Das Geheimnis des blauen Vogels (1)

Christian Rosenkreuz im Turm von Olympus

Im Turm von Olympus geht das Geschehen der „Alchimischen Hochzeit des Christian Rosenkreuz“ seiner Bekrönung entgegen: der Auferstehung des unsterblichen Menschen. Im Mittelpunkt der Handlung im 4., 5. und 6. Stockwerk steht das Schicksal eines rätselhaften Vogels.

Mit den Vorgängen, die im Turm von Olympus – der letzten Station der Chymischen Hochzeit – stattfinden, tritt das alchimistische Geschehen in eine ganz neue Phase ein. Es geht darum, das unsterbliche Leben auf die rechte Weise zur Entfaltung zu bringen und die große Verwandlung, die Transfiguration, das OPUS MAGNUM der Alchimisten, tatsächlich zu vollziehen. Das Schicksal eines rätselhaften Vogels spielt dabei eine entscheidende Rolle.

In diesem und einem weiteren Artikel wollen wir als Beobachter versuchen, seinem Geheimnis auf die Spur zu kommen.

Die Geburt des alchimischen Vogels

Aus einem goldenen Ei, das Christian Rosenkreuz und seine Gefährten durch ihre hingebungsvolle Arbeit im Turm von Olympus zubereitet haben, entspringt ein wunderlicher Vogel. Natürlich ist das kein gewöhnlicher Vogel aus Fleisch und Blut, sondern eine symbolische Gestalt. Er sieht blutig und ungestalt aus und muss zuerst festgebunden werden. Die Gefährten werden mit seiner Pflege beauftragt und geben ihm drei verschiedene Speisen zu essen: erstens das Blut der enthaupteten Königspaare, verdünnt mit präpariertem Wasser, zweitens das Blut einer anderen königlichen Person und drittens eine andere Speise, die später „seine Speise“ genannt wird.

Die erste Speise lässt den Vogel schnell wachsen, doch wird er bissig und bösartig, schwarz und wild. Die zweite Speise lässt ihn alle schwarzen Federn verlieren, und es wachsen ihm schneeweiße dafür. Er wird auch zahmer und umgänglicher. Die dritte Speise schließlich färbt das Federkleid des Vogels in wunderschönen Farben, wie sie noch nie zuvor gesehen wurden. Jetzt ist der Vogel zahm und freundlich und kann losgebunden werden.

Die klassische Alchimie: Wie oben, so unten

In dieser Darstellung finden sich symbolische Elemente der klassischen Alchimie. Die klassischen Alchimisten waren damit beschäftigt, den Prozess der Transfiguration zu verwirklichen, die Wiedergeburt des unsterblichen Menschen. Sie arbeiteten daran in einer Art magischem Parallelprozess gleichzeitig in der Materie (Außenwelt) und in ihrem eigenen Wesen (Innenwelt). Die Basis für ihr Vorgehen finden wir in dem Ausspruch von Hermes Trismegistos: „Wie oben, so unten, wie außen, so innen.“

Das Ziel der Alchimisten war die Herstellung des Steins der Weisen, der alle unedlen Metalle in Gold verwandeln konnte (Außenwelt, Laborarbeit) und gleichzeitig das sterbliche Menschenwesen transfiguriert zum unsterblichen, göttlichen Menschen (Innenwelt, seelisch-geistige Arbeit).

In alten Darstellungen der Herstellung des Steins der Weisen sieht man häufig einen Vogel, der in einem alchimistischen Kolben Stufen der Verwandlung durchmacht: zuerst die Schwärzung oder Fäulnis (Nigredo, Putrefactio), dann die Weißung oder Läuterung (Albedo) und schließlich die Rötung oder Reifung (Rubedo). Was bedeutet diese Symbolsprache für den spirituellen Weg, der damit angedeutet wird?

Die Speisen der Seele

Der Vogel ist ein Symbol für die Seele. In der Alimischen Hochzeit symbolisiert er die neu geborene, göttliche Seele. Sie findet ihre Bestimmung nicht in sich selbst, sondern dient einem höheren Ziel der Offenbarung: der Verschmelzung von Seele, Geist und Körper zu einer einzigen, untrennbaren Einheit. Dieser Verschmelzungsprozess – Transfiguration – kann erst beginnen, wenn die neue Seele geboren ist und eine intensive Läuterung und Bewusstwerdung durchgemacht hat.

Wenn es dann soweit ist und der Prozess der Transfiguration tatsächlich einsetzt, gehen die einzelnen Aspekte des menschlichen Systems in ihrer bisherigen Form vollkommen unter, und es entsteht etwas völlig Neues. Das gilt auch für die Seele. Der Verschmelzungsprozess ist im Detail sehr komplex, was sich in den Schilderungen der Vorgänge im Turm von Olympus durchaus widerspiegelt.

Der Vogel kann so, wie er dem Ei entsprungen ist, nicht bleiben. Er muss sich weiterentwickeln und seiner letztendlichen Bestimmung entgegenwachsen. Dabei kommt es für den Kandidaten darauf an, dass die noch hilflose und „wilde“ Seele mit der richtigen Speise gefüttert wird. Das gilt auch für CRC, den rosenkreuzerischen Menschen, in dem die ursprüngliche Seele wieder erwacht ist und der nun alles daran setzen möchte, dieses zarte Wesen auf die richtige Weise zu hegen und zu pflegen.

Das Blut, das ist die Seele

In den Schilderungen um den Vogel fällt das viele Blut auf. „Das Blut, das ist die Seele“, so sagt die universelle Weisheitslehre. Der Vogel selbst wird nach seiner Geburt als „blutig und ungestalt“ beschrieben. Das ist ein Hinweis auf seine Seelennatur („blutig“), die noch weiterer Entwicklung und Läuterung bedarf („ungestalt“). Außerdem wurde er anfangs „gut festgebunden“. Das bedeutet, die neue Seele ist noch eng mit der sterblichen Persönlichkeit und ihrem Körpersystem verbunden.

Christian Rosenkreuz gibt dem Vogel sogleich Blut als Nahrung: zuerst das Blut der enthaupteten Menschen, verdünnt mit „präpariertem Wasser“. Die enthaupteten Menschen sind die drei Königspaare, die das alte Bewusstsein darstellen. Sie wurden am vierten Tag der Alchymischen Hochzeit enthauptet, und ihr Blut wurde in einem Pokal aufgefangen. Dieses Blut – die essenziellen Kräfte des alten Bewusstseins – wird nun mit „präpariertem Wasser“ vermischt und dem Vogel eingeflößt.

Das alchimische Wasser

In der Symbolik der Alchimie handelt es sich hier nicht um gewöhnliches Wasser, sondern um das so genannte „antimonische Wasser“, ein Lösungsmittel auf der Basis des Elements Antimon, vermengt mit sublimiertem Merkur. „Merkur“ ist alchimisches Quecksilber, ein Aspekt der Seele. Antimon ist ein chemisches Element an der Grenze zwischen Metallen und Nichtmetallen, das die Fähigkeit hat, alle anderen Metalle aufzulösen und Gold (Geist) von Silber (Seele) und allen Verunreinigungen zu scheiden. Im Gegensatz zu den sieben bekannten Metallen kommt Antimon, das achte Metall, im menschlichen Körper nicht vor. Es verkörpert eine außer-menschliche Kraft, welche die Fähigkeit hat, Körper, Seele und Geist zu trennen und in eine höhere Oktave (die Zahl 8) emporzuheben.

Der Alchimist Artephius sagt über dieses antimonische Wasser, es sei „das Medium der Seele, ohne das nichts in dieser Kunst getan werden kann ... Darum ist es die Eigenschaft unseres Wassers, dass es Gold und Silber schmilzt oder löst und ihre natürliche Färbung oder Farbe verstärkt. Denn es verwandelt ihre Körper aus einem materiellen Dasein in eine geistige Natur. ... Gold und Silber werden in unserem Wasser exaltiert (erhöht). Es zerstört, stürzt um und verändert Körper und metallische Formen und bringt sie dazu, kein Körper, sondern ein fester Geist zu sein.“

Das „präparierte Wasser“ erhöht die im Blut enthaltenen alten Bewusst-seinskräfte und potenziert sie auf eine höhere Schwingungsebene. Es geht nicht mehr um die niederen Ansichten des alten Bewusstseins, die ja längst gestorben sind, sondern um ihre feineren, höheren Aspekte, die jetzt von der Seele bearbeitet werden müssen – es geht um den „festen Geist“ dieser Kräfte.

Der Vogel muss die Blut-Wasser-Mischung trinken, sie innerlich verarbeiten. Das Ergebnis kennen wir bereits: Sein Körper wächst, aber er wird „schwarz und wild“. Die innerliche Konfrontation mit den aufs höchste verfeinerten alten Bewusstseinskräften macht ihm offensichtlich schwer zu schaffen!

Die drei Stadien der alchimischen Umwandlung

Die Farbe Schwarz deutet im alchimischen Prozess die Stufe der Fäulnis oder Putrefactio an. Die gelöste alchimische Subtanz wird dabei einem durch Hitze gesteuerten Verwesungsprozess (Vergärung) unterworfen, in dem alles untergeht, was keinen Ewigkeitswert besitzt. Der Seelenvogel im Turm von Olympus wird in seine persönliche Putrefactio hineingeführt durch die Konfrontation mit den alten Bewusstseinskräften in ihrer erhöhten Potenz.

Um die Entwicklung des Vogels weiter zu fördern, wird ihm im zweiten Schritt eine andere Speise gereicht: „Vielleicht das Blut einer anderen Königlichen Person“, wie Christian Rosenkreuz mutmaßt. Welche Person das sein soll, bleibt offen. „Anders“ ist dieses Blut als Seelennahrung deshalb, weil es nicht mehr die alten Bewusstseinskräfte in sich trägt. Und schon geht es dem Vogel besser! Sein Wesen reinigt sich, und er wird zahm. Er verliert alle schwarzen Federn, und statt dessen wachsen ihm schneeweiße neue. Damit geht er in die zweite alchimische Stufe ein: die Weißung (Albedo).

In der klassischen Alchimie entsteht die Weißung durch die Lösung von Sol (Sonne, Gold, Geist) und Luna (Mond, Silber, Seele) in antimonischem Essig. Die Lösung wird unter Einwirkung gelinder Hitze der Schwärzung ausgesetzt. Das Gereinigte steigt dann in der Lösung nach oben als „der Geist der Weiße“ (Spiritus Albus). Die Schwärze bleibt als „Erdkröte“ am Boden des Gefäßes zurück.

Der Spiritus Albus wird auch genannt „der Geier, der ohne Flügel in die Luft fliegt“ oder „der Gänserich“, oder „der Vogel des Hermes“. Das ist unser weißer Vogel. Er ist nun rein genug, um die dritte Speise – „seine“ Speise – zu empfangen, die ihn schließlich zu „höchster Vollkommenheit“ führt. Nur mit dieser heiligen Speise kann die Seele tatsächlich wachsen und gedeihen, so dass sie schließlich „losgebunden“ werden kann. Das Losbinden bedeutet, die Seele erreicht in ihrer Entwicklung einen Punkt, an dem sie sich von der sterblichen Persönlichkeit und ihrem Körpersystem vollkommen befreit. Die Jungfrau Alchymia, der „jungfräuliche Geist“, führt den Vogel hinweg aus dem 4. Stockwerk.

Jungfrauenmilch

Im 5. Stockwerk wird der Vogel einer weiteren alchimischen Verwandlung unterzogen, bei der wieder Wasser eine wichtige Rolle spielt. „In diesem Saal wurde unserem Vogel ein Bad bereitet, das mit einem weißen Pulver so gefärbt wurde, dass es wie Milch aussah.“ Dies ist ein anderes Wasser als zuvor.

Auch Arthephius spricht im 15. Kapitel seines Geheimen Buches von einem „zweiten Wasser“: „Dieses Aqua Vitae oder Lebenswasser, richtig geordnet und durch den Körper verteilt, weißt es ihn und verwandelt oder verändert es in seine weiße Farbe, denn dieses Wasser ist ein weißer Dunst, und darum wird der Körper mit ihm weiß gemacht ... Nun wird dieses unser zweites und lebendes Wasser „Azoth“ genannt, das Wasser, das den Laton wäscht, nämlich den durch unser erstes Wasser aus Sol und Luna zusammengesetzten Körper, es wird auch die Seele der gelösten Körper genannt ... Es ist der königliche Brunnen, in dem der König und die Königin baden ...“. (Azot = frz. Stickstoff; latus = lat. Übertragungssumme)

In der alchimistischen Laborarbeit wird die Abfolge von Lösung, Schwärzung und Weißung oftmals wiederholt. Bei jedem Durchgang wird eine weitere Verfeinerung der Substanz zustandegebracht, bis sie zu einem „weißen Stein“ geworden ist, der wiederum pulverisiert und gelöst wird, um zu einem „weißen Dunst“ zu werden. Alchimisten sprechen in diesem Zusammenhang auch von „Jungfrauenmilch“. Damit wird angedeutet, dass die Beschaffenheit der Seele fortwährend feiner und transparenter wird, je weiter der Prozess voranschreitet. Diese Tatsachen finden sich auch in der „Chymischen Hochzeit“ wieder.

Das geheimnisvolle Blau der vollkommenen Menschenseele

Das Bad in der weißen, milchigen Substanz lässt den Vogel alle Federn verlieren. Alles Harte, Kristallisierte löst sich jetzt von ihm ab. Die Federn werden im Badewasser aufgelöst, und seine Haut wird so glatt wie die eines Menschen. Die gelösten Federn aber färben das Badewasser blau. Das Badewasser wird nun eingekocht und verdichtet sich zu einem blauen Stein. CRC und seine Gefährten verreiben diesen Stein mit einem anderen Stein zu Pulver und färben die Haut des Vogels damit. Der Vogel ist nun ganz wunderbar anzusehen: Er erstrahlt in einer herrlichen blauen Farbe, nur der Kopf ist weiß geblieben.

In der Alchimie wird die Farbe Blau mit dem Element Silber assoziiert, was den Seelenaspekt repräsentiert. Blau kennzeichnet in der Alchimie jedoch nicht das Endergebnis des OPUS MAGNUM (das ist die Farbe Rot), sondern ein Übergangsstadium. In der Farbenlehre Rudolf Steiners wird Blau als die Farbe bezeichnet, in der sich der Glanz der menschlichen Seele nach außen offenbart. Dieser Vogel ist durch den alchimischen Verwandlungsprozess zu einer wahren Menschenseele geworden: blau, mit der Haut eines Menschen. Er verkörpert in diesem Moment die neu-menschliche Seele in ihrer ganzen, für gewöhnliche Augen fremdartigen, Schönheit.

Trotzdem kann die Seele, so vollendet sie auch mittlerweile beschaffen ist, in dieser Gestalt nicht bestehen bleiben. Denn das Ziel der Alchymischen Hochzeit ist die körperliche Verschmelzung von Seele, Geist und Körper zu EINER GANZ NEUEN Wesenheit.

Ein zweites Mal entschwindet der Vogel jetzt aus dem Gesichtskreis der Kandidaten und wird von der Jungfrau weggeführt. Steigen wir als Beobachter des Geschehens nun in das 6. Stockwerk des Turms von Olympus hinauf, und versuchen wir zu verstehen, was sich dort abspielt.

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