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Der fünfte Tag der Alchimischen Hochzeit des Christian Rosenkreuz

Das Begräbnis der leeren Särge

Inzwischen waren meine Gefährten auch aus dem Bett gestiegen und hatten sich im Saal eingefunden. Ich gesellte mich zu ihnen und tat so, als wäre ich auch erst aufgestanden. Nachdem Cupido alles gut verriegelt hatte, kam er auch zu uns, und ich musste ihm die Hand zeigen. Darauf befand sich noch ein Tröpfchen Blut, worüber er lachte und zu den anderen sagte, sie sollten auf mich achten, da bald das Ende meiner Tage kommen würde. Es wunderte uns alle, wieso Cupido so lustig war und gar nicht mehr an die gestrige traurige Geschichte zu denken schien. Jedenfalls trauerte er nicht.

Inzwischen hatte sich auch unsere Präsidentin zur Abfahrt bereitgemacht. Sie erschien ganz in schwarzen Samt gekleidet, trug jedoch ihren Lorbeerzweig. Auch ihre Jungfrauen hatten alle Lorbeerzweige.

Als nun alles bereit war, ließ uns die Jungfrau zunächst einen Trunk zu uns nehmen und uns danach für den feierlichen Umzug fertig machen. Daher säumten wir nicht länger, sondern folgten ihr aus dem Saal hinaus in den Hof. Dort standen sechs Särge, und meine Gefährten nahmen an, dass die sechs königlichen Personen darin lägen. Ich aber bemerkte den Schwindel wohl, wusste jedoch nicht, was man mit den anderen vorhatte.

Kommentar 35: Die Bedeutung der leeren Särge
Wie müssen wir dieses Schauspiel verstehen? Es wird damit betont, dass der enduristische Tod der sieben Bewusstseinsansichten, den der Schüler freiwillig in sich vollzieht, absolut nicht mit einem wirklichen, natürlichen Tod verglichen werden darf. Es ist ein Tod zum Leben, eine völlige Neutralisation der alten Natur, damit die neue Natur erwacht. (Jan van Rijckenborgh: Alchimische Hochzeit Band 2, S. 134)

Bei jedem Sarg standen acht vermummte Männer. Sobald nun die Musik anhob (es war ein so trauriges, feierliches Musizieren, dass ich mich entsetzte), hoben die Männer die Särge auf, und wir mussten, so wie wir aufgestellt wurden, hinterhergehen bis in den bereits erwähnten Garten. In dessen Mitte war ein hölzernes Gebäude errichtet, dessen Dach ringsum ein herrliches Kronensims besaß und auf sieben Säulen stand. Darin waren sechs ausgehobene Gräber und bei jedem lag ein Stein. In der Mitte aber lag ein runder, hochragender, ausgeholter Stein.

In diese Gräber wurden die Särge still und mit vielen Zeremonien herabgelassen, die Steine darübergeschoben und alles gut verschlossen. In der Mitte aber musste das kleine Kistchen stehen. So wurden meine Gefährten betrogen, denn sie glaubten, dass die Leichname der Getöteten in den Kisten lägen. Darauf lag eine große Fahne mit einem Phönix, um uns vielleicht noch mehr irrezuführen. Wieviel hatte ich Gott zu danken, da ich mehr als andere gesehen hatte.

Nachdem das Begräbnis vorüber war, hielt die Jungfrau, die sich auf den Stein in der Mitte gestellt hatte, eine kurze Ansprache. Wir sollten uns an unser Versprechen halten und nicht über künftige Mühen klagen, sondern den soeben begrabenen königlichen Personen wieder zum Leben helfen. Darum sollten wir unverzüglich aufbrechen und mit ihr zum Turm Olympus fahren, um dort die dafür taugende und notwendige Arznei zu holen.

Kommentar 36: Die Bedeutung des Turms von Olympus
Hier beginnt also deutlich die Arbeitsperiode, die völlig innerhalb der Sphäre der neuen Bewusstwerdung liegt. Vor allem wird unsere Aufmerksamkeit auf die Reise zum Turm von Olympus gelenkt. Wir wollen untersuchen, was wir darunter verstehen müssen. Aus der klassischen Mythologie wissen Sie, dass der Olymp ein Berg ist, der Wohnsitz der Götter. In der Bibel und in der Universellen Lehre spielen Berge eine große Rolle. Viele Namen werden uns genannt, aber sie haben tatsächlich alle denselben Zweck, nämlich den Ort, den Brennpunkt der Enthobenheit, der Befreiung anzudeuten. (Jan van Rijckenborgh: Alchimische Hochzeit Band 2, S.135)

Dem stimmten wir zu und folgten ihr durch eine andere Tür zum Ufer. Dort lagen die bereits beschriebenen Schiffe, jedoch alle leer. Alle Jungfrauen befestigten ihre Lorbeerzweige daran, und nachdem sie uns auf die sechs Schiffe verteilt hatten, ließen sie uns im Namen Gottes fahren und sahen uns nach, solange sie konnten. Dann gingen sie mit allen Wächtern wieder ins Schloss zurück.

Lesen Sie auf der nächsten Seite:
Was Christian Rosenkreuz auf seiner Schifffahrt zum Turm von Olympus erlebt

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