Chidr, der innere Führer des Menschen

Von Chidr, dem Grünen, berichten viele Sufis. Man kann ihm begegnen, ihn als Vision schauen oder seine Stimme hören. Egal wie, es ist immer ein einschneidender Moment auf dem Pfad. Der persische Meister Suhrawardi verlangt noch mehr, er sagt: „Werde wie Chidr!“

Der geheimnisvolle Chidr war und ist in der islamischen Welt überall bekannt, und es gibt die unterschiedlichsten Vorstellungen, wer er ist, was er für den Menschen bedeutet und wie man ihm begegnen kann. Vom verstorbenen Wunderheiler und Segensbringer, dessen heilende Kraft die Menschen an zahlreichen Heiligengräbern in der islamischen Welt zu finden hoffen, reicht die Skala seiner Bedeutung bis zu höchsten spirituellen Deutungen. Seine Bedeutung ist so groß, dass sein Ruf auch Europa erreichte. Goethe spricht in seinem „West-Östlichen Diwan“ von „Chisers Quell“, der den Menschen wieder jung macht, und der Schriftsteller Gustav Meyrink erzählt von ihm in seinem Roman „Das grüne Gesicht“.

Für viele Sufis ist Chidr der innere Führer auf dem Pfad. Sie schildern in ihren Schriften, wie sie ihm in einer Vision begegnet sind oder seine Stimme vernommen haben. Für einige nimmt Chidr auch in einer stofflichen Inkarnation Gestalt an, die zu ihrem persönlichen Führer wird. Oft führt die Begegnung zu einer rigorosen Abkehr von allen Dingen dieser Welt. Es gibt aber auch Sufis, für die sie ein inneres Schlüsselerlebnis ist, ohne dass sich im äußerlichen Leben viel verändern muss. Manche sehen Chidr als Bruder, andere erleben ihn als ihren geistigen Vater.

Chidr und die Quelle des Lebens

In den zahllosen Legenden, die sich um ihn ranken, spielt Chidr oft eine Rolle bei der Suche nach der Quelle des Lebens. Nur wer aus dieser Quelle trinkt und im neuen Leben erwacht, kann ihm begegnen. In einer schiitischen Version ist es Chidr selbst, der die Quelle mit dem Wasser des Lebens sucht. Es gelingt ihm, sie aus 360 Quellen herauszufinden, indem er tote Salzfische hineinlegt. Nur in einer Quelle erwacht der Fisch zu neuem Leben – eine symbolische Schilderung der Wiedergeburt der göttlichen Seele im Menschen. Chidrs Nähe zum lebendigen Wasser erklärt auch seinen Namen „der Grüne“, also den Bezug zu aufblühendem, werdendem Leben. Die Farbe Grün ist in der islamischen Esoterik mit dem Herzen verbunden. Ein berühmter Autor aus dem 12. Jahrhundert (Nadschm ad-Din al-Kubra) erklärt, dass Grün „die Farbe der Lebenskraft des Herzens“ ist:

Die grüne Farbe ist die letzte Farbe, die übrig bleibt. Aus dieser Farbe kommen Strahlen hervor, die in glitzernden Blitzen und glimmerndem Schimmer aufblitzen. Diese grüne Farbe kann absolut rein sein; es kommt vor, dass sie trübe wird. Ihre Reinheit kündet die Herrschaft des göttlichen Lichtes an, ihre Trübung kommt von einer Rückkehr der Finsternis der Natur (zitiert nach Henry Corbin: Die smaragdene Vision).

Werde wie Chidr

Der persische Meister Suhrawardi (1153 – 1191) verlangt die vollkommene Einswerdung mit Chidr. Für ihn verkörpert er also die höhere, geistige Wesenheit, die im Menschen verborgen liegt und sich auf dem Weg der Erleuchtung der Seele wieder bemerkbar machen kann. Nur so kann sich der Mensch aus seiner Gefangenschaft in der vergänglichen Natur befreien. In einer seiner Erzählungen fragt die suchende Seele den Weisen, wie sie das Kettenhemd des Stoffes, also die Bindung an das sterbliche Leben, ablegen kann, und erhält zur Antwort:

‚Erreiche die Quelle des Lebens. Gieße Wasser aus dieser Quelle über deinen Kopf, bis das Kettenhemd an deinem Körper (leicht) herabfällt und vor dem Schlag des Schwertes sicher ist, denn jenes Wasser macht das Kettenhemd ganz fein, und wenn das Kettenhemd fein ist, ist der Schwertschlag leicht.’

‚Oh Meister – wo ist die Quelle des Lebens?’

‚In den Finsternissen. Wenn du nach ihr verlangst, zieh wie Chidr das richtige Schuhwerk an und schreite voran auf dem Weg der Hoffnung, bis du die Finsternisse erreichst.’

‚Von welcher Seite aus beginnt der Weg?’

‚Von jeder Seite aus, von der du gehst. Wenn du den Weg wirklich gehst, wirst du ihn ganz gewinnen.’

‚Welches Kennzeichen haben die Finsternisse?’

‚Dunkelheit. Aber du bist ja in den Finsternissen, du weißt es nur nicht …
Wer nach der Quelle des Lebens verlangt, erleidet in der Finsternis viel Verzweiflung und Umherirren. Wenn er der Quelle würdig ist, sieht er schließlich nach der Finsternis das Licht’.

Chidr und das Königreich des Lichtes

So wie in diesem Beispiel ist die Quelle des Lebens für viele Sufis vor allem die Quelle der Erkenntnis oder Erleuchtung. Diese befindet sich „in deiner Wohnung, jedoch verborgen“. Bei dem Autor Alī al-Qārī wird das Wissen indirekt mit dem Licht verbunden: „Man hat gesagt: Das Wasser des Lebens ist eine Anspielung auf das Wissen, und die Finsternis eine Anspielung auf die Unwissenheit.“ Es heißt auch, dass die Quelle des Lebens, vom „Chidr der Zeit“ behütet, in der Finsternis liegt, und wer darin badet oder daraus trinkt, erhebt sich in das ewige Licht.

Auf den einzelnen Menschen bezogen ist Chidr also der in einer neuen Bewusstseinsflamme wiedererkannte innere Geistmensch. Seine Bedeutung geht jedoch noch darüber hinaus und nimmt kosmische Dimensionen an. Als Geistwesen im Zusammenwirken des Alls erscheint er in einer Darstellung von Abd al-Karīm al-Dschīlī, der von sieben Himmelssphären und sieben Erden spricht, die konzentrisch umeinander angeordnet sind.

„Die beste der sieben Erden ist die Erde der Seelen. Gott hat sie weißer als Milch und süßer als Moschus erschaffen, aber als Adam sie nach dem Sündenfall betrat, wurde sie staubfarben. Nur eine Region im äußersten Norden, die niemals von einem Sünder betreten wurde, ist immer noch so weiß, wie Gott sie erschaffen hat. Diese Region ist die Wohnstätte der ,Männer der Verborgenheit’, deren König Chidr ist.“

Als Behüter des göttlichen Königreichs und Führer der Menschheit zurück ins Licht verbinden sich in Chidr Geist und Materie. Durch ihn kann der Mensch inmitten der Finsternis das Licht wiederfinden und den Weg zu seinem Königreich gehen. An der Quelle des Lebens beginnt dieser Weg der Erkenntnis und Erhebung in das unsterbliche Leben. Wer diesen Weg bis zum Ende geht, ist „wie Chidr geworden“.

(Zitate aus: Patrick FRANKE: Begegnung mit Chidr, Beirut 2000; Bettina Löber: Das Rauschen der Flügel Gabriels, DRP-Verlag 2006)

Das Buch von Bettina Löber ist im Shop des DRP-Verlags erhältlich

Lesen Sie den Artikel über Chidr in Gustav Meyrincks Roman "Das grüne Gesicht" auf der Website der Bibliotheca Philosophica Hermetica Amsterdam (in englischer Sprache)

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