Der Dichter Novalis und die Alchemie

Die alten Alchimisten suchten den Stein der Weisen, der unedle Metalle in Gold umwandelt. Für Novalis ist ein wahrer Alchimist, wer den Stein in sich selbst findet. Der Sinn der Alchimie ist die Verwandlung des Menschen.

Der Universitätschemiker Helmut Gebelein findet beim Blick in die Geschichte, dass „besonders hinzuweisen wäre auf Novalis, der vielen als ein Weiser gilt, der in seinen Werken hermetische Weisheiten mitteilt. Die Blaue Blume der Romantik in ‚Heinrich von Ofterdingen’ ist ganz eindeutig aus der Alchemie entnommen.“ 1

Friedrich von Hardenberg (1772–1801), der unter dem Namen Novalis publizierte, war einer der kreativsten Köpfe der deutschen Romantik. Bis heute gilt die von ihm „entdeckte“, oft zitierte „Blaue Blume“ als zentrales romantisches Symbol. Weniger bekannt ist, dass diese Blume der alchemistischen Bilderwelt entlehnt und Novalis in Leben und Werk von hermetischer 2 Weisheit inspiriert wurde.
Hardenberg begann seine vielversprechende Laufbahn als Verwaltungsjurist. Um sich auf neue Aufgaben in der kurfürstlichen Salinenverwaltung vorzubereiten, studierte Novalis nach dem Tod seiner Verlobten ab 1797 Bergbau und Chemie. Aus eigenem Antrieb vertiefte er sich zudem in Geschichte und Wesen der Alchemie (die Vielen bereits als wissenschaftlich veraltet galt); schon vorher hatte er sich mit ihr befasst, jedoch in geringerem Ausmaß.3

Was wollten die alten Alchemisten?

Ihr Ziel war es, „Gold“ (auch „König“ genannt) herzustellen. Dazu wurden mindere Stoffe im Koch- bzw. Reagenzgefäß (dem Kolben) etlichen Mischungs- und Erhitzungsvorgängen unterworfen. Es galt, das rechte Elixier zu erzeugen, den Stein der Weisen zu finden. Durch ihn wurde der fromme Alchemist zum Eingeweihten, zum Adepten. Diese Weisheitslehre geht u.a. zurück auf das Mysterium des Gottes Apollon zu Delphi („Delphos“ genannt) und auf dessen Tempelinschrift „Erkenne dich selbst!“ 
So heißt es denn am Ende von Novalis‘ Gedicht „Kenne dich selbst“ (1798):

„Glücklich, wer weise geworden und nicht die Welt mehr durchgrübelt,
Wer von sich selber den Stein ewiger Weisheit begehrt.
Nur der vernünftige Mensch ist der echte Adept – er verwandelt
alles in Leben und Gold – braucht Elixiere nicht mehr.
In ihm dampfet der heilige Kolben – der König ist in ihm –
Delphos auch, und er fasst endlich das: Kenne dich selbst.“
Im Inneren des vernünftigen (d.h. vernehmenden) Menschen selbst ist hier das „Reagenzgefäß“ platziert, und die alchemistischen Prozesse in diesem Gefäß deutet der Dichter als Stadien der Selbsterkenntnis, „als Reinigungs- und Läuterungsvorgänge im Inneren der Seele.“ 4

Damit geht er den Weg aller ernsthaften Alchemisten, für die stets die geistige Seite der Materie, aus der wir sind, den Vorrang hatte, der Aspekt der Heilung und Heiligung durch innere, geistig-seelische Wandlung (Transmutation). „Ambula ab intra – Wandle von Innen“ lautet deswegen ein alchemistischer Wahlspruch. 5

Die Verwandlung des Menschen

Der Sinn der alchemischen Transmutation liegt für Novalis in der Verwandlung des Menschen. Ziel der Wandlung ist das Wirklichwerden einer neuen Menschheit, die wieder zu ihrem Ursprung zurückfindet: „Gotteskinder, göttliche Keime sind wir. Einst werden wir sein, was unser Vater ist.“ 6 

Diese Tendenz ist glücklicherweise bereits in uns angelegt, weil jeder von uns ein Mikrokosmos – also eine komplette „kleine Welt“ – ist, eine komplexe Widerspiegelung des göttlich bewirkten Makrokosmos’. Dennoch ist die Transmutation keine simple, dem Alltagsverstand leicht zugängliche Sache. Sie hat etwas Paradoxes an sich; deshalb spricht Novalis auch zugespitzt vom „Act des sich selbst Überspringens“ des Menschen, das heißt, er muss gewissermaßen über sich hinauswachsen. Dem Menschenkenner Novalis ist dabei klar bewusst, dass eine solche Verbesserung oder Erhöhung des Menschen nur in einem graduellen, stufenweisen Aufstieg sich vollziehen wird – eben analog zu den sieben Stufen des alchemischen Prozesses.

Der Mensch als Messias der Natur

Geht es nur darum, den Menschen zu vervollkommnen? Was ist mit der Natur? Muss der Mensch sie hinter sich lassen? Keineswegs, denn zu den Aufgaben des Menschen gehört für Novalis, dass er Verantwortung für die Natur übernimmt. Natur- und Menschenwesen gehören zueinander wie Hülle und Kern. Der Mensch ist ja die „Einheit für die Natur“, der Punkt, in dem alle Strahlen zusammenlaufen, der mikrokosmische Brennspiegel des Weltalls. Er wird, indem er sich vergöttlicht, auch die Natur erlösen. Novalis prägte dafür die Formel vom Menschen als „Messias der Natur“.7

Auch diese Formel gründet auf dem Selbstverständnis der Alchemisten. Gebers „Summa perfectionis“, ein Grundbuch der Alchemie, das Novalis 1798 las, entwickelt dazu folgenden Gedankengang8: Die Substanz der vollkommenen und unvollkommenen Körper, zum Beispiel der Metalle, war ursprünglich die gleiche. Die Unvollkommenheit der Körper ist eine nachrangige, untergeordnete Eigenschaft, entstanden durch ein kosmisches Verhängnis, das die Materie dieser Körper verändert und verdorben hat. Was nun den unvollkommenen Metallen fehlt, wird durch eine heilende Alchemie ergänzt; das Überflüssige wird entfernt. Der Alchemist strebt also an, die Materie, die Natur aus ihrem Verfallszustand zu erlösen.

Der Alchemist bewirkt sein Werk nicht allein

Dabei wird ihm nicht nur Tätigwerden abverlangt, sondern zur rechten Zeit auch die entgegengesetzte Stimmung: Demut und Geduld. Das Große Werk (Opus magnum) muss sich letztlich selbst vollenden. Der Alchemist vermag nicht mehr, als die Bedingungen herzustellen, unter denen der helfende Eingriff von „oben“ stattfinden kann. Das hierin waltende Gesetz des indirekten Vorgehens wird von Novalis bestätigt: „Die Anstrengung [für das Opus magnum] überhaupt bringt nur als indirecter, vorbereitender Reitz eine Operation zu Stande. In der rechten Stimmung, die dadurch entstehn kann, gelingt alles von selbst (...) Alle Construction ist also indirect.“ 9 Der Alchemist bewirkt das Werk nicht allein, sondern macht nur, dass es sich machen kann, während die neuzeitliche Naturwissenschaft vor allem mit der Methode direkter Konstruktion vorgeht, das heißt mit aggressivem experimentellen Zugriff auf die Naturvorgänge. 10

Die Blaue Blume der Romantik

Ein Natursymbol steht bei Novalis an zentraler Stelle für die alchemische Verwandlung der Welt – seine „Blaue Blume“ (im Roman „Heinrich von Ofterdingen“), in der viele Interpreten gar das Hauptsymbol der deutschen Romantik sehen. Als mögliche Quelle hat die Forschung Hieronymus Reussners alchemistische Schrift „Pandora“ (1582) erkannt. Sie enthält eine Abbildung, auf der drei Blumen mit gemeinsamer Wurzel aus dem hermetischen Ei entspringen, in dem der Ouroboros liegt: die rote Blume des Goldes, die weiße des Silbers und zwischen diesen beiden die blaue Blume der Weisheit (flos sapientum). 11

War Novalis nun tatsächlich ein Alchemist mit Athanor und Kolben? Bei aller Achtung vor den Alten: Für den Dichter Novalis wie für den Naturwissenschaftler Hardenberg ist es die Poesie, das ewig frische Schöpferwort, welche im Zeichen der blauen Blume die Welt verwandelt. Sie bildet das Lösungsmittel, das die Transmutation in Gang bringt. Wenn also die Zeit gekommen ist, löst das treffende Wort den bösen Zauber über den Dingen. So sahen es auch andere Romantiker wie zum Beispiel Joseph von Eichendorff: „Schläft ein Lied in allen Dingen, die da träumen fort und fort, und die Welt hebt an zu singen, triffst du nur das Zauberwort.“ (Wünschelruthe, 1835) Und noch Karl Marx, obwohl kein Romantiker, wusste: „Man muss den versteinerten Verhältnissen nur ihre eigene Melodie vorspielen, um sie zum Tanzen zu bringen.“

Was Novalis Poesie nennt, engt er jedoch nicht auf den Sinn von reiner „Dichtkunst“ ein. Poesie umfasst jede schöpferische Tätigkeit des Menschen, auch im täglichen Leben, sofern sie auf den Stufen des alchimistischen Prozesses zu seiner Transmutation beiträgt. Die alchemisch-poetische Umwandlung des Menschen und der Welt setzt an jeder beliebigen Stelle an, um hinderliche Bindungen aufzulösen (solutio) und zugleich “höchste Sympathie und Coactivität, die innigste Gemeinschaft des Endlichen und Unendlichen“ (coagulatio) zu erzeugen.12

Das Innerste strebt seiner wahren Heimat zu

Die hohe Wertschätzung der Poesie zeigt sich auch in der These (des immerhin als Geologe und Bergbauingenieur tätigen) Hardenbergs, dass der inspirierte Poet die Natur besser verstehe als der wissenschaftliche Kopf. 13 Er, der schöpferische Mensch, erfasst nämlich intuitiv die Natur als Ganzheit, vernimmt ihre Seufzer und leiht ihr seine eigene Stimme – etwas, das der cartesianisch geprägte Naturwissenschaftler mit seinem Denken und in seiner Sprache nicht leisten kann.

Der Welt zugewandt, jedoch über ihre Verkehrtheit im Klaren, repräsentiert Novalis den Typus des Hermetikers, der die Gabe hat, schöpferisch im Paradox zu leben; ein Paradox, das darin liegt, ein tätiges Leben lang in der Welt zu sein und doch dessen ganze Dauer hindurch zu erfahren, dass unser Innerstes, unser Bestes aus dieser ihm grundfremden Welt hinaus seiner wahren Heimat zustrebt.
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Quellenangaben

1 Gebelein, Helmut: Alchemie, Diederichs-Vlg. 2000, S. 238
2 hermetisch: d. h. den Lehren des Hermes Trismegistos folgend
3 Roder, F.: Novalis. Die Verwandlung des Menschen, Stuttgart 2000, S. 383
4 Ritter, H.: Der unbekannte Novalis, Göttingen 1967, S. 113
5 zitiert nach Evola, J.: Die hermetische Tradition, Interlaken 1989, S. 52f
6 zitiert nach Wehr, G.: Novalis. Der Dichter und Denker als Christuszeuge, Schaffhausen 1976, S. 124
7 zitiert nach Wehr: a.a.O., S. 130
8 Gaier U.: Krumme Regel – Novalis‘ Konstruktionslehre des schaffenden Geistes, Tübingen 1970, S. 127
9 Novalis: Werke in zwei Bänden, Bd. 2, Könemann, Köln 1996, S. 324f
10 Roder, a.a.O., S. 393
11 Gebelein: a.a.O., S. 238
12 zitiert nach Roder: a.a.O., S. 397
13 Novalis. Werke, a.a.O., S. 27

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