Teil 2: Das Mysterium des Heiligen Grals

Parsifal, die Gralsburg und andere geheimnisvolle Figuren

Der Legende nach ist Parsifal, der Gralssucher, ein edler Ritter mit einem reinen Gemüt– mutig, tapfer und ausdauernd in seinem Streben nach dem Gral. Doch es gibt noch andere Ebenen des Verständnisses der geheimnisvollen Figuren, die weit darüber hinausgehen.

Der Gralssucher als edler Ritter - das ist das klassische Bild von Parsifal, wie es in verschiedenen Texten überliefert ist. Das ist aber nicht alles! Parsifal ist jedenfalls nicht damit zufrieden, edel, mutig und tapfer zu sein, obwohl es ihm äußerlich betrachtet damit recht gut geht als Ritter.

Seine Seele erfährt eine Berufung, die weit darüber hinausgeht. Seine Tapferkeit, sein Edelmut sind nur die äußerlichen Auswirkungen davon, was in ihm als seelischer und geistiger Weg keimhaft angelegt ist. Diesen Weg muss er finden - durch viele Irrfahrten und Prüfungen hin.

Was aber hat es mit den anderen Figuren der Legende auf sich, und was ist eigentlich die Gralsburg? Bevor das hier weiter untersucht wird, ist es vielleicht an der Zeit, kurz den Inhalt der Legende in Erinnerung zu rufen.

Die Gralslegende nach Chrestien de Troyes

Eine inhaltliche Wiedergabe der Gralslegende ist nur ungefähr möglich, denn sie liegt in mehreren Überlieferungen vor, die sich im Laufe der Jahrhunderte verschieden ausgeprägt haben. Eine der ältesten Fassungen aus dem Jahre 1188 trägt den Titel: „Die Geschichte des Grals“. Sie stammt von dem französischen Minnesänger Chrestien de Troyes. Held des Versepos ist Perceval, der als Kind bei seiner Mutter Herzeleide fernab der Gesellschaft in einem Wald großgezogen wurde. „Perceval“ bedeutet: „Mitten hindurch“.

Nachdem er einmal im Wald einem Ritter begegnet ist, fühlt er sich schon in sehr jungen Jahren zum Rittertum berufen und hingezogen zum Hof des Königs Artus mit seiner Tafelrunde edler Ritter. Tapferkeit und Edelmut zeichnen den jungen Perceval aus, aber auch eine besondere Reinheit des Gemüts. Bei Richard Wagner wird dieser Gemütszustand später als „reiner Tor“ beschrieben.

Eines Tages begegnet der junge Ritter einem Fischer, der sich als Gralskönig erweist und an einer schweren Krankheit leidet. Auf dessen Burg empfängt Perceval ein kostbares Schwert und erlebt eine mysteriöse Prozession, bei der, wie es heißt, „ein Gral und eine blutende Lanze“ in den Saal getragen werden. Der Gral wird hier als kostbare Schale aus Gold dargestellt, von der ein strahlender Glanz ausgeht. Die während der Zeremonie eingenommenen Speisen verleihen Unsterblichkeit.

Perceval betrachtet das alles mit großem Staunen, versäumt aber, aufgrund seiner jugendlichen Naivität und Ahnungslosigkeit, die entscheidende Frage an den Burgherren zu richten, die alle Anwesenden von ihm erwarten:

„Woran leidest du? Und was hat es mit dem Gral auf sich?“

Er wird mit Spott und Hohn wieder hinausbefördert - in die Welt des normalen Ritterlebens. Zurück am Hofe des Artus, begegnet er Kundry, einem missgestalteten Weib, das ihn wegen seines Versagens auf der Burg übel beschimpft und ihm eröffnet: Wenn er die Frage gestellt hätte, wäre der Fischerkönig von seinem Leiden geheilt gewesen. Bestürzt macht sich Perceval daraufhin erneut auf den Weg, um die Gralsburg zu finden.

Aber erst nach Jahren vieler Irrfahrten und Prüfungen trifft er schließlich auf einen alten Eremiten, der ihn über die wahren Zusammenhänge mit dem Gral aufklärt.

Hier endet diese Erzählung Chrestien de Troyes über Perceval. Das Epos ist Fragment geblieben. Der Weg zum Gral endet für ihn dort, wo Perceval Einblick in göttliches Wirken empfängt, wo ein neues Bewusstsein in ihm zu erwachen beginnt.

Dem Fortgang der Handlung soll später anhand anderer Quellen weiter gefolgt werden. Zunächst geht es jetzt um die Frage:

Was und wo ist die Gralsburg?

Im ersten Teil dieser Artikelreihe wurde die Aussage des Hermes Trismegistos über den Gral zitiert. Dort wurde der Gral als ein Krater beschrieben, den Gott in die irdische Welt eingesenkt hat, um den Menschen darin die heiligen Speisen des Geistes reichen zu können.

Die Gralsburg kann als die Sphäre verstanden werden, in der Gott - der Geist - dem Menschen begegnen kann. Diese Sphäre ist die Ebene der Seele. Jedoch ist hiermit nicht die gewöhnliche, sterbliche Seele gemeint, sondern die wahrhaft göttliche Seele, die im körperlichen Menschen als ein Keim verborgen liegt.

Die Rosenkreuzer nennen diesen Seelenkeim die „Rose des Herzens“. Das Symbol der Rose taucht nicht selten im Zusammenhang mit dem Gral auf, so übrigens auch in dem Buch „Sakrileg“. Dort ist von der „Rose Lane“ die Rede – eine geheime Verbindungslinie zwischen verschiedenen bedeutungsvollen Orten, die in einer Kapelle in Schottland endet.

Die Rose des Herzens entstammt nicht der gewöhnlichen Welt mit ihrem Diesseits und Jenseits, sondern sie entstammt einer Sphäre, die in der Bibel als „Paradies“ angedeutet wird. Es ist das Feld der Ewigkeit, die keine Gegensätze und auch den Tod nicht kennt. Diese Sphäre ist das „ferne Land“ aus der Gralserzählung.

Deshalb ist die Sphäre der Gralsburg auch nicht ohne weiteres zugänglich. Für das gewöhnliche, auf die sterbliche Natur gerichtete Bewusstsein ist sie verborgen und unsichtbar. Sie kann aber gefunden werden vom Gralssucher – von dem Menschen also, der begonnen hat, der quälenden Frage des unsterblichen Seelenkerns in sich selbst zu folgen und den Weg eines inneren Veränderungsprozesses zu suchen. Dieser Mensch wird einst Amfortas begegnen, dem Fischerkönig, der ihn mitnimmt in die Gralsburg.

Amfortas und die tragische Vorgeschichte der Parsifal-Episode

Der Legende nach ist Amfortas ein verwundeter Priesterkönig. Er steht der Bruderschaft des Grals vor, die auf der Gralsburg wohnt. Sein Amt ist es, regelmäßig in einer rituellen Handlung den Gral zu enthüllen. In den enthüllten Gral senkt sich dabei von oben herab das Licht Gottes ein - häufig symbolisch in Gestalt einer Taube dargestellt - , das sich im Gral in eine heilige Speise verwandelt. Die Brüder des Grals empfangen daraus eine Speisung, die unsterblich macht. So wird es unter anderem bei Richard Wagner in seiner Oper „Parsifal“ dargestellt.

Nur Amfortas kann dieses Amt ausführen. Es bereitet ihm jedoch wegen seiner Verletzung unendlichen Schmerz. Diese Verletzung ist ihm durch seinen eigenen Speer beigebracht worden, der ihm zuvor von einem abtrünnigen Bruder entwendet wurde. Dieser hatte die Gralsburg in Eigenwilligkeit verlassen und den dunklen Weg, den Weg zur Linken, den Weg der schwarzen Magie gewählt. Er heißt Klingsor. Klingsor hatte Amfortas dazu verleitet, aus eigenem Willen gegen das Böse in den Krieg zu ziehen.

Der verhängnisvolle Kampf mit dem Bösen

Amfortas war der Versuchung erlegen, die Gralsburg zu verlassen und in den Streit mit der Welt einzutreten. Er führt nun ein Dasein zwischen Leben und Tod. Er kann nicht sterben, aber das Leben ist ihm eine Qual, denn seine Wunde ist unheilbar. Nur ein reiner Tor, der aus Mitleid die entscheidende Frage stellt: „Warum leidest du?“, kann ihn davon heilen und ihn von seiner Qual erlösen.

In einer Legende wie dem Gralsepos ist es so, dass auf einer bestimmten Deutungsebene jede äußerliche Person als ein innerer Aspekt des Helden verstanden werden kann. Was Parsifal hier sieht, ist ein äußeres Spiegelbild dessen, was in ihm selber aktuell ist, und er begegnet diesem Spiegelbild genau in dem Moment, als er durch das Leben selbst aufgefordert ist, diesen Aspekt zu erkennen, zu verstehen und aufzulösen, zu er-lösen.

Nach diesem Verständnis ist Amfortas also dasjenige, was in ihm selbst leidet und was ihn letztlich zur Gralssuche inspiriert hat. Es ist sein gefallener innerer Wesenkern, der einst der Versuchung erlegen ist, sich mit der Welt der Gegensätze zu verbinden und dadurch in den Streit mit dem bösen Aspekt dieser Welt einzutreten.

Dadurch wurde er der unmittelbaren Verbindung mit dem Heiligen Geist Gottes beraubt. Das Symbol für den Geist ist der Speer. Der Verlust des Heiligen Geistes, den er als ein schöpferisches Vermögen besaß, hat die unheilbare Wunde hinterlassen. Und es bedarf nun einer Persönlichkeit, die den innerlichen Weg wieder freilegt, um die erneute Geistbindung der Seele zu ermöglichen. Ein solcher Mensch wird in Legenden als der „Held“ dargestellt, in diesem Fall ist es Parsifal.

Es erscheint manchmal nicht so einfach, Äußeres und Inneres in dieser Weise einzuordnen. Man ist es sonst eher gewöhnt, innere Dinge nach außen zu projizieren, als die Projektionen wieder zurückzuholen. Deshalb ist es an dieser Stelle sinnvoll, einiges darüber zu sagen, welches Menschenbild die Rosenkreuzer einer derartigen Sicht zugrunde legen.

Exkurs: Das Menschenbild der Rosenkreuzer

Nach dem rosenkreuzerischen Verständnis rührt die eingangs erwähnte prinzipielle Unruhe und Unzufriedenheit eines Gralssuchers daher, dass in ihm etwas anwesend ist, das nicht aus dieser Natur stammt. Nach diesem Verständnis sieht - und erfährt - der Mensch sich als ein zweifaches Wesen. Der Persönlichkeit nach gehört er zur sterblichen Natur mitsamt seinem Intellekt, seinem Gefühl und seiner sterblichen Beseelung. In Wirklichkeit ist er jedoch mehr: nämlich ein unsterblicher Mikrokosmos, eine Welt im Kleinen, in der einst eine unsterbliche Ausdrucksform mit einem selbstschöpferischen Vermögen anwesend war. Sie wurde durch den „Fall“ in die Welt der groben Materie zerstört.

Dieser Fall wird in der Legende als die Versuchung beschrieben, der Amfortas erlegen ist. Seit dieser Zeit muss der menschliche Mikrokosmos immer wieder in der sterblichen Materie inkarnieren, um Erfahrungen zu sammeln und einmal den Weg zurück in die ursprüngliche Welt zu finden, aus der er gefallen ist. Am Ende eines Menschenlebens stirbt die aus der Natur entstandene Persönlichkeit. Die Erfahrungsernte ätzt sich jedoch in den Mikrokosmos ein und steht als karmisches Erbe in der nächsten Inkarnation zur Verfügung.

Die wahre Ursache des Leidens erkennen

Der unsterbliche Kern des Mikrokosmos, die fast zerstörte unsterbliche Seele, von der allein die Rose zurückgeblieben ist, leidet jedoch bei diesem immer währenden Untertauchen in die sterbliche Natur. Sie will das eigentlich nicht. Sie leidet daran, hier in unserer Welt gebunden zu sein und ständig hin- und hergeworfen zu werden zwischen Gut und Böse, Tag und Nacht, Leben und Tod.

Die Ursache dieses Leidens im eigenen Wesen zu erfahren und zu erkennen, bedeutet, die Frage zu stellen: „Oheim, woran leidest du?“ Amfortas verkörpert die Erfahrung im eigenen Inneren, einmal mit dem Geist Gottes verbunden gewesen zu sein, nun aber bei jeder Geistberührung einen brennenden Schmerz zu erfahren. Diese Situation kann nur beendet werden durch Erlösung.

Zu diesem Punkt muss ein Mensch im Laufe der vielen Inkarnationen aber erst einmal heranreifen. Man kann ihn nicht von außen dahin treiben und ihm sagen, was er tun soll, sondern er muss selbst darauf kommen.

Deshalb wurde Parsifal, als er die Frage bei seinem ersten Besuch in der Gralsburg nicht stellte, wieder in das gewöhnliche Leben zurückgeschickt und musste dort kämpfen, bis er ermüdet war und dem Eremiten begegnen konnte, der ihm nun alles erzählen dufte, was er wissen musste.

Lesen Sie die Fortsetzung:
Das Mysterium des Heiligen Grals, Teil 3:
Der Eremit, die letzte Versuchung und die Rückkehr des Speeres

Das Mysterium des Heiligen Grals, Teil 4:
Die Gralslegende um Joseph von Arimathia

Was vorher geschah:
Das Mysterium des Heiligen Grals, Teil 1:
Die Schlüsselfrage und die Vision des Hermes Trismegistos

 

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