Der fünfte Tag

Die Alchimische Hochzeit des Christian Rosenkreuz

Das Lied der Liebe hört Christian Rosenkreuz am fünften von sieben Tagen der Alchimischen Hochzeit des Christian Rosenkreuz. Lesen Sie hier den Urtext des Romans mit ausgewählten Kommentaren aus der esoterischen Analyse von Jan van Rijckenborgh und Links zu Artikeln.

Esoterische Analyse der Chymischen HochzeitChristiani Rosencreutz anno 1459von Jan van Rijckenborgh

Das Lied der Liebe hört Christian Rosenkreuz am fünften von sieben Tagen der Alchimischen Hochzeit des Christian Rosenkreuz. Hier lesen Sie den Urtext des fünften Tages aus dem Einweihungsroman von Johann Valentin Andreae (1616). Innerhalb des Textes finden Sie ausgewählte Kommentare aus der esoterischen Analyse von Jan van Rijckenborgh sowie Links zu weiterführenden Artikeln, die von Schülern des Lectorium Rosicrucianum verfasst wurden.

Um dem Online-Leser die Orientierung zu erleichtern, wurden in den Urtext Zwischenüberschriften eingefügt.

Die Buchausgabe in zwei Bänden mit der vollständigen esoterischen Analyse ist erschienen bei:

Rozekruis Pers – Haarlem – Niederlande
Teil 1: Dritte, überarbeitete Ausgabe 1997
Teil 2: Zweite, überarbeitete Ausgabe 1991

Alle Rechte, insbesondere die der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil dieser Texte und Bilder darf in irgendeiner Form durch Druck, Photokopie, elektronische Medien oder irgendein anderes Verfahren ohne vorherige schriftliche Zustimmung des Verlages reproduziert werden.


 

FÜNFTER TAG

Das Grabgewölbe

Die Nacht war vorüber und der liebe, erwünschte Tag angebrochen. Da sprang ich aus dem Bett, mehr begierig zu erfahren, was noch geschehen würde, als dass ich genug geschlafen hatte. Nachdem ich mich nun angekleidet und meiner Gewohnheit nach die Treppe hinunterbegeben hatte, war es noch zu früh, und ich fand niemanden im Saal. Daher bat ich meinen Knaben, mich ein wenig im Schloss herumzuführen und mir etwas Besonderes zu zeigen. Er war auch willig wie immer und führte mich bald einige Treppen unter die Erde zu einer großen eisernen Tür, Darauf waren nachfolgende Worte aus großen kupfernen Buchstaben angebracht:

HIER LIEGT BEGRABEN
VENUS,
DIE SCHÖNE FRAU,
DIE SO MANCHEN HOHEN MANN
UM GLÜCK, EHRE, SEGEN
UND WOHLFAHRT GEBRACHT HAT

Das habe ich abgezeichnet und auf meinem Schreibtäfelchen festgehalten. Nachdem nun diese Tür geöffnet war, führte mich der Knabe an der Hand durch einen völlig finsteren Gang, bis wir wieder zu einer kleinen Tür kamen.

Die war nur angelehnt, denn wie mir der Knabe berichtete, hatte man sie erst gestern geöffnet, um die Särge herauszuholen, und sie war noch nicht wieder geschlossen worden.

Als wir hineintraten, erblickte ich das Allerköstlichste, was die Natur je erschaffen hat. Denn dieses Gewölbe hatte kein anderes Licht sonst als das von einigen übergroßen Karfunkeln, und diese waren, wie mir berichtet wurde, des Königs Schatz. Das Herrlichste und Vornehmste aber, das ich dann sah, war ein Grab, das sich in der Mitte befand und so kostbar war, dass ich mich wunderte, dass es nicht besser bewacht wurde. Darauf erwiderte mir der Knabe: Ich hätte allen Grund, mich bei meinem Planeten zu bedanken, durch dessen Einfluss ich einige Dinge zu sehen bekäme, die keines Menschen Auge sonst je gesehen hatte, außer des Königs Gesinde.

Kommentar 33: Die Bedeutung des Grabgewölbes

...jetzt erst kann die Arbeit der wirklichen Auferstehung beginnen. Dazu steigt er in das Grabgewölbe des Herzens hinab, um als neuer priesterlicher Mensch seinen wiedergeborenen Willen mit dem zu verbinden, was er dort als beseelendes Element vorhanden weiß. Im Herzheiligtum des Menschen, sogar in dem des am tiefsten gesunkenen Menschen, ist eine mächtige, eine alles verwirklichende Kraft verborgen, nämlich die Kraft und die Macht der Liebe, von der gesagt wird, dass sie Gott selbst ist; und über die der 1. Korintherbrief im Kapitel 13 in ein Loblied ausbricht und ein herrliches Zeugnis gibt.
Diese Kraft muss in Wahrheit die Kernkraft des gottmenschlichen Zustandes genannt werden. In der Universellen Lehre wird sie als spiritueller Mittelpunkt des mikrokosmischen Menschen bezeichnet, als Gottesfunke, versunken in der Natur. Die Rosenkreuzer sprechen von der Rose des Herzens; Die alchimische Hochzeit nennt sie Venus...
Dieses Mysterium zu erwecken, ist das Ziel des Fünften Tages. Die Liebe Gottes zu befreien, ist der Auftrag für den neuen priesterlichen Willen. (Jan van Rijckenborgh: Alchimische Hochzei Band 2, S. 119 ff.)

Der Anblick der Venus

Das Grab war dreieckig und hatte in der Mitte einen polierten kupfernen Kessel. Alles andere bestand aus lauter Gold und Edelsteinen. In dem Kessel stand ein Engel, der hielt in den Armen einen unbekannten Baum, aus dem es ständig in den Kessel tropfte. So oft eine Frucht in den Kessel fiel, wurde auch sie zu Wasser und floss weiter in drei goldene Nebenkessel. Diesen kleinen Altar trugen drei Tiere, ein Adler, ein Ochse und ein Löwe. Sie standen auf einem überaus kostbaren Sockel.

Ich fragte meinen Knaben, was das zu bedeuten habe. Er antwortete: »Hier liegt begraben Venus, die schöne Frau, die so manchen hohen Mann um Glück, Ehre, Segen und Wohlfahrt gebracht hat.«

Danach zeigte er mir eine kupferne Falltür und sagte: »Hier können wir, wenn es euch beliebt, weiter hinabgehen.« »Ich folge dir immer«, antwortete ich und ging die Stufen hinab. Dort war es ganz finster. Der Knabe öffnete aber schnell ein kleines Kästchen, in dem ein immer brennendes Licht stand. Daran zündete er eine von den vielen dabei liegenden Fackeln an. Ich erschrak heftig und fragte ernst, ob er das tun dürfe. Er gab mir zur Antwort »Da die königlichen Personen jetzt ruhen, habe ich nichts zu befürchten.«

Da erblickte ich ein kostbar hergerichtetes Bett, von schönen Vorhängen umgeben. Er öffnete einen. Da sah ich Frau Venus, völlig bloß – denn die Decke hatte er abgehoben – in solcher Schönheit und Zartheit dort liegen, dass ich fast erstarrte. Auch jetzt weiß ich noch nicht, ob nur ein geschnitztes Bild oder ein toter Mensch dort lag, denn sie war völlig unbeweglich, auch durfte ich sie nicht berühren. Damit wurde sie wieder bedeckt und der Vorhang zugezogen. Ich aber hatte sie noch immer vor Augen.

Da erblickte ich jedoch hinter dem Bett eine Tafel, darauf stand geschrieben:

WENN DIE FRUCHT MEINES BAUMES
VÖLLIG ZERSCHMOLZEN IST
WERDE ICH ERWACHEN
UND MUTTER EINES KÖNIGS SEIN.

Ich fragte meinen Knaben nach der Schrift. Er aber lachte und versprach, dass ich es noch erfahren sollte.

Kommentar 34: Die Bedeutung der Venus

So steigt dann aus dem Gottesfunken und vom Altar des Herzens eine mächtige Strahlung empor, die sich wie ein Baum weit in alle Richtungen verzweigt. Es ist die Radiation der ewigen und allgegenwärtigen, in uns allen versunkenen, universellen, göttlichen Liebe ... Die Urkraft der Liebe, die den Menschen angreift, verursacht einen Prozess der Verzehrung, das ist Umwandlung in Stoff, in Ursubstanz: die »Wassertropfen«, die wegfließen...
Darum verstehen wir jetzt noch besser das Wort aus dem Fünften Tag, das auf einer Tafel bei der noch im Todesschlaf liegenden Venus steht: “Wenn der Baum völlig zerschmolzen ist, werde ich erwachen und Mutter eines Königs sein, nämlich des Gott-Menschen, des König-Priesters.”
Wer in den Prozess der gnostischen Umwandlung und Bewusstwerdung eintritt, tritt also buchstäblich und körperlich in einen alchimischen Transmutationsprozeß ein, einen Prozess im zunehmenden Brand der Liebe, in dem die niederen Metalle in höhere umgewandelt werden, bis schließlich das reine Gold entstanden ist. (Jan van Rijckenborgh: Alchimische Hochzeit Band 2, S. 127-129)

Dann löschte er die Fackel, und wir stiegen wieder hinauf. Da besah ich alle Türen genauer und fand, dass auf jeder Ecke ein Pyritlichtchen brannte, was ich vorher nicht wahrgenommen hatte. Ihr Schein war so hell, dass es eher einem Stein glich, als einem Licht. Von dieser Hitze musste der Baum fortwährend schmelzen, brachte jedoch immer wieder andere Früchte hervor.

Dann sprach der Knabe: »Ich horte, was der Atlas dem König eröffnete: Wenn der Baum, so sagte er, völlig zerschmolzen ist, wird Frau Venus wieder erwachen und Mutter eines Königs sein.«

Als er noch so redete und vielleicht noch mehr sagen wollte, flog der kleine Cupido herbei. Zuerst war er durch unsere Anwesenheit etwas unangenehm berührt. Als er jedoch sah, dass wir beide den Toten ähnlicher waren als den Lebendigen, musste er schließlich selbst lachen und fragte mich, welcher Geist mich hierher gebracht habe. Ich antwortete zitternd, dass ich mich im Schloss verirrt hätte und unabsichtlich hierher gelangt sei. Der Knabe hätte mich schon überall gesucht und endlich hier getroffen. Ich hoffte, er würde es mir nicht böse auslegen.

»Dann steht es noch gut,« sprach Cupido, »mein alter neugieriger Gevatter. Aber ihr hättet mir leicht einen groben Streich spielen können, wenn ihr diese Tür wahrgenommen hättet. Nun muss ich sie besser verriegeln.« Dann legte er ein starkes Schloss vor die kupferne für, durch die wir vorher hinabgestiegen waren.

Ich dankte Gott, dass er uns nicht eher angetroffen hatte, und mein Knabe war noch froher, dass ich ihm aus der schwierigen Lage geholfen hatte. »Ich kann es jedoch nicht ungerächt lassen,« sprach Cupido, »dass ihr meine liebe Mutter fast überfallen hättet« Damit hielt er die Spitze eines seiner Pfeile in eins der Lichte, bis sie ein wenig warm geworden war und stach mich damit in die Hand. Ich achtete wenig darauf sondern war froh, dass es so gelaufen war und wir ohne weitere Gefahr davonkamen.

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Wie Christian Rosenkreuz das Begräbnis der leeren Särge beobachtet

Das Begräbnis der leeren Särge

Inzwischen waren meine Gefährten auch aus dem Bett gestiegen und hatten sich im Saal eingefunden. Ich gesellte mich zu ihnen und tat so, als wäre ich auch erst aufgestanden. Nachdem Cupido alles gut verriegelt hatte, kam er auch zu uns, und ich musste ihm die Hand zeigen. Darauf befand sich noch ein Tröpfchen Blut, worüber er lachte und zu den anderen sagte, sie sollten auf mich achten, da bald das Ende meiner Tage kommen würde. Es wunderte uns alle, wieso Cupido so lustig war und gar nicht mehr an die gestrige traurige Geschichte zu denken schien. Jedenfalls trauerte er nicht.

Inzwischen hatte sich auch unsere Präsidentin zur Abfahrt bereitgemacht. Sie erschien ganz in schwarzen Samt gekleidet, trug jedoch ihren Lorbeerzweig. Auch ihre Jungfrauen hatten alle Lorbeerzweige.

Als nun alles bereit war, ließ uns die Jungfrau zunächst einen Trunk zu uns nehmen und uns danach für den feierlichen Umzug fertig machen. Daher säumten wir nicht länger, sondern folgten ihr aus dem Saal hinaus in den Hof. Dort standen sechs Särge, und meine Gefährten nahmen an, dass die sechs königlichen Personen darin lägen. Ich aber bemerkte den Schwindel wohl, wusste jedoch nicht, was man mit den anderen vorhatte.

Kommentar 35: Die Bedeutung der leeren Särge

Wie müssen wir dieses Schauspiel verstehen? Es wird damit betont, dass der enduristische Tod der sieben Bewusstseinsansichten, den der Schüler freiwillig in sich vollzieht, absolut nicht mit einem wirklichen, natürlichen Tod verglichen werden darf. Es ist ein Tod zum Leben, eine völlige Neutralisation der alten Natur, damit die neue Natur erwacht. (Jan van Rijckenborgh: Alchimische Hochzeit Band 2, S. 134)

Bei jedem Sarg standen acht vermummte Männer. Sobald nun die Musik anhob (es war ein so trauriges, feierliches Musizieren, dass ich mich entsetzte), hoben die Männer die Särge auf, und wir mussten, so wie wir aufgestellt wurden, hinterhergehen bis in den bereits erwähnten Garten. In dessen Mitte war ein hölzernes Gebäude errichtet, dessen Dach ringsum ein herrliches Kronensims besaß und auf sieben Säulen stand. Darin waren sechs ausgehobene Gräber und bei jedem lag ein Stein. In der Mitte aber lag ein runder, hochragender, ausgeholter Stein.

In diese Gräber wurden die Särge still und mit vielen Zeremonien herabgelassen, die Steine darübergeschoben und alles gut verschlossen. In der Mitte aber musste das kleine Kistchen stehen. So wurden meine Gefährten betrogen, denn sie glaubten, dass die Leichname der Getöteten in den Kisten lägen. Darauf lag eine große Fahne mit einem Phönix, um uns vielleicht noch mehr irrezuführen. Wieviel hatte ich Gott zu danken, da ich mehr als andere gesehen hatte.

Nachdem das Begräbnis vorüber war, hielt die Jungfrau, die sich auf den Stein in der Mitte gestellt hatte, eine kurze Ansprache. Wir sollten uns an unser Versprechen halten und nicht über künftige Mühen klagen, sondern den soeben begrabenen königlichen Personen wieder zum Leben helfen. Darum sollten wir unverzüglich aufbrechen und mit ihr zum Turm Olympus fahren, um dort die dafür taugende und notwendige Arznei zu holen.

Kommentar 36: Die Bedeutung des Turms von Olympus

Hier beginnt also deutlich die Arbeitsperiode, die völlig innerhalb der Sphäre der neuen Bewusstwerdung liegt. Vor allem wird unsere Aufmerksamkeit auf die Reise zum Turm von Olympus gelenkt. Wir wollen untersuchen, was wir darunter verstehen müssen. Aus der klassischen Mythologie wissen Sie, dass der Olymp ein Berg ist, der Wohnsitz der Götter. In der Bibel und in der Universellen Lehre spielen Berge eine große Rolle. Viele Namen werden uns genannt, aber sie haben tatsächlich alle denselben Zweck, nämlich den Ort, den Brennpunkt der Enthobenheit, der Befreiung anzudeuten. (Jan van Rijckenborgh: Alchimische Hochzeit Band 2, S.135)

Dem stimmten wir zu und folgten ihr durch eine andere Tür zum Ufer. Dort lagen die bereits beschriebenen Schiffe, jedoch alle leer. Alle Jungfrauen befestigten ihre Lorbeerzweige daran, und nachdem sie uns auf die sechs Schiffe verteilt hatten, ließen sie uns im Namen Gottes fahren und sahen uns nach, solange sie konnten. Dann gingen sie mit allen Wächtern wieder ins Schloss zurück.

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Was Christian Rosenkreuz auf seiner Schifffahrt zum Turm von Olympus erlebt

Die Schifffahrt zum Turm von Olympus

Jedes unserer Schiffe hatte eine große Flagge und ein besonderes Zeichen. Zwar hatten fünf die regelmäßigen Körper, jedes Schiff jedoch einen anderen. Mein Schiff, auf dem sich auch die Jungfrau befand, hatte eine Kugel. Wir fuhren also in einer bestimmten Ordnung, und jedes Schiff hatte nur zwei Bootsmänner.

Schließlich zog das Schiff a nach vorn, in dem meiner Meinung nach der Mohr lag. In diesem waren zwölf Musikanten, die gute Arbeit leisteten. Als Zeichen führte dieses Schiff die Pyramide.

Darauf folgten drei Schiffe nebeneinander, nämlich b, c und d. Auf diese drei waren wir verteilt worden. Ich saß im Schiff c. In der Mitte fuhren die beiden schönsten und größten Schiffe, e und f. Es fuhr kein Mensch darin. Sie waren mit vielen Lorbeerzweigen geschmückt, und ihre Flaggen zeigten Sonne und Mond. Zuletzt aber kam Schiff g, in diesem waren vierzig Jungfrauen.

Als wir nun so über den See fuhren, kamen wir durch einen engen Arm erst hinaus aufs eigentliche Meer.

Kommentar 37: Die Bedeutung des Meeres

Es wird Ihnen vielleicht bekannt sein, dass die geheiligten Räume, in denen der Geist sich vollkommen offenbart, in der heiligen Symbolik immer als das Meer angedeutet werden. Die Fülle Gottes und der Heilige Geist werden immer mit dem Meer verglichen, dem Meer der Gottesoffenbarung.
Das ist auch die Bedeutung des Namens Maria. »Maria« ist abgeleitet von dem Wort mare oder Meer. Aus dieser Maria, aus diesem Meer der reinen ursprünglichen astralen Substanz, muss das Gotteskind, der neue Mensch, geboren werden. Darum ist dieses Mare oder Maria die Mutter Gottes, die Mutter des Gotteskindes. (Jan van Rijckenborgh: Alchimische Hochzeit Band 2, S. 145)

Dort warteten auf uns Sirenen, Nymphen und Meergöttinnen. Sie sandten daher schnell eine Meerjungfrau an uns ab, um ein Geschenk und Glückwünsche zur Hochzeit zu übermitteln. Es war eine kostbare, große, eingefasste Perle, wie sie weder in unserer noch in der neuen Welt je gesehen wurde, rund und glänzend.

Die Jungfrau nahm sie freundlich an. Darauf bat die Nymphe weiter, ob man ihren Gespielen Audienz gewähren und einen Augenblick verweilen wollte. Damit war die Jungfrau zufrieden. Sie ließ die beiden großen Schiffe in der Mitte halten und mit den anderen herum ein Pentagramm bilden.

Darauf verteilten sich die Nymphen ringsherum und begannen mit lieblicher Stimme zu singen:

I
Nichts ist besser auf Erden
als die schöne, edle Liebe,
damit Gott gleich wir werden
und keiner den anderen betrübe.
Darum lasst uns dem König singen,
das ganze Meer soll erklingen.
Wir fragen -- antwortet ihr.
II
Was brachte uns das Leben?
Die Liebe.
Was hat wieder Gnade uns gegeben?
Die Liebe.
Woraus sind wir geboren?
Aus Liebe.
Wie wären wir verloren?
Ohne Liebe.
III
Wer hat uns denn gezeugt?
Die Liebe.
Warum hat man uns gesäugt?
Aus Liebe.
Was sind wir den Eltern schuldig?
Die Liebe.
Warum sind sie so geduldig?
Aus Liebe.
IV
Was lässt uns überwinden?
Die Liebe.
Wie kann man Liebe finden?
Durch Liebe.
Wo lässt man gute Werke scheinen?
In Liebe.
Was kann noch zwei vereinen?
Die Liebe.
V
So singt nun alle
mit lautem Schalle,
um die Liebe zu ehren,
sie möge sich vermehren
bei unserem Herrn König und der Königin.
Ihr Leib ist hier, ihre Seele ist dahin.
VI
Wenn wir noch leben,
so wird Gott geben,
daß wie die Liebe und große Dienstbereitschaft
sie mit großer Kraft getrennt einst hat,
wir mit Glück durch Liebesflammen
sie wieder bringen zusammen.
VII
Dann soll dieses Leid
in große Freud'
für viel tausend Junge noch
verkehren sich in Ewigkeit.

Kommentar 38: Die Bedeutung der universellen Liebe

Dieses so vielfach mißbrauchte Wort Liebe müssen Sie nun auf ganz neue Weise verstehen. Liebe im wahren Sinn des Wortes ist eine elektromagnetische Kraft, eine Strahlung, welche die Idee der Verwandtschaft und Sympathie zum Ausdruck bringt. Der Strahl der universellen Liebe wird daher auch in der Universellen Lehre der »von dem Einen untrennbare Strahl« genannt, der sich nur mit der Seele vereinigen kann. Es ist eine aktive, göttliche Kraft, die das Kennzeichen des Meeres der Lebensfülle trägt, der Mare, der Maria, der Weltmutter, der Mutter des Gottes der Liebe mit ihren Kennzeichen Gnade und Barmherzigkeit.
Diese göttliche Allkraft ist die höchste der göttlichen Eigenschaften, die sieben Ansichten besitzt. Daher singen die Naturkräfte des neuen Lebenszustandes auch sieben Lieder. jan van Rijckenborgh: Alchimische Hochzeit Band 2, S. 157)

Als sie dieses Lied mit einer herrlichen Harmonie und Melodie gesungen hatten, wunderte ich mich nicht mehr darüber, dass Odysseus seinen Gefährten die Ohren verstopfte; denn ich glaubte, der unglückseligste Mensch zu sein, weil die Natur nicht auch mich als ein so anmutiges Geschöpf erschaffen hatte.

Die Jungfrau aber verabschiedete sich schnell und ließ weiterfahren. Daher zerstreuten sich auch die Nymphen wieder im Meer, nachdem ihnen zur Belohnung eine lange, rote Schärpe verehrt wurde.
Ich spürte, dass der Cupido auch bei mir zu operieren begann, was mir jedoch schlecht zur Ehre gereichte. Weil aber dem Leser meine Lügen nichts nützen, will ich es dabei bewenden lassen. Es war aber die Wunde, die ich, wie im ersten Buch berichtet wird, im Traum am Kopf empfing. Es sollte sich jedoch jeder von mir warnen lassen: Er gehe nicht unnötig zum Bett der Venus, denn Cupido kann es nicht leiden.

Lesen Sie auf der nächsten Seite:
Wie Christian Rosenkreuz mit der Arbeit im Turm von Olympus beginnt

Die alchimische Arbeit
im siebenfachen Turm von Olympus beginnt

Nach etlichen Stunden, als wir in freundlichem Gespräch ein gutes Stück gefahren waren, erblickten wir den Turm Olympus. Die Jungfrau befahl daher, mit einigen Schüssen unsere Ankunft anzuzeigen, was auch geschah. Bald sahen wir, dass eine große, weiße Flagge aufgezogen wurde und ein kleines vergoldetes Schiff uns entgegen kam. Als es sich näherte, sahen wir einen alten Mann darin, den Wächter des Turms, mit einigen weiß gekleideten Begleitern.

Wir wurden freundlich empfangen und zum Turm geführt. Dieser Turm stand auf einer vollkommen viereckigen Insel, die von einem so starken und breiten Wall umgeben war, dass ich beim Hindurchgehen 260 Schritte zählte. Hinter dem Wall lag eine schöne Wiese mit vielen Gärtchen, in denen seltsame, mir unbekannte Früchte wuchsen. Und den Turm umgab wieder eine Mauer. Der Turm selbst wirkte so, als hätte man sieben runde Türme aneinandergebaut. Der mittlere war etwas höher. Auch innen gingen die Türme alle ineinander über und besaßen sieben Stockwerke.

Als wir nun zur Tür des Turms kamen, führte man uns auf der Mauer ein wenig beiseite, damit man, wie ich wohl bemerkte, die Särge ohne unser Wissen in den Turm bringen konnte. Die anderen wussten davon nichts. Sobald das geschehen war, führte man uns in das unterste Stockwerk des Turms. Der Raum war zwar sehr schön bemalt, aber wir hatten dort wenig Kurzweil, denn es war nichts anderes als ein Laboratorium. Dort mussten wir Kräuter, Edelsteine und anderes zerstoßen, waschen und daraus Säfte und Essenzen bereiten, diese in Gläser füllen und zum Aufbewahren geben. Unsere Jungfrau war so beschäftigt, dass sie jedem Arbeit genug zu geben wusste.

Kommentar 39: Die Bedeutung des Laboratoriums

Das ist das höchste Ziel aller Magie: die ideale Zusammenwirkung zwischen Geist, Seele und Körper; zwischen dem Männlichen, dem Weiblichen und ihrem Sohn, ihrem Kind, dem Körper; zwischen dem König, der Königin und Christian Rosenkreuz. Diese Arbeit beginnt im untersten Stockwerk des Einweihungs-Turmes, das wie ein Laboratorium eingerichtet ist. Dort wird den Kandidaten aufgetragen, Kräuter, Edelsteine und verschiedene Stoffe zu waschen und daraus die Säfte und Essenzen zu gewinnen. Alle diese Präparate müssen für die Wiederbelebung der enthaupteten Körper gebraucht werden.
So beginnt die Arbeit, die schließlich zum Einswerden der Drei führen muss, wieder konsequent mit den reinen, ätherischen Lebenskräften, den heiligen Speisen, wie sie auf der Insel, auf dem Viereck für den Bau, gefunden werden. (Jan van Rijckenborgh: Alchimische Hochzeit Band 2, S. 169)

So mussten wir uns auf dieser Insel anstrengen, bis wir alles zuwege gebracht hatten, was zur Wiederbelebung der enthaupteten Leiber nötig war.

Inzwischen waren, wie ich später vernahm, drei Jungfrauen im ersten Raum und wuschen emsig die Leichname.

Als wir mit dem Zubereiten fast fertig waren, brachte man uns schließlich nur eine Suppe und einen Trunk Wein. Ich erkannte daran, dass wir nicht zu unserem Vergnügen hier waren; denn als wir unser Tagewerk getan hatten, wurde für jeden nur eine Decke auf die Erde gelegt, damit mussten wir uns begnügen.

Die fünfte Nacht:

Die sieben Flammen
auf der Turmspitze

Aber mich übermannte der Schlaf nicht, deshalb spazierte ich hinaus in den Garten und kam schließlich an den Wall. Da der Himmel damals sehr hell war, konnte ich mir mit der Beobachtung der Sterne die Zeit vertreiben. Zufällig kam ich zu großen, steinernen Stufen, die auf den Wall hinauf führten. Da der Mond so sehr hell schien, war ich umso mutiger, stieg hinauf und blickte ein wenig hinaus aufs Meer. Es war völlig still.

Da ich nun eine so gute Gelegenheit hatte, mich besser auf den Stand der Sterne zu besinnen, entdeckte ich, dass in dieser Nacht eine solche Konjunktion der Planeten stattfinden sollte, wie sie nicht so bald wieder zu beobachten sein würde.

Als ich nun so eine gute Weile über das Meer geblickt hatte und es beinahe Mitternacht war, sah ich, sobald es zwölf Uhr schlug, von fern sieben Flammen über das Meer kommen und sich oben auf die Spitze des Turms setzen. Das erweckte Furcht in mir, denn sobald die Flammen sich niedergelassen hatten, begannen die Winde das Meer ungestüm zu bewegen. Auch wurde der Mond von Wolken verdeckt, und meine Freude endete in solcher Furcht, dass ich mir kaum Zeit nahm, die Stufen zu finden, die hinunterführten und mich in den Turm zu begeben.

Ob die Flammen noch länger geblieben sind oder sich wieder entfernten, kann ich nicht sagen, da ich mich in der Finsternis nicht mehr hinaus wagte. Ich legte mich also auf meine Decke, und da der Brunnen in unserem Laboratorium lieblich und leise rauschte, schlief ich bald ein.

So endete also auch dieser fünfte Tag mit Wundern.

Lesen Sie im Teil 6:
Der sechste Tag – Wie Christian Rosenkreuz das alchimische Opus magnum
im Turm von Olympus vollbringt

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