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Der Dichter Novalis und die Alchemie

Friedrich von Hardenberg (1772-1801), genannt Novalis
Friedrich von Hardenberg (1772-1801), genannt Novalis

Die alten Alchimisten suchten den Stein der Weisen, der unedle Metalle in Gold umwandelt. Für Novalis ist ein wahrer Alchimist, wer den Stein in sich selbst findet. Der Sinn der Alchimie ist die Verwandlung des Menschen.
 
Der Universitätschemiker Helmut Gebelein findet beim Blick in die Geschichte, dass „besonders hinzuweisen wäre auf Novalis, der vielen als ein Weiser gilt, der in seinen Werken hermetische Weisheiten mitteilt. Die Blaue Blume der Romantik in ‚Heinrich von Ofterdingen’ ist ganz eindeutig aus der Alchemie entnommen.“ 1

Friedrich von Hardenberg (1772–1801), der unter dem Namen Novalis publizierte, war einer der kreativsten Köpfe der deutschen Romantik. Bis heute gilt die von ihm „entdeckte“, oft zitierte „Blaue Blume“ als zentrales romantisches Symbol. Weniger bekannt ist, dass diese Blume der alchemistischen Bilderwelt entlehnt und Novalis in Leben und Werk von hermetischer 2 Weisheit inspiriert wurde.
Hardenberg begann seine vielversprechende Laufbahn als Verwaltungsjurist. Um sich auf neue Aufgaben in der kurfürstlichen Salinenverwaltung vorzubereiten, studierte Novalis nach dem Tod seiner Verlobten ab 1797 Bergbau und Chemie. Aus eigenem Antrieb vertiefte er sich zudem in Geschichte und Wesen der Alchemie (die Vielen bereits als wissenschaftlich veraltet galt); schon vorher hatte er sich mit ihr befasst, jedoch in geringerem Ausmaß.3

Was wollten die alten Alchemisten?

Ihr Ziel war es, „Gold“ (auch „König“ genannt) herzustellen. Dazu wurden mindere Stoffe im Koch- bzw. Reagenzgefäß (dem Kolben) etlichen Mischungs- und Erhitzungsvorgängen unterworfen. Es galt, das rechte Elixier zu erzeugen, den Stein der Weisen zu finden. Durch ihn wurde der fromme Alchemist zum Eingeweihten, zum Adepten. Diese Weisheitslehre geht u.a. zurück auf das Mysterium des Gottes Apollon zu Delphi („Delphos“ genannt) und auf dessen Tempelinschrift „Erkenne dich selbst!“  
So heißt es denn am Ende von Novalis‘ Gedicht „Kenne dich selbst“ (1798):

„Glücklich, wer weise geworden und nicht die Welt mehr durchgrübelt,
Wer von sich selber den Stein ewiger Weisheit begehrt.
Nur der vernünftige Mensch ist der echte Adept – er verwandelt
alles in Leben und Gold – braucht Elixiere nicht mehr.
In ihm dampfet der heilige Kolben – der König ist in ihm –
Delphos auch, und er fasst endlich das: Kenne dich selbst.“
Im Inneren des vernünftigen (d.h. vernehmenden) Menschen selbst ist hier das „Reagenzgefäß“ platziert, und die alchemistischen Prozesse in diesem Gefäß deutet der Dichter als Stadien der Selbsterkenntnis, „als Reinigungs- und Läuterungsvorgänge im Inneren der Seele.“ 4

Damit geht er den Weg aller ernsthaften Alchemisten, für die stets die geistige Seite der Materie, aus der wir sind, den Vorrang hatte, der Aspekt der Heilung und Heiligung durch innere, geistig-seelische Wandlung (Transmutation). „Ambula ab intra – Wandle von Innen“ lautet deswegen ein alchemistischer Wahlspruch. 5

Die Verwandlung des Menschen

Der Sinn der alchemischen Transmutation liegt für Novalis in der Verwandlung des Menschen. Ziel der Wandlung ist das Wirklichwerden einer neuen Menschheit, die wieder zu ihrem Ursprung zurückfindet: „Gotteskinder, göttliche Keime sind wir. Einst werden wir sein, was unser Vater ist.“ 6  
 
Diese Tendenz ist  glücklicherweise bereits in uns angelegt, weil jeder von uns ein Mikrokosmos – also eine komplette „kleine Welt“ – ist, eine komplexe Widerspiegelung des göttlich bewirkten Makrokosmos’. Dennoch ist die Transmutation keine simple, dem Alltagsverstand leicht zugängliche Sache. Sie hat etwas Paradoxes an sich; deshalb spricht Novalis auch zugespitzt vom „Act des sich selbst Überspringens“ des Menschen, das heißt, er muss gewissermaßen über sich hinauswachsen. Dem Menschenkenner Novalis ist dabei klar bewusst, dass eine solche Verbesserung oder Erhöhung des Menschen nur in einem graduellen, stufenweisen Aufstieg sich vollziehen wird – eben analog zu den sieben Stufen des alchemischen Prozesses.

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