Der Lebensbaum

Der Lebensbaum ist ein verbreitetes Motiv in Schöpfungsmythen, Märchen und Naturkulten. Auch in der jüdisch-christlichen Tradition hat er seinen Platz; seine Aufgabe wird jedoch unterschiedlich interpretiert.

Schon auf den ersten Seiten des Alten Testamentes in der Genesis ist die Rede vom „Baum des Lebens“, der im Paradies neben dem „Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen“ steht. Und am Ende des Neuen Testamentes, auf der letzten Seite der Offenbarung des Johannes, steht der Lebensbaum mitten im Neuen Jerusalem und trägt zwölf mal im Jahr Früchte.

Das Paradies in einem neuen Licht

Was bedeutet dieser geheimnisvolle Lebensbaum in christlicher Sicht? Darüber gibt es verschiedene Auffassungen.

Die Texte des Neuen Testamentes bilden nur einen kleinen Teil einer viel größeren Anzahl Schriften, die in den ersten vierhundert Jahren unserer Zeitrechnung durch den Christus-Impuls entstanden sind. Einige Dutzend dieser Handschriften in der Sprache der koptischen Ur-Christen wurden 1945 bei Nag Hammadi in Oberägypten wieder entdeckt. Manche dieser Schriften enthalten Schöpfungsberichte, und auch da ist vom Baum des Lebens in der Mitte des Paradieses die Rede, so in den Schriften ‘Das Zeugnis der Wahrheit’ und ‘Das Apokryphon des Johannes’. Die Verfasser dieser Texte interpretieren die Paradies-Szene jedoch ganz anders als die theologische Tradition.

Zwei Schöpfungen

Die Schriften aus Nag Hammadi unterscheiden zwei Schöpfungen: eine ursprüngliche, göttliche und eine später entstandene, materiell verdichtete. Das sogenannte Paradies ist für sie das Werk und das Reich eines zweiten, untergeordneten Weltenschöpfers, der über die Materie herrscht und der Eigenwilligkeit verfallen ist.

Nach diesen Texten verbietet der Herrscher jenes Paradieses den Menschen, vom Baum der Erkenntnis und vom Baum des Lebens zu essen. Er will damit verhindern, dass sie seinen Machtbereich verlassen. Denn wenn sie von den verbotenen Bäumen essen – so der Mythos – können sie sich von den Beschränkungen dieser Welt befreien, gewinnen Unsterblichkeit und gelangen wieder in das ursprüngliche, göttliche Lebensfeld.

Die Bestimmung der Menschen

Dorthin zu gelangen ist aber die eigentliche Bestimmung des Menschen. Deshalb müssen sie vom Baum der Erkenntnis und vom Baum des Lebens essen, und sie müssen das Paradies verlassen. Eva versteht die Sprache der klugen Schlange und bringt Adam dazu, auch von den verbotenen Früchten zu essen. Das öffnet ihnen die Augen und sie erkennen ihren Zustand. Es ist der erste Schritt ihrer Bewusstwerdung. Diese Interpretation mag verblüffen, denn sie verändert die Bedeutung der alten Legende vollständig, aber sie ist in sich schlüssig und logisch.

Der wahre Widersacher

Nach den Schriften von Nag Hammadi ist das Paradies also die Welt des noch unbewusst lebenden Menschen, der in ihren Gesetzen aufgeht. Die Persönlichkeit dieses Menschen stimmt mit dem Kraftfeld des Herrschers jener Welt überein. In dem Augenblick aber, da der Mensch beginnt, nach einem höheren, bewussteren Leben zu streben, stellt er sich gegen die herrschenden Kräfte, die so zu seinem Widersacher werden. Für den um das wahre Leben Ringenden ist also nicht die Schlange der Widersacher, sondern der Herrscher jener Welt.

Die Rolle der Schlange

Was bedeutet nun die Schlange? – Sie ist ein äußerst komplexes und universelles Symbol und wird als Vermittlerin zwischen Himmel und Erde in verschiedenen Traditionen mit dem kosmischen Baum, dem Lebensbaum verknüpft.

Struktur, Energie und Information

Lebensbaum und Schlange gehören also irgendwie zusammen. Beide scheinen mit der spirituellen Entwicklung des Menschen zu tun zu haben. Man kann sagen, der Baum steht für die Struktur und die Schlange für die Energie und die Information. Manche Weisheitslehren wie die hier vertretene kennen sogar einen organischen Zusammenhang: Der Lebensbaum entspricht dort der Wirbelsäule, die von der Seite betrachtet einer aufgerichteten Schlange gleicht. Das mag mit ein Grund dafür sein, dass dieses Organ im Laufe der Menschheitsgeschichte von einer Vielzahl von Schlangenmythen umrankt worden ist. Die bekannteste ist wohl die indische Kundalini-Lehre mit der dreifachen Schlangenkraft in der Wirbelsäule.

Der Ruf

Die im obigen Mythos dargestellten Zusammenhänge lassen sich weiterführend auch auf die Situation des nach Erkenntnis strebenden Menschen von heute übertragen: Nachdem der Mensch lange genug vom Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen gegessen und das Paradies der Unbewusstheit verlassen hatte, ruft Eva – seine innere Stimme – ihn auf, sich nun dem Baum des Lebens und seinen Kräften zuzuwenden. Es ist der Ruf, sich von der gewohnten Welt zu befreien und den Rückweg in das ursprüngliche, göttliche Lebensgebiet wieder anzutreten.

Der dreifache Baum

Der Baum des Lebens weist also hin auf eine neue Entwicklung für den Menschen, auf seinen Aufgang in das wahre, göttliche Leben. Durch einen mächtigen Veränderungsprozess wird er am Ende ein neues Schlangenfeuersystem erwerben, das eine dreifache Wirksamkeit beweist. So wird auch die Bedeutung des dreifachen Baumes des Lebens am Schluss der Johannes-Offenbarung verständlich. Er ist das Symbol für die dreifache Schlangenkraft; und das zwölffache Früchtetragen des Baumes deutet hin auf die zwölf Nervenstränge, die vom Gehirn ausgehen und die nun mit den göttlichen Lebenskräften geladen sind. Die richtige Wirksamkeit dieses dreifachen Systems, oder besser: die Wiederherstellung der dreifachen Wirksamkeit ist unmittelbar mit der christlichen Heilstatsache der Auferstehung verbunden.

Der siebente Schöpfungstag

Die Arbeit Gottes mit der Menschheit ist in der Sprache der Genesis bis zum sechsten Tag fortgeschritten, aber noch nicht beendet. Die Menschheit ist noch im Werden. Der siebente Schöpfungstag, der Tag der Erfüllung, beginnt für den Menschen dann, wenn in ihm die neue Schlangenkraft erwacht.

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