Die Quelle, aus der Shakespeare die Inspiration zu seinen Dramen schöpfte, ist die hermetische Weisheitslehre. Das Ringen des Suchers, der mit dem Einsatz seines Lebens um Erkenntnis und Erlösung ringt, ist das Grundthema seiner Dramen. Die handelnden Personen sind Seelenaspekte auf einem Einweihungsweg.
Shakespeare war in die uralte Lehre des Hermes Trismegistos, die im Europa der Renaissance wieder auflebte, eingeweiht. Seine ethischen Maßstäbe bezog er auch aus eigenen gnostischen Erfahrungen, aus seinem inneren “geistigen Auge”. Damit blickte er in die Welt, damit konnte er klar zwischen Sein und Schein unterscheiden. Er beschrieb die prekäre Lage des suchenden Menschen zwischen dem allgegenwärtigen Menschlich-Allzumenschlichen und dem Drang, sein unvergängliches innerstes Wesen zu verwirklichen.
Shakespeares Dramen sind nichts anderes als getreue Widerspiegelungen der Dramen, die in der ringenden Seele stattfinden. Sie zeigen, wie das Böse zu überwinden ist und der ursprüngliche, spirituelle Zustand des Menschen, in dem die “Rose unschuldsvoller Liebe an der Stirn” (Hamlet) wieder erblüht, zu erlangen ist. Dabei sind das Wissen von der Einbettung des Menschen in den Kosmos und eine Verbindung mit befreienden Kräften unerlässlich.
Aus dieser hermetischen Perspektive lassen sich die Werke Shakespeares, die die ganze Fülle menschlicher Verirrungen und Abgründe umfassen und darstellen, in ihrer ganzen Tiefe verstehen.
In dem Vortrag wird dieses Verständnis anhand des Buches “Shakespeare oder Das Auge Gottes” der französischen Philosophin Nicole Marchand vermittelt. Der spirituelle Einweihungsweg wird anhand einer Reihe von Originaltexten und Shakespeare-Zitaten beschrieben und erläutert.