Zeiträumlichen sind anders als die des Ewigen. Mit anderen Worten: Man kann unmittelbar zu dem neuen Reich gehören, jedoch folgt darauf notwendigerweise eine Wiedergeburt, eine Transfiguration, was erklärlich ist. Transfiguration ist nur möglich, wenn man zu einem neuen Naturreich gehört. Es erfolgt nicht erst die Transfiguration und dann das Teilhaben an der Ewigkeit, sondern erst die Verbindung mit dem neuen Reich und danach die große »Veränderung«. …

»Warum unterscheiden sich die beiden Reiche, das dialektische Reich und Gottes Königreich, voneinander? Warum ist das Gesetz des einen Reiches unaufhaltsame Rückkehr zum Ausgangspunkt, also ein Kreislauf, eine Radumdrehung, und das Gesetz des anderen Reiches eine progressive Entwicklung, ein Aufgang von Kraft zu Kraft und von Herrlichkeit zu Herrlichkeit?«

Der wahre Mensch

Darauf könnten Sie natürlich antworten: »Wir sind in unserem Reich von der Gnosis getrennt.« Aber damit konstatieren Sie nur die Folgen und stellen nicht die Ursache fest. Die Ursache liegt unter anderem in der Ausrichtung des Bewusstseins. Lao Tse deutet diesen Unterschied mit den Worten an: Die Ewigkeit lebt nicht für sich selbst. …

Die Persönlichkeit, der körperliche Mensch war am Anfang ein Instrument, geschaffen, um einer leitenden Intelligenz die Gelegenheit zu schenken, mit diesem Instrument Erfahrungen zu sammeln, alles zu vervollkommnen, der Gnosis zu dienen. Diese leitende Intelligenz ist der wahre Mensch, der einzige Gott. Das Instrument ist durchgedreht und nennt sich Mensch. …

Der Weise stellt sich selbst hinter den Anderen, hinter den einzigen, innerlichen Gott.
Er unterwirft sich als Geschöpf diesem Gott in sich. In vollkommener Selbstübergabe geht er unter im Tal des Lebens.

Kapitel 8
Die rechte Lebenshaltung gleicht dem Wasser. Das Wasser ist überall und an allen Orten.
Es ist auch an jenen Orten, die von den Menschen verachtet werden.
Darum nähert sich der Weise Tao.
Er wohnt am rechten Ort. Sein Herz ist tief wie ein Abgrund. Seine Liebe ist vollkommen. Er steht in der Wahrheit und erfüllt Wahrheit, ist zum Regieren berufen, hält Ordnung. Seine Handlungen verrichtet er gut. Er tritt zur rechten Zeit in Aktion.
Wenn er nicht hadert und mit anderen in Streit gerät, gibt es an ihm nichts zu tadeln.

Das lebende Wasser

Das Wasser ist ein sehr erhabenes und universelles Symbol für die Kraftradiationen des neuen Lebens. … Es ist wirklich lebendes Wasser, das über den Menschen, der den Pfad geht, ausgegossen wird und alle Ansichten seiner Existenz erfüllt. Er wird in diesem neuen Kraftstrom zu einer neuen Schöpfung, zu einem neuen Geschöpf. Er erfährt eine neue Genesis, einen neuen Beginn. Und so wie bei der ersten Genesis Gottes Geist über den Wassern schwebte und ein Firmament schuf inmitten der Wasser, so entsteht auch im Kandidaten ein neues Firmament, sobald das lebende Wasser über ihn ausgegossen wird, nämlich eine neue Lipika, ein neues magnetisches System, wodurch er ein völlig anderes, ein vollkommen neues Persönlichkeitsbewusstsein erhält. Er wird erneut beseelt durch seinen inneren Gott, dem Bewirker seiner Rettung.

Die Seele dürstet

Aber die Voraussetzung ist Durst! Die Seele muss aus Erfahrung, aus Not dürsten; das ist Heilbegehren: »Es dürstet meine Seele nach dir« (Psalm 63) … Zwischen Ihnen und dem Geist des Tals, zwischen Ihnen und dem Gott in Ihnen kann kein Priester stehen und auch keine Geistesschule. Diesen Bund haben Sie selbst in Selbstautorität zu schließen, und was die Geistesschule für Sie tun kann, das geschieht. Die Geistesschule besitzt ein Kraftfeld, angefüllt mit lebendem Wasser, um den Ruf Ihres inneren Gottes: »Neiget eure Ohren her« zu unterstützen. …

Wenn Sie es ergreifen, wird vom gleichen Augenblick an der Strom des lebenden Wassers auf Sie herabfließen. Dann werden Sie weise, so weise, dass andere sich an Ihrer Glorie trösten und wärmen können. So werden Sie ein Licht auf dem Pfad sein im Dienst der Bruderschaft, damit jeder Irrende und Einsame seinen Herrn finden kann. So nähert sich der Weise Tao. …

Wer nach den Wassern dürstet, der empfängt das Wasser des Lebens umsonst, das ist magnetisches Gesetz. Wer so rein wird, besitzt als Signatur ein unergründlich tiefes Herz, und darum ist seine Liebe vollkommen. Es ist die Liebe, die aus dem neuen Strahlungsfeld stammt und darin wurzelt. Das ist eine Liebe, die keinen Hass und keine Rache hervorbringt. Das ist eine Liebe, die schon seit undenkbar langen Zeiten den gefallenen Menschen begleitet, ihn durch alles hin nicht verlässt, um zu retten, was verloren ist.

Kapitel 9
Man muss der gefüllten Vase fernbleiben.
Man darf die Schneide einer Klinge nicht berühren.
Man darf einen Saal, geschmückt mit Gold und Edelsteinen, nicht behalten wollen.
Wer auf seinen Reichtum stolz ist, wird Unglück erfahren.
Wenn das Werk vollbracht und der Name gemacht ist, muss man sich zurückziehen.
Das ist der Weg des Himmels.

Der verborgene Schlüssel

Die Universelle Bruderschaft hat sich zu allen Zeiten, sowohl beim gesprochenen als auch beim geschriebenen Wort auf das bildende Bewusstsein eines dazu geadelten Lesers berufen. In jeder Zeile einer solchen Schrift ist ein Schlüssel verborgen. Kann ein Leser den Schlüssel erkennen und ergreifen, dann ergibt sich der Sinn der Aussage von selbst. Kann ein Leser den wahren Sinn, den Schlüssel nicht erkennen, dann versteht er nichts und kann es daher nicht übersetzen, auch wenn er der gelehrteste Mensch aller Zeiten wäre. …

Im zweiten Brief an Timotheus schreibt Paulus: »So nun jemand sich reinigt, der wird ein geheiligtes Gefäß sein zu Ehren dem Hausherrn, zu allem guten Werk bereitet«. (2. Tim. 2/21). Denken Sie auch an die vielen symbolischen Erzählungen über den Gralsbecher, den geöffneten Kelch, stilisiert als geöffnete Lilie dargestellt, und dann hören Sie Lao Tse sagen: Man muss der gefüllten Vase fernbleiben.

Das ist der Schlüssel! Das Kind Gottes besitzt eine gefüllte Vase, die siebenblättrige Rose, den siebenblättrigen Lilienkelch, den Gralsbecher des Herzens. Weil es diesen heiligen Becher besitzt, ist es ein Kind Gottes. Dieser Becher vertritt das gesamte Königreich Gottes in uns. Im Uratom liegt ein Universum, das All beschlossen.

Der Andere in mir muss wachsen

Haben Sie noch niemals gelesen oder gehört, dass die Meister des Grals den Gralsbecher in einen wunderschönen Tempel brachten, in ein Heiligtum, geschmückt mit Gold und Edelsteinen, und dass dieses Heiligtum der wunderbaren Rose von den denkbar schönsten und edelsten Reichtümern erfüllt ist? Ein solches Heiligtum besitzt Ihr Mikrokosmos: »Seid froh und freuet euch, denn das Reich Gottes ist inwendig in euch«, das neue Jerusalem mit seinen zwölf Pforten. …

Wenn Sie so »der Vase« gegenüber die einzig richtige Haltung eingenommen haben, kann es geschehen, dass Sie in Ihrem Dienst für Suchende und Irrende das heilige Wort erkennbar machen dürfen, dass Sie die schönen, serenen Farben und Ansichten der Vase erkennbar machen dürfen, damit die Sucher, durch diese herrliche Verheißung getröstet, einmal den gleichen Weg gehen dürfen und können. …

So wird uns auch der Rosenkreuzer dargestellt, der Diener der Universellen Bruderschaft. Er bleibt nahe bei der Vase des Herzens, um ihre Farben erkennbar zu machen. Er wird darum aber nicht überheblich. Er, der unermesslich reich geworden ist, wird nicht stolz darauf sein, denn: Wer auf seinen Reichtum stolz ist, wird Unglück erfahren.

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