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Mysterientiere – Hüter der verborgenen Weisheit

Das Einhorn, Symbol für Spiritualität
Das Einhorn, Symbol für Spiritualität

Einhorn, Greif und Phönix: Die Geheimnisse der Mysterientiere haben auch nach Jahrtausenden ihre Faszination für den Menschen nicht verloren. Mit ihren fabelhaften Attributen verkörpern sie die menschliche Sehnsucht nach einer überirdischen, unsterblichen Existenz.

Ein suchender Menschen versucht oft die Welt und sich selbst zu erkennen, um dem Sinn allen Geschehens auf die Spur zu kommen und die eigene Position darin zu finden. Doch je tiefer er forscht, um so deutlicher wird ihm die Vielschichtigkeit seiner selbst und der Welt, die ihn umgibt. Er erfährt sich als Mischwesen, in dem Aspekte aller ihn umgebenden Naturreiche zu finden sind: Tiere, Pflanzen, Mineralien, Elemente.

Manchmal staunt er über sein Verstandesvermögen, dann wieder über das Begierdenchaos, das ihn fast zu verschlingen droht. Aber er erfährt auch kurze Momente innerer Berührung, die den Schleier vor seinem Denken und Fühlen für Bruchteile von Sekunden beiseite schieben und ein geheimnisvolles Licht verbreiten.

Mischwesen von unirdischer Schönheit

Aus dieser Verwirrung und der damit verbundenen Sehnsucht nach Erkenntnis entstanden bereits am Anfang der Zeiten Bilder und Symbole im menschlichen Bewusstsein. Sie versuchten, das Erkennbare mit dem Unerkennbaren zu versöhnen und sich dem Geheimnis um den inneren Auftrag des Menschen zu nähern.

So wurden Fabelwesen und Mysterientiere geboren. Auch sie sind Mischwesen, aber mit deutlicheren Attributen, höheren Fähigkeiten und von einer fremden, unirdischen Schönheit. 

Fabelwesen sind der Phantasie des Menschen entsprungen, seinem schöpferischen Vermögen, das von vielen Einflüssen inspiriert wird – von den niedrigsten bis zu den allerhöchsten. So kann sich das niedere Wunschleben dort ebenso manifestieren (Werwolf) wie die höchste Sehnsucht nach dem Geist Gottes, der sich dem menschlichen Bewusstsein als universelles Symbol mitteilt (Einhorn).

Begleiter auf dem Weg zur Selbsterkenntnis

In den Mysterientieren sind nicht nur alle Naturreiche und der Mensch selbst verkörpert, sondern auch etwas Göttliches, das alle Teile harmonisch miteinander verbindet und über das irdische Leben erhebt. Ihre Gestalten scheinen manchmal wie zusammengesetzt, vereinen zum Beispiel Flügel mit Löwenpranken und einem Schnabel wie beim Greif oder einen Menschenkopf mit einem Löwenkörper wie bei der Sphinx. Das Einhorn trägt als Zeichen seiner Verbundenheit mit dem göttlichen Licht ein Horn auf der Stirn, und der Feuervogel, der Phönix, erhebt sich aus den Flammen zu neuem Leben.

In den Mythologien nahezu aller Völker findet man diese Tierwesen als Hüter der heiligen Mysterien, oder sie weisen dem suchenden Menschen als Begleiter und Pfadfinder den Weg zu innerer Einsicht und Selbsterkenntnis.

Symbole für die Aufgaben des Menschen

Es lässt sich keine klare Trennungslinie zwischen den Mysterientieren und den Fabeltieren ziehen. Manche Tiere treten sogar in ihrer irdischen Gestalt in den heiligen Schriften auf, zum Beispiel die Taube, der Löwe, der Adler, die Schlange, der Falke, der Schwan und viele andere. Auch sie können als Symbol für eine geistig-seelische Aufgabe den „reinen“ Mysterientieren ebenbürtig sein.

In dem Einweihungsroman „Alchimische Hochzeit des Christian Rosenkreuz“ von Johann Valentin Andreae begegnen uns mehrere dieser Mysterientiere. Eines der beliebtesten und schönsten unter ihnen ist das Einhorn.

Einhorn: Zeichen für Spiritualität

Viele Märchen, Mythen und Legenden berichten von dem grazilen weißen Pferd mit dem gedrechselten Horn auf der Stirn. Häufig – wie zum Beispiel in Südfrankreich – ähnelt es aber auch einer Ziege mit kleinem Kinnbart und gespaltenen Hufen.
Auch im Alten Testament trifft man das Einhorn mehrfach an, zum Beispiel in Hiob, Kapitel 39, Vers 9 und 10. Dort heißt es:

„Meinst du, das Einhorn werde dir dienen und werde bleiben an deiner Krippe? Kannst du ihm ein Seil anknüpfen, die Furchen zu machen, dass es hinter dir brache in den Tälern?“

Und im Psalm 29 heißt es:

„Die Stimme des Herrn zerbricht die Zedern;
der Herr zerbricht die Zedern im Libanon
und macht sie hüpfen wie ein Kalb,
den Libanon und Sirjon wie ein junges Einhorn.
Die Stimme des Herrn sprüht Feuerflammen.“


Diese Texte zeigen, dass das Einhorn als ein Symbol für hohe Spiritualität gilt, für eindeutige, „einhornige“ Ausrichtung auf die Werte einer göttlichen Naturordnung.

Ein Wesen, nicht von dieser Welt

An verschiedenen Einhorn-Legenden, die man im Sagenschatz der Völker findet, lässt sich die geistige Entwicklung ablesen, die den Menschen zu seiner Bestimmung führen kann. Eine dieser Legenden lautet wie folgt:

Gewöhnlichen Sterblichen zeigt sich das Einhorn nicht. Aber wenn das Haus eines Menschen am Fuß eines Hügels liegt, kann es vorkommen, dass dieses Haus wie von einem Erdbeben erschüttert wird, wenn das Einhorn mit donnernden Hufen über den Hügel stürmt. Die Erde erbebt, und der Mensch in seinem Haus erschrickt bis tief ins Herz hinein, weil er in dem Geschehen die Berührung einer höheren Wahrheit erkennt.

Eine südfranzösische Sage berichtet: Wenn das Einhorn sein Horn in eine Quelle oder einen Bach taucht, wird das Wasser gereinigt. Dann kann es alle inneren und äußeren Krankheiten heilen. Erinnert das nicht an das Lebende Wasser der Bibel, das die menschliche Seele mit dem ursprünglichen göttlichen Licht labt?

Eine reine Seele ist nötig

Eine weitere Legende erzählt von Jägern, die im Wald das Einhorn jagen, um dieses fremdartige, kostbare Wesen in ihren Besitz zu bringen. Aber keiner vermag es zu fangen. Geht jedoch eine reine Jungfrau in den Wald und setzt sich unter einen Baum, so nähert sich ihr das Einhorn zutraulich und legt seinen Kopf in ihren Schoß. Es gibt sich ihr freiwillig gefangen.

Die besitzergreifende, selbstsüchtige Seele des Menschen kann das Einhorn, den Geist, niemals erreichen. Deshalb jagen es solche Jäger im Wald der Wirklichkeit umsonst. Nur die neue Seele, eine Seele, die zur „reinen Jungfrau“ geworden ist, kann das Einhorn zu sich lenken. Diese Seele muss von irdischen Wünschen und Leidenschaften frei, also im spirituellen Sinn jungfräulich, geworden sein. Ihr vertraut sich das Einhorn an, da es weiß, dass es zu ihr gehört. In die neue Seele strömt der Geist ein, und Geist und Seele werden eins.

Sehnsucht nach dem Gottesreich

Wenn der Mensch den irdischen Einflüssen gegenüber neutral geworden ist und sich die Sehnsucht seines Herzens auf die Vereinigung mit dem Gottesreich richtet, nähert sich ihm das Einhorn, der Geist, von selbst. Der niedere, egozentrische Wille im Haupt des Menschen ist verschwunden und hat einem neuen auf das göttliche Lebensfeld gerichteten Willen Platz gemacht, der wie ein Lichtstrahl – wie ein leuchtendes Horn – von der Stirn des Menschen strahlt. So ist auch er in gewissem Sinn zu einem Einhorn geworden.

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