Ungetrübt, klar und hell - die Heiterkeit des Seins.
Was ist das Geheimnis der Menschen, die andere mit ihrer stillen Heiterkeit anstecken können? Sie haben die verborgene Quelle in sich entdeckt, aus der Urvertrauen, Frohsinn und gelassener Gleichmut strömen können.
Wer kennt nicht die unwilligen und trübsinnigen Gesichter morgendlicher Fahrgäste in Bussen und Bahnen, die irgendwie grau und müde ihren Arbeitstag beginnen. Was geschieht, wenn einer einsteigt, dessen Augen warm und froh blitzen und dessen Gesicht leise lächelt? Seine Heiterkeit ist wie eine sprudelnde Quelle. Wie reagieren seine Mitmenschen in der Bahn? Schauen sie ihn an, oder blicken sie – etwas peinlich berührt – lieber zur Seite? Und wenn sie zur Seite blicken, wie lange dauert es, bis die unübersehbare Heiterkeit ihres Zeitgenossen sich auf sie überträgt? Eine solche Ausstrahlung kann dem Start in den Tag eine ganz andere Farbe geben. Aus grau wird blau. Das muss eine Ursache haben.
Heiterkeit ist ungetrübtes Sein
Aus dem Wetterbericht kennen wir eine „heitere Wetterlage“. Der Himmel zeigt sich dann azurblau und ungetrübt. Nur einige kleine, weiße Wölkchen ziehen vielleicht von Zeit zu Zeit über den blauen Hintergrund. Beim Nachdenken über das Wesen der Heiterkeit ist es vielleicht hilfreich, dieses Wetterbild vor Augen zu haben. Dabei wird deutlich, dass Heiterkeit im Grunde ein elementarer Zustand ist. Heiterkeit ist ungetrübtes Sein.
Die Erfahrung zeigt, dass Heiterkeit sehr schnell wieder eingetrübt werden kann - wie das Azurblau des Himmels, aber das ändert nichts daran, dass ein blauer, ungetrübter Urgrund immer existiert. Bei jeder Flugreise lässt sich die faszinierende Beobachtung machen, wie - trotz vielleicht dichtester Regenwolken beim Abheben der Maschine - schon nach kurzer Zeit, wenn die Wolkendecke durchbrochen ist, der Himmel sich rundum heiter und sonnig ausdehnt.
Dieser heitere und sonnendurchflutete Himmel kann als Symbol für den Kern des menschlichen Wesens betrachtet werden. Dieser Urgrund ist jedoch bei den meisten Menschen in Vergessenheit geraten, da Menschen immer wieder so intensiv damit beschäftigt sind, Gedanken, Gefühle und Absichten davor zu schieben. All die mentalen Gebilde bauen sich wie mächtige Gewitterwolken vor dem heiteren Urgrund auf und lassen das Licht oft nicht mehr durchscheinen. Und dennoch sind Urgrund wie Himmel immer da.
Heiterkeit liegt im Menschen verborgen
Die Natur enthält eine Fülle von Spiegelungen innerer menschlicher Zustände. So lässt sich anhand des Wetterbildes auch die Grundstruktur der menschlichen Wesenheit verstehen, bei der zwei Schichten zu unterscheiden sind. Im tiefsten Wesen existiert ein ewiger, unveränderlicher göttlicher Kern. Er wird jedoch von einer dicken Schicht vergänglicher Wesenselemente (dem Ich mit seinem Denken, Fühlen und Wollen) umhüllt, so dass das wahre innere Wesen nicht mehr richtig durchstrahlen kann. Es ist gewissermaßen von den Wolken des Egos überlagert. Heiterkeit aber ist ungetrübtes Sein. Sie passt in keine starre Form und kann keine Eigenschaft eines Wolken bildenden Egos sein.
Heiterkeit ist ein Gemütszustand, der sich ganz spontan einstellen kann, wenn das Ich zur Seite tritt und Platz macht für das wahre, innere Wesen. Dieses innere Wesen erschafft im Menschen einen völlig anderen Blick auf die Welt und das Leben. Es macht von innen her weit und offen. Es verbindet den Menschen mit all seinen Mitgeschöpfen. Es verbindet ihn mit seinem Schöpfer. Es verbindet mit einer Kraft, die nicht aus dieser Welt zu erklären ist. Eine Leichtigkeit bricht sich Bahn. Das macht froh und frei.
Heiterkeit entsteht aus dem Innersten
Heiterkeit lässt sich nicht lernen. Sie liegt im Menschen verborgen und kann dort gefunden werden. Wer heiter ist, hat keine Angst. Wer heiter ist, ist nicht ständig mit sich selbst beschäftigt. Heiterkeit ist nicht konservierbar; sobald sie festgehalten werden soll, entzieht sie sich. Sie möchte sofort und frisch gelebt werden.