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Die vergessene Geschichte der Rosenkreuzer-Manifeste

Johann Valentin Andreae (1586-1654)
Johann Valentin Andreae (1586-1654)

Die Manifeste der Rosenkreuzer lösten Anfang des 17. Jahrhunderts einen wahren Sturm im geistigen Europa aus. Seine Heftigkeit weist darauf hin, dass ihre Botschaft die Menschen zutiefst getroffen hat. Die vergessene Geschichte der Manifeste spricht ihre eigene Sprache.

Das europäische Christentum war im 16. und 17. Jahrhundert in eine tiefe Krise geraten. Die Reformbewegungen von Luther und Calvin hatten die Vorherrschaft der römischen Kirche untergraben. Die Reformer reagierten nicht nur auf die Missstände und den Verfall innerhalb der Kirche, sondern wollten zugleich den individuellen Glauben auf der Basis der Selbstverantwortlichkeit des Einzelnen stärken.

Aber sowohl Luther als auch Calvin legten neue Dogmen fest, die sie aus der Vergangenheit übernahmen. Hierzu gehört zum Beispiel die Lehre von der Vorherbestimmung im Calvinismus, nach der Gott von Anfang an das Schicksal des Universums und aller Menschen festgelegt hat. Luther und Calvin beriefen sich dabei auf die Autorität der Bibel. In der Praxis führte dies bei den meisten Anhängern dazu, dass der Buchstabe über den Geist gestellt wurde.

Die Sehnsucht nach der unsichtbaren Kirche

Als Reaktion hierauf entstand unter den deutschen Spiritualisten Kaspar Schwenckfeld, Valentin Weigel und Sebastian Franck der Wunsch nach einer inneren Kirche, die – wie schon Paulus lehrte – aus dem Inneren des Menschen entsteht; einer unsichtbaren Kirche, die alle Menschen vereinigt, die dem göttlichen Geist folgen.

Inmitten der großen Krisenzeit, dem Streit zwischen Reformation und Gegenreformation, der zum verheerenden dreißigjährigen Krieg führte, traf vor diesem Hintergrund die Veröffentlichung der drei klassischen Rosenkreuzer-Schriften die geistige Welt im alten Europa wie ein Paukenschlag.

Der Tübinger Kreis

Hinter den Manifesten – insbesondere hinter den Texten der Fama und der Confessio –  stand der so genannte „Tübinger Kreis“, ein Freundeskreis, der 1608 aus 12 Mitgliedern bestand. Er war durch den Juristen Tobias Hess ins Leben gerufen worden, der sich eingehend mit der paracelsischen Heilkunst, der Alchemie und der Bibel befasst hatte. Die Erkenntnisse des Tübinger Kreises beruhten auf einer dreifachen Bemühung: der Vertiefung in die Heilige Schrift, der Erforschung der Natur und einer Lebensführung, die von der Liebe zu Gott und dem Nächsten gekennzeichnet war.

Was im Mittelalter vorbereitet worden war und sich in der Zeit danach weiter entwickelte, trat in den ersten Jahren des 17. Jahrhunderts als „Programm“ einer allgemeinen Weltreformation durch die Rosenkreuzer-Bruderschaft an die Öffentlichkeit. Das mystische, alchemistische, astrologische und naturphilosophische Bestreben der Brüder floss darin zusammen.

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