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Kleines Gleichnis zur Vergänglichkeit


Alles Lebende vergeht in dieser Welt und zerfällt. Die äußere Erscheinungsform wird alt und verwest. Ein Erleuchteter kann dennoch das Wesen wahrnehmen, sein Auge wird durch die Form nicht getäuscht.

In der islamischen Mystik wird in einer persischen Legende erzählt, dass Jesus bei einer Wanderung mit seinen Jüngern auf einen Hundekadaver stößt. Das Tier verwest bereits, und die Jünger halten sich ihre Nasen zu und wenden sich entsetzt ab. Jesus aber bleibt eine Weile stehen und betrachtet aufmerksam den toten Hund. Die Jünger fragen den Meister, warum er nicht weiter gehe. Jesus antwortet ihnen: „Er hat schöne weiße Zähne.“

Jesus wertet das Gesehene nicht, wie der Mensch es gewöhnlich tut. Er weiß, dass alles eine Daseinsberechtigung hat, das Schöne und das Hässliche, das Leben und der Tod. Jesus sucht etwas Lobenswertes in dem Hundekadaver.

Ein reiner Mensch oder ein Erleuchteter wie Jesus hat keinen Bezug zu etwas Unreinem. Das Unreine kann sich in ihm gar nicht spiegeln. Er nimmt wahr, was außen ist, ohne Urteil. Was außen besteht, kann „gut“ oder „schlecht“ sein. In einem erleuchteten Menschen befinden sich nur Licht und Ewigkeit. In ihm existieren nicht die zwei Pole der Vergänglichkeit. Er hat keine Entsprechung dazu. Dadurch ist er unangreifbar.

Eine erleuchtete Seele ist unantastbar

Was bedeutet diese Unangreifbarkeit? Ein durch das Licht gereinigter Mensch befindet sich seelisch auf einer ganz anderen Ebene als sein körperlicher Zustand. Sein Denken, Fühlen und Wollen haben sich verändert und verwandelt. Sie sind nicht mehr ego-zentrisch wie bei dem Menschen in der polaren Welt, sondern christo-zentrisch, das heißt auf den Christus, auf die All-Liebe ausgerichtet. Somit kann ein erleuchteter Mensch unmöglich auf Streit oder Disharmonie gerichtet sein. Seine Seele ist daher unantastbar.

Der Gestank und der Anblick eines toten Tieres können einen Seelen-Menschen nicht stören. Er sucht in den Dingen, die „schlecht“ sind, etwas, das hervorzuheben ist, um es zu beleben. Seine sinnesorganische Wahrnehmung ist verändert und hat sich in das Herz verlagert. Der Erleuchtete sieht das Wesen, den Inhalt aller Dinge, nicht nur die Oberfläche oder die Form. Allein die Form kann das Auge täuschen, wenn man das Wirkliche – den Inhalt – nicht wahrnehmen kann. Im „Kleinen Prinzen“ des französischen Schriftstellers Antoine de Saint-Exupéry heißt es: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

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