Ein Wegweiser für Suchende: der Spruch über dem Eingang des Hildesheimer Theaters.
„Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben. Bewahret sie, sie sinkt mit euch. Mit euch wird sie sich heben.“ Diese unaussprechliche Würde habe ich verzweifelt gesucht - und gefunden. Sie wohnt als Wesenskern im Menschen, ist eins mit dem göttlichen Leben.
Wer vor dem Hildesheimer Theater steht und hinauf zum Giebel schaut, sieht dort in steinernen Lettern den Satz:
Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben.
Bewahret sie, sie sinkt mit euch.
Mit euch wird sie sich heben. (Friedrich Schiller)
Vor vielen Jahren arbeitete ich an diesem Theater, und da ich täglich an dem hohen Portal mit seinen altgriechisch anmutenden Säulen vorbeikam, habe ich immer wieder den Satz dort oben gelesen. Ja, er passte hierher. Bezeichnet man Theater nicht häufig als Musentempel, einen Ort, der den Göttinnen der Künste geweiht ist? Sie müssten es also sein, so dachte ich, in deren Hände der Menschheit Würde gelegt ist – und damit auch die meine. Kunst kann tatsächlich erhebend sein, wenn sich der Betrachter ganz für ihre Botschaft öffnet, sie in sich widerklingen fühlt und zulässt, dass sich dadurch etwas in ihm verändert.
Theater als innere Läuterung
Im alten Griechenland war das Schauspiel eine Art Gottesdienst, war der Katharsis geweiht, jener inneren Läuterung, die die Zuschauer durchlebten, wenn sie sich mit den Gewissensnöten der Helden identifizierten und mit ihnen Einsicht und Reue empfanden. Sie konnten stellvertretend erfahren, wie es in einem Menschen aussieht, den das Schicksal in einen tragischen Konflikt geführt hat: zwischen zwei Prinzipien, die nicht negiert werden dürfen; und wie er verzweifelt erkennen muss, dass er sich auf jeden Fall schuldig machen wird, egal, wie er sich entscheidet. Eins von zwei ethischen Gesetzen wird er verraten, also einen von zwei Göttern, wie es in der griechischen Antike hieß. Auch bei Romeo und Julia begegnet man diesem Thema wieder: Beide müssen wählen zwischen Liebe und Gehorsam ihren Eltern gegenüber und der Liebe für einander. In ihrer Not beschließen sie, gemeinsam zu sterben.
Ja, dachte ich damals, das betrifft die Würde, den tiefsten inneren Wert, den ein Mensch besitzt und den er verliert, wenn er schuldig geworden ist. Sie sinkt mit euch, heißt es in Schillers Satz, aber auch: Mit euch wird sie sich heben.
Eine Zeit lang beruhigte mich der Gedanke, durch Zuschauen und Mitleiden tatsächlich selbst erhoben und gestärkt zu werden für den Fall, dass ich auch einmal in einen solchen Zwiespalt geraten könnte, in eine Situation, in der ein Teil von mir einen anderen Teil verrät - und es nicht vermeiden kann. Ich spürte deutlich, dass das möglich war, ja, dass ich es mit Sicherheit irgendwann erleben würde.
Wissenschaft als Rückverbindung zu Gott
Doch dann traf mich eine neue Erkenntnis: Nicht das Theater, die Musen und die Künstler sind es, die meine Würde in den Händen tragen, sondern die Wissenschaft mit ihren revolutionären Entdeckungen! Sie ist es doch vielmehr, die erkundet, was Menschheit und Welt zugrunde liegt! Durch ihr Wissen allein spricht in der heutigen Zeit das, was wir Gott nennen. Durch sie kann die menschliche Würde erhoben werden. Ich begann Artikel über neueste Forschungen zu lesen und war fasziniert von den Wundern, die für jene sichtbar und erfahrbar werden, die genug Kenntnis erworben haben. Sie allein sind fähig, die richtigen Fragen zu stellen und Antworten darauf zu finden, so dachte ich. Die Wissenschaft würde die Religio, die wahre Religion, wieder herstellen, die Rückverbindung zu Gott.
Irgendwann erkannte ich enttäuscht, dass ich die großen Dinge, von denen ich las, nicht behalten konnte, dass ich sie nur verstand, wenn jemand sie mir geduldig auseinandersetzte, und sie dann wieder vergaß. Sie veränderten mein Leben nicht. Ich blieb außen; mit meinem Inneren, meiner Würde hatte das in Wahrheit nichts zu tun.
Und ich fragte mich, wer denn noch bliebe, um die Menschheit und damit auch mich zu erheben. Denn dass das dringend nötig war, spürte ich immer deutlicher. Wer war stark genug, sicher genug? Wo war Gott, wer führte mich zu ihm, tief in ihn hinein? An eine personifizierte Gottheit konnte ich schon lange nicht mehr denken. Alles, was Gott ausmachte, musste Kraft sein, Klang, Licht, Strahlung, Liebe. Es musste groß und weit, so allumfassend sein, dass ich es nie verstehen und nie erreichen würde. Das deprimierte mich zutiefst. Ich nahm mir vor, mich mit diesen Themen nicht mehr zu beschäftigen, denn es gab ja offenbar niemanden, der mich leiten und mir helfen konnte. Und allein mit ihnen zu sein, tat weh.
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