Der goldene Faden der Ariadne

Bis in unsere Zeit hat sich das Sprichwort vom Faden der Ariadne erhalten. Aber nur wenige kennen noch die näheren Umstände dieser griechischen Legende. Deutlich spürbar bleibt jedoch die klare Orientierung, die sie bei wichtigen Lebensfragen bieten kann.

Ariadne war die Tochter des mächtigen Königs Minos von Kreta. Er besaß ein geheimnisvolles Labyrinth mit vielen verwirrenden Gängen. Ariadne bedeutet „die Hochheilige“. Sie wirkt wie eine Priesterin und verwaltet das Fadenknäuel, das zur Orientierung im Labyrinth nötig ist. Nur wer den Faden von Ariadne gereicht bekommt, kann sich in den verwirrenden Gängen des Labyrinthes sicher bewegen und auch wieder herausfinden.

Im Zentrum des Labyrinths sitzt ein Ungeheuer

Es ging die Sage, dass im Zentrum ein schreckliches Ungeheuer mit dem Namen Minotaurus hause. Dieser Minotaurus war eine Missgeburt, halb Stier, halb Mensch. König Minos hatte das Untier durch einen Fehltritt gezeugt. Er ließ deshalb das Labyrinth bauen, um dieses Wesen dort einzusperren.

Dennoch war er durch sein Schicksal verpflichtet, dem Minotaurus Nahrung zuzuführen. Ausschließlich Menschenopfer dienten dem Minotaurus als Speise. Aber König Minos suchte dafür nicht x-beliebige Menschen aus, sondern verlangte von Athen jährlich als Tribut edle Jungfrauen und Jünglinge dieser Stadt als Speise für den Minotaurus. Ohne den Faden kamen sie im Labyrinth immer ums Leben.

Legende vom geheimnisvollen Faden

Als Tochter des Königs Minos von Kreta verfügte Ariadne über ein Mittel gegen grundsätzliche Verirrungen im aktuellen Leben. Athen wartete auf einen wirklichen Helden, der es mit dem Minotaurus aufnehmen konnte, das heißt, ihn ein für allemal tötete. Die Sage spricht vom Königssohn Theseus aus Athen, der für den Kampf gerüstet schien.

Jeder erwachende Mensch wird sich bewusst, dass er durch sein Karma mit einem derartigen Minotaurus in seinem Unterbewusstsein in Verbindung steht. Ein so veranlagter Mensch muss also sein eigenes Labyrinth betreten und braucht eine entscheidende Hilfe zur Orientierung auf seinem notwendig neuen Lebensweg.
Ariadne besitzt das geheimnisvolle Fadenknäuel, das sie dem Helden Theseus in dem Augenblick reicht, als dieser das gefürchtete Labyrinth auf Kreta betreten will. Denn sie hat sich in den Helden Theseus verliebt. Entlang des abgewickelten Fadens kann sich Theseus im Labyrinth orientieren und auch wieder herausfinden.

Zum Kern des Daseins durchdringen

Man kann es so sehen: Theseus tritt mit einer besonderen Hilfe eine Reise ins eigene Labyrinth an und begegnet dort allem Unbewältigten in seinem Dasein. Er muss bis zum Kern des eigenen Lebens durchdringen. Deshalb tritt ihm in der Sprache des Mythos das Unbewältigte als schreckliche Missgeburt entgegen. Theseus muss zunächst diese unterbewussten Triebkräfte in sich erkennen und überwinden. Denn der Minotaurus hält alle hoffnungsvollen Anlagen zum höheren Menschsein gefangen.

Mit Hilfe der Richtschnur der Ariadne gelingt es Theseus, die dunklen Seiten in seinem Leben auszulöschen. Aus Dankbarkeit darüber will Theseus Ariadne mit nach Athen nehmen und heiraten. Die Erzählung berichtet, dass Theseus aber dann die schlafende Ariadne auf der Insel Naxos verlässt und somit sein Gelöbnis bricht.

Die Vermählung der Seele mit dem göttlichen Geist

In einem älteren Mythos gibt es eine ganz andere Erklärung: Theseus wird sich plötzlich bewusst, dass sich Ariadne mit einem Gott vermählen soll, dem Dionysos. Denn Ariadne ist die hochheilige Seele. Auf Amphoren wird gezeigt, wie Ariadne dem Dionysos die Hand reicht.

So gesehen steckt dahinter eine viel tiefere Wahrheit.
Der Mythos sieht von einer irdischen Heirat ab. Wohl geht es darum, dass ein besonderer Wille in Gestalt des Theseus die Hochzeit der Seele mit dem Geist erst ermöglichen muss. Alles Niedere muss in dem Willensakt zunächst mühevoll überwältigt werden, ehe sich die reine Seele mit dem göttlichen Geist verbinden kann.

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