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Die Geschichte der Katharer (Teil 1): Das Ziel der Andersgläubigen


Die Katharer prägten vom 12. bis zum 14. Jahrhundert das religiöse und gesellschaftliche Leben in Südfrankreich. Am Übergang zur Renaissance waren sie ein Vorbild für ein reines Leben im Geist des ursprünglichen Christentums. Ihre Kultur wurde durch die Inquisition vernichtet.

Geschichte wird immer von den Siegern geschrieben. Die Geschichte der Katharer, die insbesondere in der Zeit vom 12. bis zum 14. Jahrhundert in den südfranzösischen Regionen des Languedoc und in Katalonien wirkten, wurde von der römischen Kirche bestimmt. Sie ist überliefert durch zahlreiche theologische Texte, die zu jener Zeit gegen diese neue, abtrünnige Bewegung verfasst wurden, und durch die umfangreichen Berichte aus den Archiven der Inquisition.

Das Ende des Katharismus wurde durch den Albigenser-Kreuzzug (1) eingeleitet, der 1209-1229 durch Papst Innozenz III initiiert wurde, um die „Ketzerei“ in Südfrankreich zu zerschlagen und die Macht der römischen Kirche zu erhalten. Viele der überlieferten Texte belegen das verzerrte Bild der Katharer, das gezeichnet wurde, um sie zu diskreditieren und sie wie die Pest aus der Gesellschaft zu verbannen.

In seinem Werk „Über den katholischen Glauben“, das Ende des 12. Jahrhunderts in Montpellier geschrieben wurde, beschreibt Alain de Lille die angebliche Etymologie des Wortes Katharer. Es bedeutet nach seiner Definition „Anbeter der Katze“. Die Katze galt als Bild Satans. Diese Analogie ist nur ein Beispiel für das Bestreben, die Katharer als verachtenswerte und der Gesellschaft gefährliche Kreaturen darzustellen. In Wirklichkeit leitet sich die Bezeichnung Katharer vom griechischen καθαρός, katharós, ‚rein’ ab, womit der reine Lebenswandel der katharischen Männer und Frauen gemeint ist.

Das Ziel der Katharer: Ein reines Leben im Geist des ursprünglichen Christentums

Dachten diese „Abtrünnigen“ wirklich, wie außerdem behauptet wurde, dass schwangere Frauen den Dämon im Schoß trügen, und dass alles in dieser Welt wertlos sei? Waren sie so verdorben, dass sie ihren Ruf als „Reine“ dazu missbrauchten, um ungestraft Verbrechen zu begehen?  Verteidigten sie eine totale sexuelle Freiheit, die sogar Inzucht zwischen Eltern und Kindern einschloss? Aus heutiger Sicht sind solche Diffamierungen haltlos. Der Katharismus bildete vor allem eine Reformbewegung, deren Ziel die Rückkehr zum ursprünglichen Christentum in seiner reinsten und authentischsten Form war. Diese fest in der Gesellschaft verankerte Bewegung hat die mittelalterliche Denkweise wesentlich beeinflusst oder zumindest weitgehend zur ihrer Veränderung beigetragen.

Der katharische Impuls in der Zeit des Übergangs vom Mittelalter zur Reniassance

Die Zeit der Geburt, der Reife und des Niedergangs des Katharismus zwischen dem 12. und 14. Jahrhundert war eine Epoche großer Veränderungen und eines beachtlichen sozialen Fortschritts, der die Grundlage der Renaissance in der westlichen Kultur bildete. Genau genommen war dies eine Zeit des Übergangs zwischen zwei konkurrierenden Zivilisationsmodellen.

Auf der einen Seite blühte das feudalistische Modell, das streng und autoritär strukturiert war und sich auf wenige elitäre gesellschaftliche Gruppen stützte, die totalitäre Macht ausübten und die Hoheit über den Glauben hatten. Auf der anderen Seite begann sich ein offeneres, viel flexibleres und toleranteres Modell durchzusetzen, in dem die Bürger sich aktiv an der Verwaltung der Städte beteiligten.

Das neue Gesellschaftsmodell wurde nicht nur durch die Dynamik des Bürgertums und des Handels gestützt, sondern auch durch den offenen Austausch der verschiedenen Kulturen. Es basierte eher auf Rationalismus und Dialog als auf Glauben und Dogma und florierte ganz besonders in der südfranzösischen Region Okzitanien, von dem das heutige Languedoc ein Teil ist. Aber auch in den spanischen Regionen, die an das Miteinander von drei verschiedenen Kulturen gewöhnt waren, blühte und gedieh eine Gesellschaft des toleranten Miteinanders.

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